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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Bild: dpa

Ist „der Westen“ in Gefahr, vom Islamismus unterworfen zu werden - oder gar im Begriff, sich ihm selbst zu unterwerfen? Eine Kulturkritik

          11 Min.

          Die Freiheit in der modernen liberalen Demokratie hatte schon immer starke und ernstzunehmende Gegner. Von kommunistischer Seite wurde ihr vorgeworfen, sie sei ein Vorrecht, das allein den Besitzenden zugutekomme. Von nationalsozialistischer Seite lautete der Vorwurf, sie erlaube das Ausleben des individuellen Egoismus auf Kosten der Volksgemeinschaft. Und nun, nachdem die beiden genannten Ideologien abgewirtschaftet haben, ist die Freiheit ins Visier eines neuen Gegners mit weltumspannendem Anspruch geraten: in das des Islamismus. Dieser drängt sich überall auf der Welt mit Terrorakten in das öffentliche Bewusstsein und zwingt vor allem den als Kollektivsingular behandelten „Westen“, sich ihm gegenüber zu positionieren.

          Eine solche Positionierung findet sich beispielsweise in „Unterwerfung“, dem jüngsten Roman des französischen Schriftstellers Michel Houllebecq. Das Buch, das just zur Zeit des Terroranschlags auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris erschien, wurde umgehend von vielen als islamfeindlich charakterisiert. Houellebecq bestreitet das. In der Tat ist sein Buch sehr viel mehr eine Kritik der französischen Gesellschaft als eine Kritik des Islams. Dass in seinem Roman der charismatische islamische Führer politisch reüssieren kann, dass Frankreich sich, ohne Widerstand zu leisten, zum Gottesstaat machen lässt, ist Ausdruck der Wehrlosigkeit einer Gesellschaft, die nicht mehr an ihre eigenen Werte glaubt: Die Eliten sind politisch desinteressiert, die Parteien zerstritten und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht, die Bevölkerung ist mehrheitlich apathisch und sehr schnell darum bemüht, sich mit den neuen, nunmehr islamischen Verhältnissen zu arrangieren. Es ist das Bild einer müde gewordenen, einer dekadenten Gesellschaft, das Houllebecq hier zeichnet. Im Grunde gibt er damit denen recht, die den Westen auf dem absteigenden Ast sehen - und im Islam eine Gegenbewegung von jugendlicher Kraft und guter Aussicht auf den Sieg über die westliche Dekadenz.

          Sicherlich will sich Houllebecq mit seinem Buch nicht auf die Seite der Verächter der westlichen Demokratien stellen. Er will „dem Westen“, für den Frankreich stellvertretend steht, wohl sehr viel eher den Spiegel vorhalten, ihm zeigen, wo seine Schwächen liegen - freilich ohne einen Ausweg weisen zu können. Letztlich ist Houllebecq Teil der Misere, die er beschreibt. Die trostlose Existenz seines Protagonisten, eines Literaturprofessors, der seine innere Leere durch das Ausleben sexueller Obsessionen zu übertönen versucht, scheint zu intensiv nachempfunden, um dem Autor existentiell gänzlich fremd sein zu können. Houllebecqs Zynismus schärft den Blick für die Krise, ist aber selbst ihr Symptom oder gar eine ihrer Ursachen.

          Nun scheint die Mobilisierung nach der Ermordung der Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ ein gutes Gegenargument gegen die vermeintliche Wehrlosigkeit „des Westens“ zu sein. Haben nicht Millionen Menschen in vielen Ländern Europas gezeigt, dass sie bereit sind, für die demokratischen Werte zu kämpfen? Sind sie nicht für die Freiheit auf die Straße gegangen, die zu nehmen eines der Hauptanliegen des islamistischen Terrors ist?

          Zweifellos waren die Demonstrationszüge gegen den Terror eine beeindruckende Manifestation zugunsten der Meinungsfreiheit. Zweifellos ist die Freiheit - neben der Gleichheit - auch der zentrale demokratische Wert, der verteidigt werden muss, wenn man die Demokratie verteidigen will. Die Frage ist allerdings, ob die Berufung auf die Freiheit genügt, um sich des Herrschaftsanspruchs einer Bewegung erwehren zu können, die gerade die „religio“, also die Bindung, auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dabei geht es hier nicht darum, ob der Islamismus, also der religiöse Fundamentalismus, sich zu Recht als islamkonform begreift. Zu untersuchen ist vielmehr, welche Konsequenzen die Ent-Bindung der westlich säkularen Staaten, also ihre bewusste Trennung von Politik und Religion, für ihre innere Widerstandskraft haben könnte.

