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Gesellschaft : Fremd im eigenen Land?

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Bild: dpa

Das Problem, auf das Bewegungen wie Pegida oder neue Parteien wie die Piraten und die AfD reagieren und das ihren Nährboden bereitet, sind nicht die Flüchtlinge, die Ausländer oder die Muslime, selbst wenn deren Anhänger das glauben mögen und deren Organisatoren das geschickt vorgaukeln.

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          Jeder fünfte, vielleicht sogar jeder dritte Deutsche fühlt sich nach aktuellen soziologischen Untersuchungen manchmal fremd im eigenen Land, empfindet sich als Fremder im öffentlichen Leben. Als Innenminister Thomas de Maizière vor einigen Monaten im Zusammenhang mit dem Pegida-Phänomen Verständnis für diese Empfindung und die mit ihr verbundenen Ängste äußerte, war das Stirnrunzeln groß: Wie können sich ausgerechnet die Bürger in und um Dresden bei einem Ausländeranteil von unter drei Prozent (in Sachsen) als Fremde fühlen? Bei 0,1 Prozent Muslimen?

          Die scheinbar grotesk auseinanderstrebenden Zahlen werden bis in die aktuelle Flüchtlingsdebatte hinein stets als Ausdruck latenter oder offener Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Aber womöglich handelt es sich dabei um eine Fehlzuschreibung, die Forscher wie Befragte gleichermaßen vollziehen und von der rechtspopulistische Organisationen profitieren: „Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal fremd im eigenen Land“ - dieser Aussage stimmen nach einer aktuellen Studie 17,5 Prozent der Deutschen zu. Es ist aber durchaus unklar, welcher der beiden Aussageteile sie dabei wirklich motiviert: dass sie sich manchmal wie Fremde im eigenen Land fühlen - oder dass daran die Muslime „schuld“ sind?

          Gut möglich, dass die Forscher und die politischen Deuter den Zusammenhang zwischen diesen beiden logisch völlig getrennten Hälften durch die diskursive Verknüpfung enger ziehen, als es die Befragten von sich aus täten. Dabei lässt sich an dem einen Befund wenig aussetzen, weil er ein subjektives Gefühl zum Ausdruck bringt: Die Befragten fühlen sich fremd im eigenen Land. Die andere Seite ist aber durchaus interpretationsoffen. Selbst wenn die Befragten tatsächlich der Auffassung wären, die Muslime oder „die Ausländer“ seien die Ursache für ihr Gefühl des In-dieser-Welt-nicht-mehr-zu-Hause-Seins, muss diese Zuschreibung ja nicht richtig sein. Genau genommen, kann sie bei 0,1 Prozent Muslimen nicht richtig sein. Gibt es vielleicht ganz andere Ursachen für die Fremdheitserfahrung und das damit einhergehende politische Unbehagen, und die Fremden, die Flüchtlinge, die Muslime bilden für dieses Gefühl nur eine willkommene Projektionsfläche?

          Sucht man mit den Mitteln soziologischer Analyse nach möglichen Ursachen für Entfremdungserfahrungen und für deren Kristallisation im Osten der Republik, dann stößt man auf drei komplementäre Erklärungen. Erstens: Fremd im eigenen Land, in der eigenen Stadt fühlen sich nicht selten ältere Mitbürger. Das ist nicht verwunderlich. Moderne Stadtlandschaften ändern rasch ihr Erscheinungsbild und ihren Charakter. Ganze Stadtviertel verschwinden. Das alte Café hat geschlossen, Starbucks ist eingezogen. Das neue Parkleitsystem ist verwirrend. Die Telefonzellen sind nicht mehr da. Die englische Sprache ist allgegenwärtig geworden - wer sie nicht spricht, kann sich vor manchem Schaufenster fremd fühlen. Die Techniken und Praktiken des Bezahlens, der Toilettenbenutzung, der Kundenberatung, des Fahrkartenkaufs und so weiter - sie alle haben oft nur wenige Monate Bestand.

