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Krippenbetreuung : Qualität - in jeder Beziehung

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Bild: Hinnerk Bodendieck

Die Debatte über die frühe Fremdbetreuung von Kindern polarisiert in Deutschland wie in kaum einem anderen Land. Das ist nicht zu verstehen ohne die Geschichte der deutschen Teilung. Allerdings ist es höchste Zeit, den Blick nach vorne zu richten und dabei all jenes zu bedenken, was man über dieses Thema wissen kann - wenn man es wissen will.

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          Dass die Debatte über die frühe Fremdbetreuung von Kindern in Deutschland wie in kaum einem anderen Land polarisiert, ist nicht zu verstehen ohne die Geschichte der deutschen Teilung. In der DDR wurde die frühe Erziehung im Kollektiv ebenso dogmatisch vertreten wie in der Bundesrepublik die Ansicht, dass nichts die Mutter-Kind-Beziehung ersetzen könne.

          Zu einem Umdenken führte erst eine Kinderschutzdebatte, die bis heute mit den Namen „Kevin“ oder „Lea Sophie“ verbunden ist - sie wurde nach mehreren schrecklichen Misshandlungs- und Vernachlässigungsfällen geführt. Warum musste es erst soweit kommen? Der englische Medizinsoziologe Michael King hat vor mehr als zehn Jahren versucht, gesellschaftliche, politische und moralische Agenden zu identifizieren, welche an Fragen des Kinderschutzes festgemacht wurden. King argumentierte, dass im Kontext einer politischen Agenda beziehungsweise im Kontext des Agendasettings im öffentlichen Diskurs nicht Individuen als Täter erscheinen oder auch Eltern, die an ihrer Erziehungsaufgabe gescheitert sind. Vielmehr würden soziale Systeme an den Pranger gestellt, weil sie ungerecht gegenüber Kindern seien. So könne ein einzelner Kinderschutzfall durch mediale Skandalisierung sowohl ein Problem in der Gesellschaft repräsentieren als auch einen Wertewandel in Bezug auf soziale Systeme markieren. Auf diese Weise ist in den vergangenen Jahren in Deutschland eine moralische Agenda in Bezug auf die Vernachlässigung von Kindern entstanden. Gleichzeitig begann ein Umdenken in Bezug auf Fremdbetreuung von Kleinkindern.

          Die Qualität früher Bindungen

          Indes weckt der Begriff (Fremd-)Betreuung eher Assoziationen an Kinder, die im Bällchenbad bei Ikea geparkt wurden, denn an fürsorgliche Beziehungen. In der englischsprachigen Debatte spricht man von „early child care“. Care schließt jenes fürsorgliche Beziehungselement ein, das für gelingende Betreuung und für eine gute Entwicklung des Kindes unabdingbar ist. Unstrittig ist in diesem Zusammenhang, dass die Entwicklungschancen und -risiken eines Säuglings oder Kleinkinds von der Qualität früher Bindungen bestimmt werden, allem voran von der Feinfühligkeit der zentralen Bezugspersonen (caregiver). Denn Kinder sind nur bereit, zu explorieren sowie im Spiel oder in sozialen Situationen zu lernen, wenn sie sich in einer emotional sicheren Beziehung aufgehoben fühlen. Sicher gebundene Kinder sind auch besser als unsichere in der Lage zu lernen. Denn in der frühen Kindheit werden kognitive Fortschritte vor allem durch entsprechende Anregungen durch die Bezugspersonen, die Explorationsbereitschaft und das Neugierverhalten des Kindes bestimmt. Sicher gebundene Kinder profitieren daher auch stärker von Fremdbetreuung als unsichere. Ansätze früher Bildung im Kindergarten, welche die Beziehungssicherheit der Kinder und damit deren emotionale Situation nicht berücksichtigen, klammern a priori den zentralen Faktor für Bildungserfolg aus.

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