          Vieles spricht dafür, dass die Säkularisierung im Christentum selbst angelegt war. Das Wort Jesu, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, ist eine klare Distanzierung von einem politischen Herrschaftsanspruch, wie er mit dem Messianismus zuvor meist verbunden gewesen war. Das Weltliche wird so zu einem Bereich der „vorletzten“ Dinge, die ihren Wert haben, aber nicht den höchsten Wert repräsentieren. Der ist den „letzten“ Dingen vorbehalten, dem Seelenheil, das dem Menschen zuteilwerden kann, wenn er sich an etwas Höherem ausrichtet, als er selbst ist. Dazu bedarf es also keiner bestimmten politischen Konstellation, und es bedarf dazu nicht notwendig der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Das Christentum ist im Kern individualistisch. Insofern konnte es auch zu einem Wegbereiter der modernen liberalen Gesellschaft werden.

          Dass sich Thron und Altar in der Geschichte zeitweilig dennoch näherten oder sogar verbanden, hat viele Gründe und muss nicht unbedingt als Widerspruch zu dem zitierten Jesus-Wort gewertet werden. Unter einer christlich ausgerichteten Herrschaft lässt sich das Christentum sicher leichter leben als in einer christentumsfeindlichen Umgebung. Zwingend war diese Verbindung aber nicht. Mitunter war sie sogar abträglich, etwa wenn Machtinteressen religiös verbrämt oder im Namen des Christentums sehr unchristliche Kriege geführt wurden. Insofern war es nicht verwunderlich, dass sich schon im Mittelalter die Bereiche des Politischen und des Religiösen wieder zu sondern begannen, bis die Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert endgültig den Trennungsstrich zog.

          Nicht jeder Staat verfuhr dabei so radikal wie etwa Frankreich, das laizistisch wurde und jede Religion aus Staat und Öffentlichkeit verbannte. Doch es gehört zum Selbstverständnis der modernen liberalen Demokratien, die Politik von der Religion „befreit“ und Erstere als autonomen Bereich etabliert zu haben.

          So erklärt sich das Pathos der französischen Revolution auch nicht bloß aus der Abrechnung mit dem Adel, sondern auch aus dem Aufstand gegen den Klerus. Das Bürgertum forderte Freiheit in jeder Hinsicht. Die im Verlauf der Revolution verabschiedeten Menschen- und Bürgerrechte, jene quasi zivilreligiöse Grundlage der modernen Demokratie, waren sichtbares Zeichen dieses bürgerlichen Freiheitsstrebens. Nicht zufällig ist die Religionsfreiheit ein wesentlicher Bestandteil des Katalogs der Rechte. Religionsfreiheit kann Freiheit zur Religion, aber auch Freiheit von der Religion bedeuten; das ist in die Entscheidung des Einzelnen gestellt.

          Obwohl die Menschen- und Bürgerrechte, in denen sich das demokratische Freiheitsstreben manifestiert, auch die Abkehr von der Religion ermöglichen, ist es fraglich, ob es sie ohne den geschichtlichen Hintergrund des Christentums hätte geben können. Die Menschenrechte sind Individualrechte, die in der Menschenwürde begründet sind. Dass der Mensch als Mensch, jeder einzelne für sich, eine unaufhebbare Würde hat, ist aber der Grundgedanke des Christentums, der auf der Annahme der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruht. Die antike Philosophie, welche als weitere Quelle des Menschenwürdegedankens genannt werden kann und das Menschsein an seiner Vernunftnatur festmachte, harmoniert damit, sofern Gott Geist beziehungsweise Vernunft ist. Nicht umsonst bediente sich die christliche Theologie der antiken Philosophie, um das christliche Erbe zu erschließen.

          Dass sich die Kirchen, speziell die katholische, mit den Menschenrechten dennoch lange Zeit schwertat, ist nicht erstaunlich. Mögen die Menschenrechte auch auf einem Boden gewachsen sein, der erst vom Christentum bereitet wurde, können sie sich doch antichristlich auswirken. Hinzu kommt, dass in diesen Rechten zwar die Freiheiten des Menschen gesichert werden, seine Pflichten aber nicht zur Sprache kommen. So kann Individualität mit Sozialität in Konflikt geraten. Das war auch die Kritik, die Marx an den Menschenrechten übte: Sie seien nichts weiter als Schutzrechte der bürgerlichen Selbstsucht. Seine Lösung, mit der Aufhebung der individuellen Freiheitsrechte letztlich sowohl Freiheit als auch Individualität zu negieren, bot allerdings keine überzeugende Alternative.

