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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Dieses Konkurrenzdenken, dem sich die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft verdankt, ist dem Islam fremd. Die Brüderlichkeit, die eigentlich auch eine der Losungen in der französischen Revolution war, wird im Islam großgeschrieben, und sie ist einfacher zu verwirklichen, wenn sich weder Individualismus noch Fixierung auf den Besitz trennend zwischen die Menschen stellen. Das macht den Islam für viele attraktiv. Nicht zuletzt zieht es Modernisierungsverlierer an, die in der Konkurrenzgesellschaft nicht bestehen können, aber gerade in den extremistischen Gruppierungen, die sich auf den Islam berufen, auf einmal eine Wertschätzung erfahren, die ihnen die harte Leistungsgesellschaft verwehrt.

Als drittes Strukturmerkmal der Freiheit in der liberalen Demokratie erscheint eine Neigung zum Relativismus. Aus der Pluralität der Meinungen und Lebensentwürfe muss man nicht zwangsläufig den Schluss ziehen, alles sei relativ. Aber diese Konsequenz wird faktisch oft gezogen. Eine interessante Erfahrung im akademischen Bereich ist, dass die heutigen Studenten gegenüber allen möglichen Theorien, Meinungen und Verhaltensweisen eine unendliche Geduld zeigen. Nur an einem Punkt reagieren sie verlässlich abwehrend: Wenn die Wahrheitsfrage gestellt wird. Mit ihr scheint eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft berührt zu sein. Wer will entscheiden, was richtig und was falsch ist? Wer maßt sich an, zu werten und zu gewichten? Das verstößt eklatant gegen das demokratische Gleichheitsgebot, und wenn auch alles andere erlaubt ist - die Existenz der Wahrheit zu behaupten ist es nicht.

Dass der Verzicht auf die Wahrheitsfrage nicht nur alles als gleichwertig, sondern in der Folge auch als gleichgültig erscheinen lässt, ist die Kehrseite des Relativismus. Die Müdigkeit und Tristesse, die Houllebecq der westlichen Zivilisation in seinem Roman bescheinigt, hat sicher eine ihrer Ursachen im Fehlen eines begeisternden Inhalts - der fehlen muss, wenn alles relativistisch entwertet wird.

Auch auf diesem Feld kann der Islam mühelos gegenhalten: Er ist die Wahrheit, und zwar eine, die unumstößlich ist und die zu erreichen keine besonders große Anstrengung erfordert. Man muss sie nur glauben. Dann regelt sich alles Weitere fast von selbst, denn die Verhaltensregeln des Islams sind so konkret, dass sie den Gläubigen nicht vor große Entscheidungsprobleme stellen. Wenn man das Wort „Islam“, wie Houllebecq es tut, mit „Unterwerfung“ übersetzt und den Islam auch so deutet, dann entlastet er von all den Entscheidungen und Zweifeln, die den modernen, demokratisch sozialisierten Menschen so quälen. Sayyid Qutb, der Chefideologe der Muslimbrüder, sieht gerade darin eine der großen Stärken des Islams und die Überlegenheit gegenüber westlicher Dekadenz begründet, die dem Islam auf lange Sicht den Sieg sichern wird.

Ob man von einer grundsätzlichen Frontstellung zwischen westlicher Lebensweise und Islam ausgehen muss, ist damit nicht gesagt. Die Kampfansage gegen den Westen geht jedenfalls nicht vom Islam aus, sondern vom Islamismus, dem radikalen Islam. Dass die Wertesysteme einer säkularen und einer religiösen Gesellschaft äußerst unterschiedlich sind, lässt sich aber nicht leugnen. Politisch virulent wird das nicht zuletzt bei einer Religion, die von Anfang an auch einen politischen Herrschaftsanspruch hatte. Schließlich hat der Religionsgründer Mohammed mit Feuer und Schwert missioniert.

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