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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Wie immer das Verhältnis von Islam und Islamismus zu interpretieren ist - in einer Zeit, in der das säkulare Modell eine starke Konkurrenz bekommen hat, muss sich die liberale Demokratie positionieren. Darauf zu setzen, dass sich die religiöse Aufgeregtheit in vielen Ländern der Erde legen wird, sobald auch dort der Wohlstand eingekehrt ist, heißt, zu verkennen, dass man es dabei nicht zuletzt mit einem Aufstand gegen einen als geistlos empfundenen Materialismus zu tun hat. Dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, kann man verdrängen, wenn man im Broterwerb so überaus erfolgreich ist. Das bedeutet aber nicht, dass alle es vergessen oder verdrängt haben.

Warum ist es nun zweifelhaft, dass es genügt, der Kampfansage an die liberale Gesellschaft mit der Berufung auf die Freiheit zu begegnen? Die zuvor angeführten strukturellen Folgen der säkularen Freiheit, nämlich Pluralismus, Konkurrenzdenken und die Neigung zum Relativismus, sind Prinzipien, die vom Islam mit den Gegenprinzipien Monismus, Gemeinschaftsdenken und Glaube an die eine Wahrheit konterkariert werden. Viele Anhänger des Islams sehen genau darin den Grund für die Überlegenheit ihrer Religion. Es überzeugt sie also nicht, wenn sich der Gegner auf das zurückzieht, was sie ihrerseits als mangelhaft betrachten.

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb die Freiheit als Gegenkraft nicht genügt. Viel entscheidender ist, dass die Freiheit nicht als oberster Wert gelten kann, wenn sie nur eingeschränkt gilt. Das aber ist der Fall, wenn die Freiheit, wie in der westlichen Demokratie Konsens ist, beschnitten werden muss, um erhalten werden zu können. Den radikalen Gegnern der Freiheit zum Beispiel wird keine Freiheit gewährt, sich in dem von ihnen gewünschten Sinn zu entfalten. Das bezeugt, dass die Freiheit an einem Maßstab gemessen wird, der mehr ist als sie, ist er es doch, der darüber entscheidet, wann sie zum Tragen kommt und wann nicht.

Welches ist nun der Maßstab der Freiheit? Man könnte meinen, der Maßstab sei die Erhaltung des Systems. Doch den Systemerhalt als Selbstzweck zu behandeln, wäre die totale Kapitulation vor jedem höheren Anspruch. Der Erhalt der westlichen Demokratie muss schon einen darüber hinausweisenden Sinn haben. Auch die Freiheit muss einen über sich selbst hinausweisenden Sinn haben. Die Antwort: Individuelle Selbstverwirklichung bleibt zirkulär, sofern Letztere wieder in der Freiheit gesehen wird.

Anders sieht die Sache aus, denkt man an ein menschliches Selbst, wie es in Antike und Christentum vorgedacht worden war, nämlich als individuelle Verwirklichung des Allgemeinen, nenne man dies Allgemeine nun Gott, Wahrheit oder Vernunft. Ein Pluralismus, der der Wahrheitssuche dient, ein Individualismus, der Individualität nicht in der Summe der eigenen Bedürfnisse, sondern in der Anstrengung zugunsten einer vernünftige Begründung der eigenen Wertentscheidungen sieht - das wären gute Argumente, weshalb die Freiheit so wichtig ist. Ob sie die Gegner der Freiheit überzeugen, ist nicht entscheidend. Entscheidender wäre, wenn die Argumente die Bürger in der Demokratie überzeugten, denn dann wüssten sie, was es eigentlich zu verteidigen gilt.

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