          Der liberale Weg sah anders aus: Beschränkung der Freiheit, welche auf Kosten der anderen gehen könnte, durch die Freiheit selbst. Anders ausgedrückt: Reziprozität. Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen beginnt. Dieser Umgang mit der Freiheit ist Ausdruck des anderen großen Werts der Demokratie, der Gleichheit. Nur unter Gleichen ist Reziprozität, die Verpflichtung auf Gegenseitigkeit, möglich. Auch für den Gleichheitsgedanken könnte man einen christlichen Ursprung vermuten. Im Christentum sind vor Gott alle Menschen gleich, was jedoch nicht bedeutet, dass sie untereinander gleich sind. Auf diese Idee konnte man wohl erst kommen, als das tertium comparationis, eben Gott, geschichtlich an Bedeutung verlor. Der Vergleichsgesichtspunkt verlagerte sich nach „unten“.

          Für diese Deutung spricht, dass diese durchgreifende Demokratisierung, wie sie unser Zeitalter prägt, tatsächlich etwas geschichtlich Spätes ist. Die antike Demokratie hatte kein Problem mit der Sklaverei, und sie schloss einen großen Teil der Bevölkerung - neben den Sklaven auch Frauen und ortsansässige Fremde - von der Herrschaft aus.

          Was besagt diese Vorgeschichte nun im Hinblick auf die demokratische Freiheit, die der islamistischen Herausforderung als entscheidender Wert entgegengehalten wird? Es ist eine säkulare Freiheit, welche aber, wie es scheint, ebenfalls einen religiösen Hintergrund hat. Allerdings handelt es sich um eine Religion - das Christentum -, die in sich freiheitlich ist. Denn sie gewährt Gewissensfreiheit, und sie ist keine Gesetzesreligion, die die Lebensführung im Einzelnen vorschreibt. Vielmehr erwartet sie vom Individuum, sich durch Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten und mit sich selbst seinen eigenen Weg des richtigen Lebens zu suchen.

          Diese Freiheit ist höchst anspruchsvoll. Die säkulare Variante, die in der religiösen schon angelegt ist, erscheint im Vergleich dazu einfacher: Der Freiheitsraum ist durch Reziprozität gesichert, kann also kalkulatorisch festgestellt und ausgemessen werden. Die inhaltliche Ausfüllung dieses Raumes ist privatisiert. Es ist ein Spezifikum des liberalen Denkens, hier nicht werten und gewichten zu wollen. Solange die Gesetze und die gesellschaftlichen Spielregeln eingehalten werden, haben alle Lebensentwürfe und -formen als gleichwertig zu gelten. Anders als bei der religiösen Freiheit ist der Blick also nicht nach oben, sondern zur Seite gerichtet. Lässt mir das Nachbarindividuum genug Platz zur Selbstentfaltung und vice versa? Auf welche Weise wir uns entfalten, dafür gibt es keine übergeordneten Maßstäbe. Oder wenn es sie gibt, dann sind sie nur verbindlich, sofern ich sie für verbindlich erkläre.

          Das säkulare Freiheitsverständnis hat weitreichende strukturelle Folgen. Eine von ihnen ist der Pluralismus. Ist die Gesellschaft in der beschriebenen Weise individualisiert, so vervielfältigen sich auch die Vorstellungen darüber, wie man leben soll. Dass ein völlig eigenständiger Entwurf für das zu lebende Leben viele Menschen überfordert, kann zu einer paradoxen Reaktion führen: Dann schlägt der Individualismus in die Massengesellschaft um. Diese ist aber nicht Ausdruck von Gemeinsamkeit, sondern vielleicht eher von Kapitulation vor den Anforderungen der Individualität. Pluralität und Vermassung, diese beiden Seiten der liberalen Gesellschaft, treffen nun auf einen entschiedenen Monismus: den des Islams.

