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Vor 50 Jahren : In innere Not gekommen

GALILEI UND DIE PILLE: „Lass nur - vor 350 Jahren hat man sich im Vatikan bei mir auch geirrt!“ Bild: Wilhelm-Busch-Gesellschaft e.V., Hannover

Die Warnungen vor einem „zweiten Fall Galilei“ waren ebenso vergebens wie der Kampf des Mainzer Weihbischofs Reuss. Ein Blick hinter die Kulissen von „Humanae vitae“.

          Jetzt gibt es die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Daniel Deckers.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Hochzuverehrender Herr Kardinal“, schrieb Dr. Peter Krebs am 27. Juli 1968 dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), dem Münchner Erzbischof Julius Kardinal Döpfner. „Mit äußerstem Entsetzen und maßloser Enttäuschung haben wir vom Inhalt des neuen päpstlichen Rundschreibens Kenntnis genommen.“ Was war geschehen? Unter dem Datum des 25. Juli hatte Papst Paul VI. ein seit langem erwartetes Lehrschreiben veröffentlicht. „Humanae vitae“ (HV) sollte und wollte Antworten geben auf Fragen im Zusammenhang mit der „rechten Weitergabe des menschlichen Lebens“. Doch die waren nicht so ausgefallen, wie es der katholische Arzt, Vater von vier Kindern und langjähriger Referent in Ehe- und Familienfragen, zusammen mit Millionen Katholiken weltweit erhofft hatte. „Welche Katastrophe, welcher Rückschlag“, schrieb Krebs.

          1963 hatte Papst Johannes XXIII. eine kleine Gruppe von Theologen und anderen Wissenschaftlern beauftragt, sich über die drohende Bevölkerungsexplosion in den sogenannten Entwicklungsländern, aber auch über neue Möglichkeiten „künstlicher“ Empfängnisverhütung durch die Antibabypille Gedanken zu machen. Nach dem Tod des „papa buono“ im Juni 1963 ließ sein Nachfolger Paul VI. die „Pillen“-Kommission vergrößern und in aller Verschwiegenheit weiterarbeiten. Bis zum Sommer 1966 rangen fast siebzig Personen, die meisten von ihnen Theologen, aber auch einige Ehepaare, aus nahezu allen Regionen der Welt miteinander um den richtigen Kurs der Kirche.

          Der war 1930 erstmals durch einen Papst abgesteckt worden. „Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür des Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur: und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld“, hatte Pius XI. in seiner Eheenzyklika „Casti connubii“ erklärt. Den Katholiken blieb die Zeitwahl, also der Versuch, den Geschlechtsverkehr in die empfängnisfreie Zeit der Gattin zu legen – aber das erst ausdrücklich seit einer Ansprache von Pius XII. im Jahr 1950.

          Theorie und Praxis klafften aber schon bald auseinander – und ließen viele Katholiken an der Weisheit der Päpste zweifeln, wenn nicht verzweifeln. Für die überwältigende Mehrheit der Kommission war 1966 klar, dass es bei der Verdammung jeder Art „künstlicher“ Empfängnisverhütung nicht bleiben könne. Für den Menschen sei es „natürlich, seine Erfahrung zu gebrauchen, um das, was durch die physische Natur gegeben ist, unter menschliche Kontrolle zu bringen“, hieß es in dem Abschlussbericht. Doch das war in den Wind gesprochen: Jeder eheliche Akt müsse „von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben“, hieß es in Humanae vitae – und das wegen der gottgewollten „untrennbaren zweifachen Bedeutung des ehelichen Aktes“, nämlich „der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung“.

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