          Die Beschleunigung des sozialen Wandels führt dazu, dass sich nicht nur ältere Menschen schnell anachronistisch, veraltet fühlen in einer neuen Welt: Wer nach zehn Jahren an einen ehemaligen Lebensort zurückkehrt, der macht schnell die Feststellung, dass das nicht mehr „seine Welt“ ist, die vertraute, angestammte Heimat. Diese Entwicklung hat mit Migration allerdings gar nichts zu tun, selbst wenn die Wahrnehmung von Einwanderern zum Katalysator für diese Fremdheitserfahrung werden kann.

          Zweitens: Wenn Bürger in Ost und West zu Protokoll geben, sie fühlten sich fremd oder wie Fremde im eigenen Land, dann ist dies zunächst einmal ein eindeutiges Symptom für fehlende oder misslungene Anverwandlung: Die Strukturen und Institutionen des öffentlichen Lebens und der Welt, in der sie sich bewegen, werden als äußerlich, als fremd, vielleicht als aufgezwungen erfahren, auf jeden Fall nicht als die eigenen, heimischen, zugehörigen erlebt, in denen sich die Bürger wiedererkennen, weil sie sie als gemeinsam geschaffene anerkennen.

          Im Unterschied zu vormodernen Gesellschaften erscheinen die öffentlichen Institutionen und Organisationen der Moderne nicht mehr als gottgewollt oder naturgegeben und auch nicht als unumstößlich, sondern als das oft ungewollte und unkontrollierte Ergebnis kontingenter historischer Prozesse und diffuser Machtkämpfe und Konflikte. Der moderne Mensch jedenfalls fühlt sich nicht als Glied in einer großen Ordnung des Daseins, in der jedes Ding und jeder Mensch seinen Platz hat, sondern als Individuum in einer Welt, die von Konkurrenz und Konflikten beherrscht wird.

          Doch kennt diese Moderne ein einzigartig macht- und wirkungsvolles Mittel zur Anverwandlung der kollektiven Lebenswelt: das politische Instrument der Demokratie. Auf dem Weg der demokratischen Gestaltung können Bürger die Institutionen der öffentlichen Sphäre in ein partizipatives Resonanzverhältnis zu ihnen selbst bringen: Die ihnen gemeinsame Welt „antwortet“ ihnen dann, weil sie im demokratischen Prozess auf ihre Wünsche, Bedürfnisse und Überzeugungen reagiert. Bürger können sich auf diese Weise auch als Schöpfer, als Gestalter ihrer Welt erfahren: Die Institutionen stehen ihnen nicht feindlich oder indifferent gegenüber, sondern sie verhalten sich „responsiv“ zum Gestaltungswillen der Bürger. Das ist das Grundversprechen, die Verheißung der modernen Demokratie. Sie gibt dem Bürger eine vernehmbare und wirkmächtige Stimme im Staat, in der Welt.

          Wenn sich die Menschen in der Spätmoderne aber wie Fremde in ihrer Welt fühlen - und das ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern auch in Paris, in Athen, in Madrid, Rio oder Istanbul - dann bedeutet das, dass der politische Anverwandlungsprozess gestört ist, dass die Demokratie als Resonanzsphäre zu verstummen droht. Die fortwährende Veränderung der Lebenswelt vollzieht sich gleichsam „hinter dem Rücken“ der Bürger, sie erfahren sich oft genug als deren ohnmächtige Opfer. Demokratische Resonanz bedeutet, dass die eigene Stimme im politischen Konzert zur Geltung gebracht werden kann, dass sie sich mit den anderen Stimmen vereinigt und dass sie auf einen Widerhall stößt, der oft genug auch ein scharfer Widerspruch sein kann, dass sie Folgen hat.

