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Gesellschaft : Fremd im eigenen Land?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Problem, auf das Bewegungen wie Pegida oder neue Parteien wie die Piraten und die AfD reagieren und das ihren Nährboden bereitet, sind nicht die Flüchtlinge, die Ausländer oder die Muslime, selbst wenn deren Anhänger das glauben mögen und deren Organisatoren das geschickt vorgaukeln.

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          Jeder fünfte, vielleicht sogar jeder dritte Deutsche fühlt sich nach aktuellen soziologischen Untersuchungen manchmal fremd im eigenen Land, empfindet sich als Fremder im öffentlichen Leben. Als Innenminister Thomas de Maizière vor einigen Monaten im Zusammenhang mit dem Pegida-Phänomen Verständnis für diese Empfindung und die mit ihr verbundenen Ängste äußerte, war das Stirnrunzeln groß: Wie können sich ausgerechnet die Bürger in und um Dresden bei einem Ausländeranteil von unter drei Prozent (in Sachsen) als Fremde fühlen? Bei 0,1 Prozent Muslimen?

          Die scheinbar grotesk auseinanderstrebenden Zahlen werden bis in die aktuelle Flüchtlingsdebatte hinein stets als Ausdruck latenter oder offener Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Aber womöglich handelt es sich dabei um eine Fehlzuschreibung, die Forscher wie Befragte gleichermaßen vollziehen und von der rechtspopulistische Organisationen profitieren: „Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal fremd im eigenen Land“ - dieser Aussage stimmen nach einer aktuellen Studie 17,5 Prozent der Deutschen zu. Es ist aber durchaus unklar, welcher der beiden Aussageteile sie dabei wirklich motiviert: dass sie sich manchmal wie Fremde im eigenen Land fühlen - oder dass daran die Muslime „schuld“ sind?

          Gut möglich, dass die Forscher und die politischen Deuter den Zusammenhang zwischen diesen beiden logisch völlig getrennten Hälften durch die diskursive Verknüpfung enger ziehen, als es die Befragten von sich aus täten. Dabei lässt sich an dem einen Befund wenig aussetzen, weil er ein subjektives Gefühl zum Ausdruck bringt: Die Befragten fühlen sich fremd im eigenen Land. Die andere Seite ist aber durchaus interpretationsoffen. Selbst wenn die Befragten tatsächlich der Auffassung wären, die Muslime oder „die Ausländer“ seien die Ursache für ihr Gefühl des In-dieser-Welt-nicht-mehr-zu-Hause-Seins, muss diese Zuschreibung ja nicht richtig sein. Genau genommen, kann sie bei 0,1 Prozent Muslimen nicht richtig sein. Gibt es vielleicht ganz andere Ursachen für die Fremdheitserfahrung und das damit einhergehende politische Unbehagen, und die Fremden, die Flüchtlinge, die Muslime bilden für dieses Gefühl nur eine willkommene Projektionsfläche?

          Sucht man mit den Mitteln soziologischer Analyse nach möglichen Ursachen für Entfremdungserfahrungen und für deren Kristallisation im Osten der Republik, dann stößt man auf drei komplementäre Erklärungen. Erstens: Fremd im eigenen Land, in der eigenen Stadt fühlen sich nicht selten ältere Mitbürger. Das ist nicht verwunderlich. Moderne Stadtlandschaften ändern rasch ihr Erscheinungsbild und ihren Charakter. Ganze Stadtviertel verschwinden. Das alte Café hat geschlossen, Starbucks ist eingezogen. Das neue Parkleitsystem ist verwirrend. Die Telefonzellen sind nicht mehr da. Die englische Sprache ist allgegenwärtig geworden - wer sie nicht spricht, kann sich vor manchem Schaufenster fremd fühlen. Die Techniken und Praktiken des Bezahlens, der Toilettenbenutzung, der Kundenberatung, des Fahrkartenkaufs und so weiter - sie alle haben oft nur wenige Monate Bestand.

          Die Beschleunigung des sozialen Wandels führt dazu, dass sich nicht nur ältere Menschen schnell anachronistisch, veraltet fühlen in einer neuen Welt: Wer nach zehn Jahren an einen ehemaligen Lebensort zurückkehrt, der macht schnell die Feststellung, dass das nicht mehr „seine Welt“ ist, die vertraute, angestammte Heimat. Diese Entwicklung hat mit Migration allerdings gar nichts zu tun, selbst wenn die Wahrnehmung von Einwanderern zum Katalysator für diese Fremdheitserfahrung werden kann.

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