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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Obwohl die Menschen- und Bürgerrechte, in denen sich das demokratische Freiheitsstreben manifestiert, auch die Abkehr von der Religion ermöglichen, ist es fraglich, ob es sie ohne den geschichtlichen Hintergrund des Christentums hätte geben können. Die Menschenrechte sind Individualrechte, die in der Menschenwürde begründet sind. Dass der Mensch als Mensch, jeder einzelne für sich, eine unaufhebbare Würde hat, ist aber der Grundgedanke des Christentums, der auf der Annahme der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruht. Die antike Philosophie, welche als weitere Quelle des Menschenwürdegedankens genannt werden kann und das Menschsein an seiner Vernunftnatur festmachte, harmoniert damit, sofern Gott Geist beziehungsweise Vernunft ist. Nicht umsonst bediente sich die christliche Theologie der antiken Philosophie, um das christliche Erbe zu erschließen.

Dass sich die Kirchen, speziell die katholische, mit den Menschenrechten dennoch lange Zeit schwertat, ist nicht erstaunlich. Mögen die Menschenrechte auch auf einem Boden gewachsen sein, der erst vom Christentum bereitet wurde, können sie sich doch antichristlich auswirken. Hinzu kommt, dass in diesen Rechten zwar die Freiheiten des Menschen gesichert werden, seine Pflichten aber nicht zur Sprache kommen. So kann Individualität mit Sozialität in Konflikt geraten. Das war auch die Kritik, die Marx an den Menschenrechten übte: Sie seien nichts weiter als Schutzrechte der bürgerlichen Selbstsucht. Seine Lösung, mit der Aufhebung der individuellen Freiheitsrechte letztlich sowohl Freiheit als auch Individualität zu negieren, bot allerdings keine überzeugende Alternative.

Der liberale Weg sah anders aus: Beschränkung der Freiheit, welche auf Kosten der anderen gehen könnte, durch die Freiheit selbst. Anders ausgedrückt: Reziprozität. Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen beginnt. Dieser Umgang mit der Freiheit ist Ausdruck des anderen großen Werts der Demokratie, der Gleichheit. Nur unter Gleichen ist Reziprozität, die Verpflichtung auf Gegenseitigkeit, möglich. Auch für den Gleichheitsgedanken könnte man einen christlichen Ursprung vermuten. Im Christentum sind vor Gott alle Menschen gleich, was jedoch nicht bedeutet, dass sie untereinander gleich sind. Auf diese Idee konnte man wohl erst kommen, als das tertium comparationis, eben Gott, geschichtlich an Bedeutung verlor. Der Vergleichsgesichtspunkt verlagerte sich nach „unten“.

Für diese Deutung spricht, dass diese durchgreifende Demokratisierung, wie sie unser Zeitalter prägt, tatsächlich etwas geschichtlich Spätes ist. Die antike Demokratie hatte kein Problem mit der Sklaverei, und sie schloss einen großen Teil der Bevölkerung - neben den Sklaven auch Frauen und ortsansässige Fremde - von der Herrschaft aus.

Was besagt diese Vorgeschichte nun im Hinblick auf die demokratische Freiheit, die der islamistischen Herausforderung als entscheidender Wert entgegengehalten wird? Es ist eine säkulare Freiheit, welche aber, wie es scheint, ebenfalls einen religiösen Hintergrund hat. Allerdings handelt es sich um eine Religion - das Christentum -, die in sich freiheitlich ist. Denn sie gewährt Gewissensfreiheit, und sie ist keine Gesetzesreligion, die die Lebensführung im Einzelnen vorschreibt. Vielmehr erwartet sie vom Individuum, sich durch Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten und mit sich selbst seinen eigenen Weg des richtigen Lebens zu suchen.

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