          Die Politikverdrossenheit, welche die Menschen auf die Straße oder auch zur AfD treibt, hat ihre Wurzel darin, dass die Bürger den Eindruck haben, ihre Stimme bleibe ungehört, sie finde keine Resonanz. Das ist beileibe keine ostdeutsche Besonderheit. Betrachtet man die politische Kultur im europäischen Maßstab, so ist nicht die Veränderung in Ostdeutschland erklärungsbedürftig, sondern die erstaunliche Stabilität des Parteiensystems in Westdeutschland. Denn wie die Erfolge der britischen Nationalisten von Ukip, des fremdenfeindlichen Front National in Frankreich, der schweizerischen Volkspartei SVP, die nach dem Minarettverbot vor einigen Jahren nun auch eine Begrenzung der Einwanderung und der Freizügigkeit durchgesetzt hat, der österreichischen FPÖ, der Lega Nord, der flämischen Radikalen und der Rechtspopulisten sogar im einstmals so liberalen skandinavischen Raum zeigen, gewinnen politische Kräfte fast überall an Boden, die gezielt von der Entfremdung der Wähler von dem demokratischen Establishment profitieren.

          Das Verstummen der repräsentativdemokratischen Politik, der Resonanzverlust, hat dabei zwei Seiten: Zum einen beklagen die Aufmüpfigen immer wieder, „die Politiker“ hörten ihnen nicht zu, sie kümmerten sich nicht um die Wähler, sie seien eine abgehobene Kaste oder wirtschafteten nur in die eigene Tasche. Die Resonanzachse zwischen Politiker und Bürger scheint verstummt, sie stehen sich indifferent oder feindlich gegenüber. Zum anderen aber beklagen dieselben Bürger, wie die empirische Einstellungsforschung belegt, dass die Politik als solche ihre Gestaltungsmacht verloren habe: Die Wirtschaft habe längst das Sagen. Auf die Politik komme es gar nicht an, sie sei nicht (mehr) das Instrument der Gestaltung der Lebenswelt.

          Auf die erste Form des wahrgenommenen Resonanzverlustes reagieren die Menschen mit Protest: Sie wählen Piraten oder AfD, um „die Politik“ zur Resonanz zu zwingen. Auf die zweite Form reagieren sie mit Wahlverzicht, da es ja keinen Sinn hat und keinen Unterschied macht, ob man wählen geht oder nicht. Beide Entfremdungsformen lassen sich gut beobachten. Von kurzzeitigen Gegentrends abgesehen, nimmt die Wahlbeteiligung in Europa fast überall ab, in einigen Regionen - auch und gerade in den „neuen“ Demokratien Mittelosteuropas - sogar dramatisch. Das aber heißt: Menschen fühlen sich fremd im eigenen Land, weil die Politik als Resonanzsphäre versagt, weil die Kommandobrücken kein Echo zurückwerfen. Die Stimme des Bürgers wird in der Wahlkabine „abgegeben“ und scheint dann verloren.

          Anders als in der etwa von Jürgen Habermas konzipierten Sphäre der Öffentlichkeit, in der sie sich als Stimme der Vernunft hörbar macht, oder in der politisierten Kultur der Nach-1968er-Jahre, als sie sich im Protestlied der Rebellierenden und in der Rockmusik wirkmächtig und fühlbar zu artikulieren verstand, wird die Stimme des Bürgers in der spätmodernen Welt vornehmlich in zwei Formen vernehmbar, die schon Entfremdung signalisieren: im Protestschrei der Wutbürger, der Widerhall sucht und dabei Repulsion, feindliche Ablehnung, zum Ausdruck bringt, und im medial erzeugten und verbreiteten (zynischen) Gelächter, das die diesseits und jenseits des Atlantiks so ungemein erfolgreichen politischen Comedy-Shows wie die „Heute-Show“ oder „Die Anstalt“ erzeugen und verbreiten. Der spätmoderne Bürger lacht aus Verzweiflung über eine Politik, die ihr nicht mehr antwortet, die ihr nichts zu sagen hat.

