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Stasi-Unterlagenbehörde : Die Schwarzmaler

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Nach Auskunft der Stasi-Unterlagenbehörde arbeiten im dortigen Archivbereich zurzeit 485 Personen, davon 201 in den zwölf Außenstellen und 284 am Standort Berlin. Nur 124 oder annähernd ein Viertel der im Archivbereich Beschäftigten verfügen über eine archivfachliche Ausbildung. Die Abteilung Zentrale Verwaltung der Stasi-Unterlagenbehörde beschäftigt 446 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 148 im Haussicherungsdienst.

Zum Vergleich: Der Abteilung Zentrale Verwaltung des Bundesarchivs sind nur 154 Stellen zugeordnet. Die Zahl der aus-gebildeten Facharchivare des Bundesarchivs liegt bei 185, davon sind 15 mit Editionen befasst. Alles in allem betreut das Bundesarchiv im Vergleich mit der Stasi-Unterlagenbehörde mit halb so großem Personalaufwand, mit deutlich kleinerem Verwaltungsaufwand und mit größerer Effektivität eine mehr als dreimal größere Aktensammlung mit historischem Schriftgut.

Das Bundesarchiv verpflichtet die Nutzer seines Archivgutes zur Wahrung der Urheber- und Persönlichkeitsrechte sowie zur Wahrung schutzwürdiger Belange von Personen, die in Dokumenten erwähnt werden. Wer mit solchen Unterlagen des Bundesarchivs arbeitet, stellt in einer schriftlichen Verpflichtungserklärung das Archiv bei Verstößen von der Haftung frei und versichert seine Eigenverantwortlichkeit für etwaige Rechtsverstöße. In der Stasi-Unterlagenbehörde überwachen Sachbearbeiter die Herausgabe von MfS-Unterlagen. Sie entscheiden auch darüber, welche MfS-Unterlagen Antragstellern überhaupt vorgelegt und welche Schwärzungen in den Unterlagen vorgenommen werden.

Wie sie von der Stasi-Unterlagenbehörde herausgegeben werden, sind die Kopien von MfS-Unterlagen für viele zu DDR-Zeiten bespitzelte Ost- und Westdeutsche nur schwer oder gar nicht verständlich. Die von den Schwarzmalern der Behörde vorgenommenen Anonymisierungen von Personen und Zusammenhängen entstellen die Aktenkopien bis zur Unkenntlichkeit. Das erschwert auch die zeitgeschichtliche Forschung. Zwar dürfen Wissenschaftler aus Forschungsinstituten seit einigen Jahren nach Abgabe einer besonderen Verpflichtungserklärung MfS-Unterlagen ohne Schwärzungen in der Behörde lesen. Kopien werden vor der Herausgabe jedoch von Sachbearbeitern durchgesehen und geschwärzt. Die solcherart zugerichteten MfS-Unterlagen sind für die Weiterverwendung in einer Forschungseinrichtung nur eingeschränkt brauchbar, da wichtige personelle und zeithistorische Zusammenhänge hinter schwarzen Balken verschwinden oder MfS-Unterlagen seitenweise völlig abgedeckt als Kopien herausgegeben werden. Jährlich gibt die Stasi-Unterlagenbehörde mehr als eine Million Kopien von Seiten aus Stasiakten heraus. Die geschwärzten Unterlagen werden nochmals als behördliche Belegstücke kopiert, was die verbrauchte Papiermasse und den bürokratischen Ablauf zusätzlich erheblich erhöht.

Während im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und im Bundesarchiv seit geraumer Zeit die Möglichkeit besteht, das vorgelegte Archivgut mit dem Mobiltelefon oder Fotoapparat selbst zu dokumentieren, führte in der Stasi-Unterlagenbehörde der Versuch einer Wissenschaftlerin, die ihr vorgelegten Aktenblätter zu fotografieren, zu einem sofortigen Hausverbot. So will es das Stasi-Unterlagengesetz.

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