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Vor 50 Jahren : Kunst für alle

  • -Aktualisiert am

Bild: Lutz Kleinhans

Der Rückblick auf das „Schwellenjahr“ 1966.

          Es heißt, 1966 sei ein Schwellenjahr gewesen, „unentschieden zwischen Stagnation und Umbruch“. Das sehe ich anders. Fest steht: Im Jahr 1966 war ich 28 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor, am 4. August, von Bitterfeld aus der DDR geflüchtet, war ich für kurze Zeit in Düsseldorf untergekommen. Da unser Ost-Abiturzeugnis vor den strengen ideologischen Augen des Westens keine Anerkennung fand, wurde ich zunächst nach Wuppertal eingewiesen und konnte schließlich in Heidelberg die notwendige Ergänzungsprüfung absolvieren. Hier lebe und arbeite ich noch heute - inzwischen mit Wohnung, Büro, Galerie und Lagerräumen in der Altstadt im Schatten des mächtigen Schlosses. Besucht habe ich die wohl berühmteste Ruine Deutschlands übrigens erst viele Jahre später. Ich wollte Christo anstiften, das brüchige Bauwerk für das Festival „intermedia ’69“ zu „verpacken“ - wie man damals sagte. Wegen unüberwindlicher technischer Schwierigkeiten und mutmaßlich viel zu hoher Kosten kam es nach langen Verhandlungen doch nicht dazu. Statt dessen führte Christo Regie bei der Verhüllung des deutlich kleineren Amerika-Hauses im Stadtzentrum. Was wir so nicht erwartet hatten, war der hemmungslose Zorn eines Teiles der Studentenschaft gegen unser Vorhaben. „USA=SS“ war eine der harmlosesten Parolen, die an die Gitterfolie gesprayt wurden.

          Klaus Staeck ist Künstler und war bis Mai 2015 Präsident der Akademie der Künste in Berlin.

          Nach 50 Jahren wird wohl fast jede Erinnerung mehr oder weniger brüchig und lückenhaft, wenn es nicht um schicksalhafte persönliche Einschnitte geht. Die Verwechslungen nehmen zu. Leider habe ich erst 1971 mit meinen täglichen Tagebuchnotizen begonnen. Sonst wäre es ein Leichtes, vor allem die persönlichen Wege und Irrwege nachzuzeichnen. Doch als Jäger und vor allem Sammler, der ich bis an die Suchtgrenze bin, gibt es allemal Möglichkeiten, in den angestauten Mengen von Papier und sonstigen Dokumenten zu wühlen, bevor man in der Not zu den einschlägigen Jahresbüchern greifen muss.

          Obwohl längst kein Student mehr, wohnte ich 1966 noch zusammen mit 200 Kommilitonen im Heidelberger Studentenwohnheim I am Klausenpfad, einem Hochhaus, das inzwischen abgerissen wurde. Als Tutor der „Arbeitsgemeinschaft Kunst“ hatte ich mir von der Heimleitung ein verlängertes, weil auch preiswertes Wohnen ertrotzt. Unser Heim war laut Satzung paritätisch belegt mit je einem Drittel Westdeutschen, Republikflüchtlingen und Ausländern - darunter zahlreiche Algerier, die als Studenten am Befreiungskampf ihres Volkes gegen die Kolonialmacht Frankreich teilgenommen hatten. Ich erinnere mich auch an Mitbewohner aus Moçambique, die ständig über ihren Kampf gegen die portugiesischen Kolonialherren debattierten. Spendenaufrufe für wechselnde hehre Ziele gehörten zu unserem Alltag.

          Täglicher Treffpunkt für das große Palaver über Politik und Kunst und Gott und die Welt war eine Bar im Keller. Auf Bitten der Heimselbstverwaltung hatte ich die Wände der Lokalität nach und nach mit eher düsteren abstrakten Motiven ausgemalt. Ich galt ja als der Künstler vom Dienst. Gefürchtet war der ominöse 11-Uhr-Paragraph der Hausordnung. Wer nach dieser Uhrzeit auch nur auf den Fluren des jeweils anderen Geschlechtes erwischt wurde, musste mit sofortiger Kündigung rechnen. Vor dem Heim befand sich übrigens ein riesiger kostenloser Parkplatz. Deshalb hatte ich nie Probleme, für meinen alten Buckel-VW einen Ruheplatz zu finden.

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