          Forscht man nach den Ursachen für diese Art des Resonanzverlusts, mag wiederum die Beschleunigungstheorie Anhaltspunkte liefern: Demokratische Willensbildung und Entscheidungsfindung sind zeitaufwendig; sie werden umso zeitaufwendiger, je komplexer die Themen sind und je pluralistischer die Bevölkerung wird. Die Eigenlogik der Demokratie zielt daher unter spätmodernen Verhältnissen auf Verlangsamung, die Geschwindigkeit der globalen Konkurrenzsysteme, der wirtschaftlichen Transaktionen und vor allem der Finanzmärkte verlangen hingegen rasche Entscheidungen - sie werden dann oft genug als exekutive, alternativlose „Basta“- Entscheidungen durch die Parlamente gepeitscht.

          Fragt man dagegen danach, warum dieses politische Entfremdungsgefühl in Ostdeutschland, wo sowohl das Lager der Protestwähler als auch die Heerschar der Nichtwähler größer ist, deutlich stärker ausgeprägt und weiter verbreitet erscheint als im Westen der Republik, stößt man auf eine dritte Erklärung der Fremdheitserfahrung: Der Prozess der politischen Anverwandlung der kollektiven Institutionen nach der Wende ist in den neuen Ländern in weiten Teilen misslungen, und daran trägt die westdeutsche Politik durchaus eine Mitschuld.

          Was zunächst als großer Vorteil gegenüber anderen postsozialistischen Staaten wie Polen, der Tschechischen Republik oder Ungarn erschien, dass nämlich die ehemaligen DDR-Bürger die neuen ökonomischen, rechtlichen, politischen, sozialstaatlichen Institutionen nicht mühsam suchen, finden und gestalten mussten, sondern vom wohlmeinenden Westen einfach „geschenkt“ bekamen, erweist sich als ein bis heute nachwirkendes Hindernis: Es waren eben nicht ihre eigenen, selbstgeschaffenen Institutionen und Strukturen, sondern die der Westdeutschen, für die, so erwartete man es in den alten Ländern, die Ostdeutschen dankbar sein sollten.

          Fast über Nacht verwandelte sich die Lebenswelt Letzterer in fast allen Hinsichten in einer Weise, die sie nicht kontrollieren konnten - den Anverwandlungsprozess mussten sie dann gleichsam im Nachhinein vollziehen. Sie mussten sich Strukturen aneignen, die schon fertig waren und als deren Schöpfer sie sich nicht verstehen konnten. Anverwandlung als Herstellung einer Resonanzbeziehung gelingt aber nur in Verbindung mit Selbstwirksamkeitserfahrungen: Menschen können sich Dinge nur dann und dort anverwandeln, wo sie auf sie einzuwirken vermögen, wo sie das Gefühl haben können, etwas oder jemanden zu erreichen und Prozesse zu gestalten.

          Selbstwirksamkeitserfahrungen in diesem Sinne sind in einer globalisierten Welt ohnehin zu einem knappen Gut geworden, auch im Westen. Es kann daher nicht verwundern, dass sich die Menschen gerade im Osten fremd im eigenen Land fühlen. Ihre Demonstrationen lassen sich durchaus als Versuch deuten, die eigene Stimme wieder hörbar zu machen und auf diese Weise um Resonanz zu ringen. Sofern diese Analyse richtig ist, appellieren latent oder offen fremdenfeindliche Organisationen wie die AfD oder Pegida gar nicht unmittelbar an xenophobe oder rassistische Instinkte: Sie knüpfen an durchaus rational begründete oder begründbare Entfremdungserfahrungen an und instrumentalisieren sie für ihre rechtspopulistischen Zwecke, wobei sie freilich an durchaus vorhandene, tiefsitzende Vorurteilsstrukturen anzudocken vermögen.

