https://www.faz.net/-gpf-aco87

Identitätspolitik : Mehr kulturelle Aneignung wagen

  • -Aktualisiert am

Triste Verhältnisse, ästhetischer Stil. Abbildung aus dem Buch "Sapeurs. Ladies and Gentlemen of the Congo.“ Bild: Tariq Zaidi

Einst war die politische Linke die wichtigste Kraft gegen religiöse Eiferer und Bewahrer einer imaginierten Vergangenheit. Heute gerieren sich Teile der Linken als Speerspitze einer kruden Identitätspolitik, die die Welt in geistige Verbotszonen einteilt. Ein Gastbeitrag.

          13 Min.

          Bettina Jarasch, Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, sprach munter drauflos. Auf einem Parteitag berichtete sie, in ihrer Jugend dem Traum angehangen zu haben, „Indianerhäuptling“ zu werden. Die Empörung über das unbotmäßige Wort erfolgte postwendend, und Jarasch entschuldigte sich für den Fauxpas. Damit die nächste Generation weiß, wo die politisch korrekten Grenzen von Sprache und Träumen sind und solche „Entgleisungen“ bald der Vergangenheit angehören, baut man mancherorts bereits bei den ganz Kleinen vor. In einigen Kindergärten wird jetzt streng darauf geachtet, im Spiel nicht unbedacht in fremde kulturelle Häute zu schlüpfen. Dies widerspreche dem Erziehungsziel der Kultursensibilität und verhindere die Bewusstmachung der eigenen Vorurteile.

          Es leuchtet ein, dass negative Darstellungen des kulturell Anderen von deren Vertretern als Kränkungen erlebt werden können. Doch warum soll dies auch für positive Aneignungsversuche gelten, die längst zum multikulturellen Alltag gehören? Nehmen wir die Pop-Kultur, deren Vertreter sich nicht nur als nonkonformistisch bis ins Deviante hinein präsentieren, sondern per se das darstellen, was der Soziologe Roland Robertson als „glokal“ bezeichnet hat. Der Neologismus weist darauf hin, dass das Lokale und das Globale sich im Zeitalter der Globalisierung nicht unverbunden oder gar feindlich gegenüberstehen. Vielmehr durchdringen sie sich wechselseitig und bilden neue, hybride Formen heraus.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Nicht viel los: Ein mobiles Impfzentrum in Sachsen

          Nachlassendes Impftempo : Mehr Impfdruck, bitte!

          Sobald Politiker festlegen, dass Geimpfte in der vierten Corona-Welle mehr Freiheiten genießen werden, bricht der Shitstorm los. Aber es wird so kommen. Und es ist völlig legitim.