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Islamismus und Gesellschaft : Freiheit mit Maß

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Zweifellos waren die Demonstrationszüge gegen den Terror eine beeindruckende Manifestation zugunsten der Meinungsfreiheit. Zweifellos ist die Freiheit - neben der Gleichheit - auch der zentrale demokratische Wert, der verteidigt werden muss, wenn man die Demokratie verteidigen will. Die Frage ist allerdings, ob die Berufung auf die Freiheit genügt, um sich des Herrschaftsanspruchs einer Bewegung erwehren zu können, die gerade die „religio“, also die Bindung, auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dabei geht es hier nicht darum, ob der Islamismus, also der religiöse Fundamentalismus, sich zu Recht als islamkonform begreift. Zu untersuchen ist vielmehr, welche Konsequenzen die Ent-Bindung der westlich säkularen Staaten, also ihre bewusste Trennung von Politik und Religion, für ihre innere Widerstandskraft haben könnte.

Vieles spricht dafür, dass die Säkularisierung im Christentum selbst angelegt war. Das Wort Jesu, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, ist eine klare Distanzierung von einem politischen Herrschaftsanspruch, wie er mit dem Messianismus zuvor meist verbunden gewesen war. Das Weltliche wird so zu einem Bereich der „vorletzten“ Dinge, die ihren Wert haben, aber nicht den höchsten Wert repräsentieren. Der ist den „letzten“ Dingen vorbehalten, dem Seelenheil, das dem Menschen zuteilwerden kann, wenn er sich an etwas Höherem ausrichtet, als er selbst ist. Dazu bedarf es also keiner bestimmten politischen Konstellation, und es bedarf dazu nicht notwendig der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Das Christentum ist im Kern individualistisch. Insofern konnte es auch zu einem Wegbereiter der modernen liberalen Gesellschaft werden.

Dass sich Thron und Altar in der Geschichte zeitweilig dennoch näherten oder sogar verbanden, hat viele Gründe und muss nicht unbedingt als Widerspruch zu dem zitierten Jesus-Wort gewertet werden. Unter einer christlich ausgerichteten Herrschaft lässt sich das Christentum sicher leichter leben als in einer christentumsfeindlichen Umgebung. Zwingend war diese Verbindung aber nicht. Mitunter war sie sogar abträglich, etwa wenn Machtinteressen religiös verbrämt oder im Namen des Christentums sehr unchristliche Kriege geführt wurden. Insofern war es nicht verwunderlich, dass sich schon im Mittelalter die Bereiche des Politischen und des Religiösen wieder zu sondern begannen, bis die Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert endgültig den Trennungsstrich zog.

Nicht jeder Staat verfuhr dabei so radikal wie etwa Frankreich, das laizistisch wurde und jede Religion aus Staat und Öffentlichkeit verbannte. Doch es gehört zum Selbstverständnis der modernen liberalen Demokratien, die Politik von der Religion „befreit“ und Erstere als autonomen Bereich etabliert zu haben.

So erklärt sich das Pathos der französischen Revolution auch nicht bloß aus der Abrechnung mit dem Adel, sondern auch aus dem Aufstand gegen den Klerus. Das Bürgertum forderte Freiheit in jeder Hinsicht. Die im Verlauf der Revolution verabschiedeten Menschen- und Bürgerrechte, jene quasi zivilreligiöse Grundlage der modernen Demokratie, waren sichtbares Zeichen dieses bürgerlichen Freiheitsstrebens. Nicht zufällig ist die Religionsfreiheit ein wesentlicher Bestandteil des Katalogs der Rechte. Religionsfreiheit kann Freiheit zur Religion, aber auch Freiheit von der Religion bedeuten; das ist in die Entscheidung des Einzelnen gestellt.

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