          Dass Bürger auf die Straße gehen und gegen entfremdende politische Verhältnisse demonstrieren, ist weder bedenklich noch verwerflich. Sie sollten nur aufhören, die Fremden für jene Verhältnisse verantwortlich zu machen. Sie sind nicht nur die falsche Projektionsfläche eines berechtigten Unbehagens, sondern könnten sogar eine höchst wirkungsvolle Hilfe dafür sein, den kollektiven Anverwandlungsprozess wieder in Gang zu bringen. Denn auch sie stehen vor dem Problem, zu einer ihnen zunächst indifferent oder feindlich gegenüberstehenden Welt eine Resonanzbeziehung finden zu müssen.

          Eine solche kollektive, demokratische Anverwandlung öffentlicher Strukturen kann unter spätmodernen Pluralitätsbedingungen indessen nur in einer politischen Kultur gelingen, welche die Gefahr der Verwechslung von politischer Resonanz mit einem bloßen identitären oder gar völkischen „Echo“ überwunden hat. Eine Resonanzbeziehung entsteht nur und erst dort, wo sich zwischen den Beteiligten eine Beziehung des antwortenden Sprechens einstellt. Sie setzt voraus, dass die eigene Stimme des jeweils anderen vernehmbar wird.

          Die Geschichte und die Manifestationsformen des Faschismus und insbesondere des deutschen Nationalsozialismus machen deutlich, wie gefährlich die politische Resonanzsehnsucht für die Anerkennung und den Schutz von Differenz werden kann. Sie belegen auch, wie schmal der Grat ist zwischen der hier verteidigten Vorstellung einer Antwortkonzeption, die Widerspruch nicht nur zulässt, sondern geradezu erfordert, und einem identitären Echo-Konzept von Resonanz: Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der politische Erfolg des Faschismus und insbesondere des Nationalsozialismus auch und gerade darauf zurückzuführen ist, dass diese politischen Bewegungen es verstanden, an die weitverbreitete und tief verankerte Sehnsucht der Menschen nach Resonanz zu appellieren. Auf einmal schien die Politik auch den einfachen Bürgern wieder zu antworten, die Bewegungen brachten die Welt buchstäblich zum Tönen und Schwingen. In den Liedern, den Beschwörungen, den Umzügen und Massenversammlungen, mit den Fahnen, den Fackeln und den Uniformen inszenierten die Nazis ein gewaltiges Resonanzspektakel, dass die Menschen unmittelbar „viszeral“, leiblich zu berühren verstand; sie inszenierten „die Einheit des Volkes“ buchstäblich in einer (identitären) Resonanzsphäre.

          Die Konzeption demokratischer Politik als Resonanzfeld ist damit aber nicht ein für alle Mal moralisch und sozialphilosophisch erledigt. Denn zum Ersten ist mit der Resonanztheorie ein hermeneutisches Instrument zur Hand, um die Wirkungsweise und -mechanismen solcher politischer Bewegungen zu verstehen. Sie macht deutlich, dass Analysen zu kurz greifen, die nur auf Interessenkonstellationen einerseits und auf eine ideologische beziehungsweise ideologiekritische Untersuchung andererseits ausgerichtet sind. Zum Zweiten aber offenbart sich bei näherem Hinsehen, dass sich insbesondere der Nationalsozialismus nicht als Beispiel für eine resonante (politische) Weltbeziehung eignet, sondern als Paradigma einer Resonanzpathologie beschreiben lässt. Die Bewegung beruhte von Anfang an ideologisch und affektiv nicht auf einem resonanten, sondern auf einem paradigmatisch entfremdeten Weltverhältnis: Die politisch inszenierten Resonanzrituale waren angelegt als „Oasen“ inmitten einer zutiefst repulsiven, das heißt als aggressiv und mitleidlos konzipierten Umgebung. Ermöglicht und getragen wurden die Rituale von der Vorstellung einer darwinistisch-feindlichen Welt des Rassenkampfes und der erbarmungslosen Auslese der Starken; die Resonanzgemeinschaft des „Volkes“ entsprach der Vorstellung einer empathielosen „Ausmerzung“ und Ausgrenzung alles Nichtidentischen, aller „Anderen“ - Juden, Slawen, Bolschewisten, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle, Behinderte und andere mehr. Resonanz wurde so geradezu durch Empathieverweigerung gegenüber allem Nichtidentischen erkauft; umgekehrt beruhte sie auch auf der Überzeugung, dass „alle anderen“ den Nazis beziehungsweise den Deutschen feindlich gesonnen seien, dass es also um „Sieg oder Tod“ gehe. Die Politik des Faschismus und des Nationalsozialismus stiftete keine Antwortbeziehung zur Welt, sondern inszenierte nur eine Echokammer für eine imaginierte Volksgemeinschaft.

