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Italien : Kennst Du das Land, wo vieles blüht?

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Bild: picture alliance / INFOPHOTO

Italien fällt in den Augen vieler Deutscher derzeit aus seiner europäischen Rolle. Vieles, was nördlich der Alpen unverständlich erscheint, hat seine Wurzeln tief in einer Geschichte, die in manchem der deutschen ähnlich scheint, in der aber ganz andere Kräfte gewirkt haben.

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          Als „Schicksalsschwestern“ hat Golo Mann Italien und Deutschland bezeichnet. Man glaubt, sich gut zu kennen, man hat sich sogar besonders gerne. Umso größer ist dann die Enttäuschung, wenn die andere völlig aus der Rolle fällt. Aber fällt Italien aus der Rolle, wie es vielen Deutschen derzeit scheint? Oder ist vielleicht die Erwartung von deutscher Seite eigenwillig und einseitig? „Man reist aber in dies Land meist falsch ein. Nimmt schiefe Wünsche und Bilder mit oder wenigstens einseitige“, kommentierte Ernst Bloch in einem hellsichtigen Aufsatz aus dem Jahr 1925 seine Begegnung mit Italien, das damals schon drei Jahre faschistischer Herrschaft hinter sich hatte.

          Es lohnt sich, eine Reihe von Leitmotiven näher zu betrachten, um die „schiefen Wünsche und Bilder“ dieses Landes südlich der Alpen etwas geradezurücken. Es sind Muster, die aus historischen Tiefengründen kommen. Solch eine weit ausholende Betrachtungsweise ist problematisch, wenn daraus stereotype Zuschreibungen abgeleitet werden: Wesensbestimmungen der Italiener und der Deutschen, die in alle Ewigkeit so sind, wie sie nun mal sind. Solche Kollektivkategorien besitzen zwar oft eine charmante Evidenz und erscheinen geradezu unwiderstehlich, taugen jedoch zur Erklärung nicht viel. Denn genaugenommen lässt sich weder angeben, wer „die Italiener“ eigentlich sind (sieht man von der Staatsangehörigkeit als formalem Kriterium ab), noch lässt sich sagen, ob die Italiener in ihrer vermeintlichen Wesensart ein Produkt der italienischen Geschichte sind oder ob die Geschichte Italiens ein Produkt der vermeintlichen italienischen Wesensart ist.

          Spannender und seriöser ist es, nach Kulturmustern zu fragen, die auch in der globalisierten Welt für Unterschiede zwischen den Gesellschaften sorgen. Auf dem Weg zu einem immer stärker vereinheitlichten Europa erleben sich die Europäer nicht nur unter dem Druck der gegenwärtigen Krise als ziemlich „verschieden“, Deutsche und Italiener ganz besonders. Wieso eigentlich?

          Vielleicht verführen eine Reihe von Parallelen in der deutschen und italienischen Geschichte der Neuzeit dazu, die Besonderheiten der beiden Länder zunächst als zweitrangig abzutun. Die Parallelen sind augenfällig: Da ist etwa die Vielzahl unterschiedlicher Staatsgebilde in Deutschland und in Italien bis hinein in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts; die vergleichsweise späte nationalstaatliche Einigung unter Führung geographisch randständiger Monarchien (Piemont-Sardinien unter den Savoyern und Preußen unter den Hohenzollern); da sind Weltkriegstraumata und neuartige terroristische Diktaturen von rechts; nach dem Zweiten Weltkrieg die langjährige Dominanz christlich-demokratischer Parteien, die die Integration Europas vorantreiben; schließlich der Ausbau des Wohlfahrtsstaats, Protest und politische Gewalt in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese Liste ließe sich verlängern.

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