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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Diese Freiheit ist höchst anspruchsvoll. Die säkulare Variante, die in der religiösen schon angelegt ist, erscheint im Vergleich dazu einfacher: Der Freiheitsraum ist durch Reziprozität gesichert, kann also kalkulatorisch festgestellt und ausgemessen werden. Die inhaltliche Ausfüllung dieses Raumes ist privatisiert. Es ist ein Spezifikum des liberalen Denkens, hier nicht werten und gewichten zu wollen. Solange die Gesetze und die gesellschaftlichen Spielregeln eingehalten werden, haben alle Lebensentwürfe und -formen als gleichwertig zu gelten. Anders als bei der religiösen Freiheit ist der Blick also nicht nach oben, sondern zur Seite gerichtet. Lässt mir das Nachbarindividuum genug Platz zur Selbstentfaltung und vice versa? Auf welche Weise wir uns entfalten, dafür gibt es keine übergeordneten Maßstäbe. Oder wenn es sie gibt, dann sind sie nur verbindlich, sofern ich sie für verbindlich erkläre.

Das säkulare Freiheitsverständnis hat weitreichende strukturelle Folgen. Eine von ihnen ist der Pluralismus. Ist die Gesellschaft in der beschriebenen Weise individualisiert, so vervielfältigen sich auch die Vorstellungen darüber, wie man leben soll. Dass ein völlig eigenständiger Entwurf für das zu lebende Leben viele Menschen überfordert, kann zu einer paradoxen Reaktion führen: Dann schlägt der Individualismus in die Massengesellschaft um. Diese ist aber nicht Ausdruck von Gemeinsamkeit, sondern vielleicht eher von Kapitulation vor den Anforderungen der Individualität. Pluralität und Vermassung, diese beiden Seiten der liberalen Gesellschaft, treffen nun auf einen entschiedenen Monismus: den des Islams.

In diesem steht die Gemeinschaft, die umma, im Mittelpunkt, nicht das Individuum. Das Gemeinschaftsstiftende ist der Glaube an den einen Gott, der sich ziemlich unmissverständlich im Koran offenbart hat - jedenfalls muss man von Unmissverständlichkeit ausgehen, solange eine historisch-kritische Auslegung des Korans als unislamisch abgelehnt wird. Aus solchem Monismus kann man eine große Kraft ziehen: Die Einigung der Menschen untereinander ist durch das gemeinsame Dritte schon vollzogen. Sicher gibt es auch innerhalb des Islams gewaltige Spaltungen, etwa die zwischen Sunniten und Schiiten. Doch einigend wirkt immer noch die Frontstellung gegen den Westen, welche die innerislamischen Gegensätze als Unterschiede zweiten Ranges erscheinen lässt.

Ein weiteres Strukturmerkmal der liberalen Freiheit ist das Leben in einer Konkurrenzgesellschaft. Da der Blick primär auf den Nebenmann gerichtet ist, spielt der soziale Vergleich eine herausgehobene Rolle. Was der andere hat, möchte man auch haben, am besten aber noch mehr als er. Denn in einer säkularen Gesellschaft liegt es nahe, eventuell auftretende Sinndefizite durch ökonomische Ziele zu kompensieren. Das Erwerbsstreben gibt dem Leben (scheinbar) wieder einen Sinn. Da es sich beim Mehr-haben-Wollen aber um ein endloses Streben handelt - wie sollte man jemals zur Erfüllung gelangen? -, dient als Orientierung des zu erreichenden Maßes eben das, was der Konkurrent schon erreicht hat. Die Konkurrenzsituation ergibt sich ebenfalls aus der Ausrichtung auf materielle Güter. Denn hier besteht, anders als bei geistigen Gütern, grundsätzlich Knappheit.

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