          Ist diese Interpretation der faschistischen Weltbeziehung tragfähig, dann scheint jene weniger als Mahnmal gegen den „resonanztheoretischen“ Überschwang zu taugen denn als Warnung vor Resonanzverhältnissen, die einzelne politisch und/oder ästhetisch inszenierte „Resonanzoasen“ etablieren, um die entsprechenden Sehnsüchte inmitten ansonsten stummer, repulsiver oder indifferenter Weltverhältnisse zu befriedigen. Politische Programme jedenfalls vermögen die Bürger so lange nicht zu berühren und zu bewegen, wie sie ihnen als „notwendige Strukturanpassungen“ oder „alternativlose Sachzwangpolitik“ angesonnen werden. Das Resonanzverlangen der Bürger richtet sich dann nicht in erster Linie - oder nur stellvertretend - gegen „abgehobene“ Politiker, sondern vielmehr gegen die „steinernen Verhältnisse“ einer nicht mehr anverwandelbaren Sozialwelt.

          An die Stelle handlungsmächtiger politischer Subjekte, die zum Grundversprechen der Moderne gehören, tritt heute zunehmend das ohnmächtige Individuum, das sich nicht nur von den ökonomischen Verhältnissen entfremdet fühlt, sondern auch von den politischen. Die soziopolitische Welt „antwortet“ nicht mehr, sie diktiert ihre Handlungs- und Strukturvorgaben in Form von Sachzwängen, die sich in Tina- („There is no Alternative“, nach der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher) und Basta-Politiken niederschlagen.

          Solche Verhältnisse tendieren dazu, ihre eigenen „Echokammern“ in Form „leerer“ politischer Resonanzwellen hervorzubringen. An der „Globalisierung“ des Streits über die Mohammed-Karikaturen zunächst einer dänischen Tageszeitung und jüngst mit fatalen Konsequenzen einer französischen Satirezeitschrift, aber auch an Stuttgart 21, am arabischen Frühling 2011 oder auch an der Occupy-Bewegung lässt sich zeigen, wie es in einer medial hoch vernetzten Welt möglich ist, gewaltige, grenzüberschreitende politische Erregungs-, Empörungs- und Mobilisierungswellen zu erzeugen, die starke Emotionen hervorrufen und durchaus nach der Logik von Resonanzsystemen funktionieren. Die erzeugte soziale Resonanz hat jedoch als Resonanzboden nur den Zorn gegen die Machthaber oder gegen die Verhältnisse oder gegen spezifische Gruppen in ihnen: Die eigene Stimme kann auf diese Weise durchaus hörbar gemacht werden, aber sie bewirkt nicht die kollektive Anverwandlung der sozialen Welt, eine Transformation der politischen Weltbeziehung, ein gemeinsames politisches Handeln und darüber und dadurch die Erfahrung genuiner kollektiver Selbstwirksamkeit. Vielmehr erschöpft sie sich bestenfalls in der Verhinderung eines Projekts, im Sturz eines Regimes oder einer Person.