          In diesem steht die Gemeinschaft, die umma, im Mittelpunkt, nicht das Individuum. Das Gemeinschaftsstiftende ist der Glaube an den einen Gott, der sich ziemlich unmissverständlich im Koran offenbart hat - jedenfalls muss man von Unmissverständlichkeit ausgehen, solange eine historisch-kritische Auslegung des Korans als unislamisch abgelehnt wird. Aus solchem Monismus kann man eine große Kraft ziehen: Die Einigung der Menschen untereinander ist durch das gemeinsame Dritte schon vollzogen. Sicher gibt es auch innerhalb des Islams gewaltige Spaltungen, etwa die zwischen Sunniten und Schiiten. Doch einigend wirkt immer noch die Frontstellung gegen den Westen, welche die innerislamischen Gegensätze als Unterschiede zweiten Ranges erscheinen lässt.

          Ein weiteres Strukturmerkmal der liberalen Freiheit ist das Leben in einer Konkurrenzgesellschaft. Da der Blick primär auf den Nebenmann gerichtet ist, spielt der soziale Vergleich eine herausgehobene Rolle. Was der andere hat, möchte man auch haben, am besten aber noch mehr als er. Denn in einer säkularen Gesellschaft liegt es nahe, eventuell auftretende Sinndefizite durch ökonomische Ziele zu kompensieren. Das Erwerbsstreben gibt dem Leben (scheinbar) wieder einen Sinn. Da es sich beim Mehr-haben-Wollen aber um ein endloses Streben handelt - wie sollte man jemals zur Erfüllung gelangen? -, dient als Orientierung des zu erreichenden Maßes eben das, was der Konkurrent schon erreicht hat. Die Konkurrenzsituation ergibt sich ebenfalls aus der Ausrichtung auf materielle Güter. Denn hier besteht, anders als bei geistigen Gütern, grundsätzlich Knappheit.

          Dieses Konkurrenzdenken, dem sich die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft verdankt, ist dem Islam fremd. Die Brüderlichkeit, die eigentlich auch eine der Losungen in der französischen Revolution war, wird im Islam großgeschrieben, und sie ist einfacher zu verwirklichen, wenn sich weder Individualismus noch Fixierung auf den Besitz trennend zwischen die Menschen stellen. Das macht den Islam für viele attraktiv. Nicht zuletzt zieht es Modernisierungsverlierer an, die in der Konkurrenzgesellschaft nicht bestehen können, aber gerade in den extremistischen Gruppierungen, die sich auf den Islam berufen, auf einmal eine Wertschätzung erfahren, die ihnen die harte Leistungsgesellschaft verwehrt.

          Als drittes Strukturmerkmal der Freiheit in der liberalen Demokratie erscheint eine Neigung zum Relativismus. Aus der Pluralität der Meinungen und Lebensentwürfe muss man nicht zwangsläufig den Schluss ziehen, alles sei relativ. Aber diese Konsequenz wird faktisch oft gezogen. Eine interessante Erfahrung im akademischen Bereich ist, dass die heutigen Studenten gegenüber allen möglichen Theorien, Meinungen und Verhaltensweisen eine unendliche Geduld zeigen. Nur an einem Punkt reagieren sie verlässlich abwehrend: Wenn die Wahrheitsfrage gestellt wird. Mit ihr scheint eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft berührt zu sein. Wer will entscheiden, was richtig und was falsch ist? Wer maßt sich an, zu werten und zu gewichten? Das verstößt eklatant gegen das demokratische Gleichheitsgebot, und wenn auch alles andere erlaubt ist - die Existenz der Wahrheit zu behaupten ist es nicht.

          Dass der Verzicht auf die Wahrheitsfrage nicht nur alles als gleichwertig, sondern in der Folge auch als gleichgültig erscheinen lässt, ist die Kehrseite des Relativismus. Die Müdigkeit und Tristesse, die Houllebecq der westlichen Zivilisation in seinem Roman bescheinigt, hat sicher eine ihrer Ursachen im Fehlen eines begeisternden Inhalts - der fehlen muss, wenn alles relativistisch entwertet wird.

          Auch auf diesem Feld kann der Islam mühelos gegenhalten: Er ist die Wahrheit, und zwar eine, die unumstößlich ist und die zu erreichen keine besonders große Anstrengung erfordert. Man muss sie nur glauben. Dann regelt sich alles Weitere fast von selbst, denn die Verhaltensregeln des Islams sind so konkret, dass sie den Gläubigen nicht vor große Entscheidungsprobleme stellen. Wenn man das Wort „Islam“, wie Houllebecq es tut, mit „Unterwerfung“ übersetzt und den Islam auch so deutet, dann entlastet er von all den Entscheidungen und Zweifeln, die den modernen, demokratisch sozialisierten Menschen so quälen. Sayyid Qutb, der Chefideologe der Muslimbrüder, sieht gerade darin eine der großen Stärken des Islams und die Überlegenheit gegenüber westlicher Dekadenz begründet, die dem Islam auf lange Sicht den Sieg sichern wird.

