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Stasi-Unterlagenbehörde : Die Schwarzmaler

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Mit großem bürokratischem Aufwand schwärzen 460 Behördensachbearbeiter Daten und Fakten in den Stasi-Unterlagen selbst dann, wenn diese mehr als 70 Jahre zurückliegen. Jede herausgegebene Kopie wird von den Sachbearbeitern durchgearbeitet und oft je nach individueller Gesetzesauslegung und Kenntnis geschwärzt. Weder im Bundesarchiv noch im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes gibt es eine solche Verfahrensweise. Die Stasi-Unterlagenbehörde schwärzte beispielsweise den Nachnamen von Rechtsanwalt Horst Mahler, der 1967 die Witwe Benno Ohnesorgs vertrat. Die Kanzleianschriften von DDR-Rechtsanwälten wie Friedrich Karl Kaul oder Gregor Gysi hingegen bleiben offen. Bei Gysi schwärzte die Sachbearbeitung allerdings in einem rechtsanwaltlichen Schreiben die DDR-Kontonummer der Kanzlei aus dem Jahre 1979.

Den Sachbearbeitern, die meist keine ausgebildeten Archivare sind, fehlt häufig die Sachkunde über die Zusammenhänge, die in den von ihnen überwachten MfS-Akten abgehandelt werden. So kommt es in vorauseilender Vorsicht beispielsweise zur Schwärzung von Namen ausländischer Botschafter in der DDR oder zur Schwärzung von Namen und Decknamen ausländischer Geheimdienstleute oder von Offizieren des Geheimdienstes der Nationalen Volksarmee. Letzteres rechtfertigte die zuständige Sachgebietsleiterin mit der Belehrung, die Stasi-Unterlagenbehörde sei gesetzlich zur Aufklärung der MfS-Tätigkeit verpflichtet, nicht aber zur Aufklärung der Machenschaften des NVA-Geheimdienstes. Hinweise auf Autokennzeichen, die vor 50 Jahren in Verwendung standen, fielen dem BStU-Schwarzstift ebenso zum Opfer wie die Anschrift der Bundespressekonferenz in Bonn, der Name des Chefredakteurs der „Berliner Morgenpost“, der Name einer Hauskatze und in einem besonders kuriosen Fall der Name Gottes. Ein MfS-Spitzel berichtete 1981 über eine junge Christin: „X arbeitet z.Zt. in Klein Machnow als Helferin in einem Heim für Behinderte. Sie fühlt sich von Z dahin berufen“. Anonymisiert ist Gott.

In einschlägigen Handbüchern oder im Internet finden sich sämtliche Namen ehemaliger Botschafter in der DDR, so auch der von Julio Alfredo García Oliveras, von 1979 bis 1984 Botschafter der Republik Kuba in der DDR. Der im gleichen Dokument geschwärzte Name des kubanischen Verbindungsoffiziers ist im Bundesarchiv Berlin in den Unterlagen des DDR-Innenministeriums zugänglich. Es handelte sich um Walfredo Gaciga Orama, der am 24. Juni 1982 in Ost-Berlin vorstellig wurde und zuvor für den kubanischen Geheimdienst „5 Jahre Resident in Italien“ war. Auch die Namen einer Delegation des kubanischen Innenministeriums fielen aus unerfindlichen Gründen dem behördlichen Schwarzstift zum Opfer. Im Bundesarchiv-Bestand der Abteilung Auslandsbeziehungen des DDR-Innenministeriums findet sich das Protokoll des Besuchs dieser kubanischen Delegation bei Erich Honecker am 7. Dezember 1982. Bei dem an zweiter Stelle von der Stasi-Unterlagenbehörde anonymisierten Delegationsmitglied handelte es sich um Pascual Martínez Gil, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas, stellvertretender Innenminister und Chef der kubanischen Geheimpolizei. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

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