          Diese Art der sich schnell aufschaukelnden Empörungsresonanz bleibt gegenüber der genuin politischen Resonanzsphäre in doppelter Hinsicht zurück: Zum einen ist die Empörungsresonanz nicht per se demokratisch. Im Lärm gehen viele Stimmen unter, andere werden gar nicht erst hörbar: „The Square and the People“ sind nicht identisch, wie etwa die Wahlen 2014 in der Türkei, aber auch die Volksabstimmung zu Stuttgart 21 in Baden-Württemberg deutlich gemacht haben. Und es hat den Anschein, als bestehe ein inverses Verhältnis zwischen der Intensität der Empörung in einer Bewegung auf der einen und der Widerspruch ermöglichenden und erfordernden Resonanzsensibilität auf der anderen Seite. Zum anderen überwinden „leere Resonanzwellen“ nicht die Entfremdung von den sozialen Verhältnissen als solchen. Häufig ersetzen sie nur die lähmende Indifferenz durch eine Intensivierung des Repulsionsgrades, die dann den Nährboden für Gewaltausbrüche bilden kann.

          Gegenwärtig jedenfalls ist noch nicht erkennbar, wie sich der durch Empörungswellen gebildete Resonanzraum auf die Ergebnisse des politischen Handelns ausdehnen könnte, der sich daraus ergibt, also wie es zu einer Wiederanverwandlung der Strukturen der sozialen, politischen und ökonomischen Welt kommen könnte. Einstweilen jedenfalls zeichnet sich das auf Empörungswellen antwortende oder aus ihnen resultierende politische Handeln durch Sprunghaftigkeit, Inkonsistenz und Irrationalität aus.

          Das schließt indessen nicht aus, dass der in allen genannten Bewegungen hörbare Schrei nach Antwort den Beginn eines neuen politischen Zeitalters markieren könnte, das sich aufmacht, in der spätmodernen Welt angemessene Resonanzinstitutionen zu suchen und zu finden. Vielleicht sind diese Institutionen auch bereits im Entstehen begriffen - nicht unbedingt an den großen Schaustätten des Protestes, aber etwa dort, wo sich neue Formen des Zusammenhandelns und -gestaltens in experimentellen Praktiken der Share-Economy oder der Transition Towns, in kreativen neuen Genossenschaften und Kommunitäten oder einfach dort entwickeln, wo Bürgerinnen und Bürger sich etwa die Institutionen der Energieversorgung samt der dazugehörigen Infrastrukturen wieder aneignen und anverwandeln, indem sie sie gemeinschaftlich vom Privatmarkt zurückkaufen. „Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen“ lautet bezeichnenderweise der Titel eines erfolgreichen „Szenebuches“.

          Im Ergebnis bedeutet dies, dass die Konzeptualisierung und Konstruktion demokratischer Politik als Resonanzsphäre überaus voraussetzungsreich ist und ein beträchtliches Potential für Resonanzpathologien birgt. Gleichwohl scheint sie unabdingbar zu sein, wenn das Weltverhältnis der Moderne nicht insgesamt ein stummes oder entfremdetes werden - oder bleiben - soll.

          Das kulturell und verfassungsrechtlich verankerte „Primat der Politik“ über die übrigen Wert- und Funktionssphären der Gesellschaft wie der Wirtschaft, der Wissenschaft oder dem Recht ist nicht einfach ein semantisches Überbleibsel „Alteuropas“, wie die Systemtheorie nahelegt. Das Primat der Politik ist die gleichsam „funktional“ unabdingbare Voraussetzung dafür, eine konstitutive und unüberwindliche Entfremdung zwischen den Subjekten und den Strukturen, Institutionen und Bedingungen ihres Handelns, oder kurz: zwischen den Subjekten und der sozialen Welt, zu vermeiden.

          Das Problem, auf das Bewegungen wie Pegida oder neue Parteien wie die Piraten und die AfD reagieren und das ihren Nährboden bereitet, sind dann nicht die Flüchtlinge, die Ausländer oder die Muslime, selbst wenn deren Anhänger das glauben mögen und deren Organisatoren das geschickt vorgaukeln. Das Problem liegt darin, dass die Resonanzachse zwischen der etablierten Politik und weiten Teilen der Bevölkerung gebrochen ist, dass ihnen die Politik nicht mehr zu antworten scheint.

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