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Kirche und Staat : Oh Gott

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Bild: dpa

Die religionspolitische Ordnung in Deutschland ist aus den Fugen geraten. Die Großkirchen stören sich daran bislang wenig. Und wenn, dann reagieren sie in bester altbundesrepublikanischer Mentalität.

          11 Min.

          Seit einigen Jahren wird in Feuilletons und Philosophenkreisen die „Wiederkehr der Götter“ beschworen. In der Tat gibt es spürbares Interesse an der Religion und ihrem sperrigen Verhältnis zum modernen Denken. Doch man darf beweifeln, ob damit der Trend zu einer postsäkularen Gesellschaft einhergeht. In der harten Religionsempirie bilden sich weder eine flächendeckende Abkehr vor der Religion noch eine daran anschließende Rückkehr zu ihr ab. Die Mitte Europas ist längst zu einer religiös gemäßigten Zone geworden, auch wenn es Unterschiede zwischen Ost und West, Stadt und Land gibt. Die Volkskirchen erodieren und bleiben doch präsent. Parallel rückt der Islam mit allen seinen komplizierten Facetten in das öffentliche Bewusstsein. Orthodoxe Christentümer und fernöstliche Religionsformen treten hinzu.

          Diese Langzeitentwicklung führt zum Verlust religionspolitischer Selbstverständlichkeiten. Die überlieferte Praxis der wohlwollenden Kooperation zwischen Staat und Kirchen wird von Teilen der Gesellschaft in Frage gestellt. Die beiden großen Kirchen nehmen solche Prozesse öffentlicher Selbstverständigung in der Regel als Bedrohung institutioneller Eigeninteressen wahr. Die Entwicklung könnte für sie aber auch Anlass sein, selbstkritisch Ansprüche und Begehrlichkeiten zu prüfen. Zunehmend verbreitet sich in der Gesellschaft der Eindruck, dass diejenigen die Begründungslast tragen, die trotz veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse am religionspolitischen Status quo festhalten. Dieser argumentativen Bringschuld sollten sich auch die Kirchen stellen.

          In den Debatten über die öffentliche Rolle der Religion wird oft nicht hinreichend zwischen der normativen „Säkularität“ des Staates und den sozio-kulturellen Phänomenen der Säkularisierung unterschieden. In der Folge droht ein fataler Fehlschluss: Die Religionsfreiheit wird zur Freiheit von Religion halbiert, und der säkulare Staat verwandelt sich in ein hoheitliches Instrument säkularistischer Zwangsbeglückung. Die deutsche Verfassungsordnung unterscheidet hingegen feinsinnig: Der Staat des Grundgesetzes beruht auf dem Grundsatz gleicher Freiheit auch in religiös-weltanschaulichen Dingen. Er ist in diesem Sinne religiös-weltanschaulich neutral. Das Grundgesetz gründet auf einem normativen Selbststand, das heißt, es bedarf als demokratisch gesetzte Verfassungsordnung keiner weiter gehenden philosophischen oder theologischen Begründung. In diesem Sinne ist der Staat des Grundgesetzes säkular.

          Konsequent verbietet das Grundgesetz Staatsreligionen ebenso wie antireligiöse Staatsweltanschauungen, Staatskirchen ebenso wie einen Staatsislam. Das Freiheitsmodell des Grundgesetzes ist jedoch nicht rein negativ-ausgrenzend angelegt. Unsere Verfassung baut auf einen vitalen Gebrauch der Freiheiten und erlaubt, dass der Staat die Bedingungen zur effektiven Ausübung von Freiheit diskriminierungsfrei fördert. Die Abkehr vom landesherrlichen Kirchenregiment und staatlicher Kirchenhoheit erfolgte in der Weimarer Reichsverfassung des Jahres 1919 bewusst friedlich-schiedlich.

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