          Ob man von einer grundsätzlichen Frontstellung zwischen westlicher Lebensweise und Islam ausgehen muss, ist damit nicht gesagt. Die Kampfansage gegen den Westen geht jedenfalls nicht vom Islam aus, sondern vom Islamismus, dem radikalen Islam. Dass die Wertesysteme einer säkularen und einer religiösen Gesellschaft äußerst unterschiedlich sind, lässt sich aber nicht leugnen. Politisch virulent wird das nicht zuletzt bei einer Religion, die von Anfang an auch einen politischen Herrschaftsanspruch hatte. Schließlich hat der Religionsgründer Mohammed mit Feuer und Schwert missioniert.

          Wie immer das Verhältnis von Islam und Islamismus zu interpretieren ist - in einer Zeit, in der das säkulare Modell eine starke Konkurrenz bekommen hat, muss sich die liberale Demokratie positionieren. Darauf zu setzen, dass sich die religiöse Aufgeregtheit in vielen Ländern der Erde legen wird, sobald auch dort der Wohlstand eingekehrt ist, heißt, zu verkennen, dass man es dabei nicht zuletzt mit einem Aufstand gegen einen als geistlos empfundenen Materialismus zu tun hat. Dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, kann man verdrängen, wenn man im Broterwerb so überaus erfolgreich ist. Das bedeutet aber nicht, dass alle es vergessen oder verdrängt haben.

          Warum ist es nun zweifelhaft, dass es genügt, der Kampfansage an die liberale Gesellschaft mit der Berufung auf die Freiheit zu begegnen? Die zuvor angeführten strukturellen Folgen der säkularen Freiheit, nämlich Pluralismus, Konkurrenzdenken und die Neigung zum Relativismus, sind Prinzipien, die vom Islam mit den Gegenprinzipien Monismus, Gemeinschaftsdenken und Glaube an die eine Wahrheit konterkariert werden. Viele Anhänger des Islams sehen genau darin den Grund für die Überlegenheit ihrer Religion. Es überzeugt sie also nicht, wenn sich der Gegner auf das zurückzieht, was sie ihrerseits als mangelhaft betrachten.

          Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb die Freiheit als Gegenkraft nicht genügt. Viel entscheidender ist, dass die Freiheit nicht als oberster Wert gelten kann, wenn sie nur eingeschränkt gilt. Das aber ist der Fall, wenn die Freiheit, wie in der westlichen Demokratie Konsens ist, beschnitten werden muss, um erhalten werden zu können. Den radikalen Gegnern der Freiheit zum Beispiel wird keine Freiheit gewährt, sich in dem von ihnen gewünschten Sinn zu entfalten. Das bezeugt, dass die Freiheit an einem Maßstab gemessen wird, der mehr ist als sie, ist er es doch, der darüber entscheidet, wann sie zum Tragen kommt und wann nicht.

          Welches ist nun der Maßstab der Freiheit? Man könnte meinen, der Maßstab sei die Erhaltung des Systems. Doch den Systemerhalt als Selbstzweck zu behandeln, wäre die totale Kapitulation vor jedem höheren Anspruch. Der Erhalt der westlichen Demokratie muss schon einen darüber hinausweisenden Sinn haben. Auch die Freiheit muss einen über sich selbst hinausweisenden Sinn haben. Die Antwort: Individuelle Selbstverwirklichung bleibt zirkulär, sofern Letztere wieder in der Freiheit gesehen wird.

          Anders sieht die Sache aus, denkt man an ein menschliches Selbst, wie es in Antike und Christentum vorgedacht worden war, nämlich als individuelle Verwirklichung des Allgemeinen, nenne man dies Allgemeine nun Gott, Wahrheit oder Vernunft. Ein Pluralismus, der der Wahrheitssuche dient, ein Individualismus, der Individualität nicht in der Summe der eigenen Bedürfnisse, sondern in der Anstrengung zugunsten einer vernünftige Begründung der eigenen Wertentscheidungen sieht - das wären gute Argumente, weshalb die Freiheit so wichtig ist. Ob sie die Gegner der Freiheit überzeugen, ist nicht entscheidend. Entscheidender wäre, wenn die Argumente die Bürger in der Demokratie überzeugten, denn dann wüssten sie, was es eigentlich zu verteidigen gilt.

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