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Holocaust : In der Zone der Zerstörung

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Zehntausende Menschen fielen dem Aufstand im Warschauer Getto und seiner kompromisslosen Niederschlagung zum Opfer. Bild: Eastblockworld.com

Im Vorgehen Hitlers gegen Deutschlands Nachbarn seit dem Anschluss Österreichs 1938 ist das Muster einer Enthemmung erkennbar: Warum die Zerschlagung von Staaten die Voraussetzung für den organisierten Massenmord an den Juden war - und welche Lehren wir daraus ziehen sollten.

          Wir nehmen an, wir hätten den Holocaust verstanden und Lehren daraus gezogen. Was aber, wenn wir nur diejenigen Lehren daraus gezogen haben, die wir aus ganz eigennützigen Gründen daraus ziehen wollten, und den Holocaust entsprechend unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen interpretiert haben?

          Aufgrund der Natur des Ereignisses bietet kein nationaler Rahmen, nicht einmal ein deutscher, die Möglichkeit für eine vernünftige Diskussion. Die grundlegenden Fakten widersetzen sich jedem nationalen Narrativ. Die vorherrschende Vorstellung in Deutschland ist die von Konzentrationslagern, doch die meisten Juden, die ermordet wurden, waren nie in einem solchen. Die Aufmerksamkeit gilt den deutschen Juden, obwohl 97 Prozent der während des Holocausts ermordeten Juden mit Deutschland nichts zu tun hatten – abgesehen davon, dass sie in deutschem Namen ermordet wurden. Die narrative Aufmerksamkeit gilt der Diskriminierung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland, obwohl nur ein kleiner Teil der im Holocaust ermordeten Juden in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland lebte. Die Hälfte der Täter waren keine Deutschen. Keiner der Haupttäter ermordete nur Juden. Sie alle waren auch Mörder anderer Menschen. Der Holocaust fand in einem Raum statt, in dem die Deutschen auch vier Millionen Nichtjuden getötet haben. Der gesamte Holocaust spielte sich in einer Zone der Staatszerstörung ab, die von der deutschen Macht in Osteuropa geschaffen worden war. So gut wie alle Juden, die im Holocaust ermordet wurden, verloren ihr Leben dort.

          Timothy Snyder ist Housum Professor of History an der Yale University.

          Diese ganz grundsätzlichen Beobachtungen zur Praxis des Holocausts legen den Wesenskern seiner Theorie offen, Hitlers Theorie. Hitler war kein deutscher Nationalist und kein autoritärer Herrscher, der zufällig extrem handelte. Er war ein in Rassenkategorien denkender Anarchist. Er war mit Sicherheit ein Antisemit, aber mit diesem Begriff lässt sich die Art und Weise, wie er eine bestimmte Vorstellung vom Juden benutzte, um eine geistige Welt völlig ohne normale Politik zu schaffen, nicht angemessen beschreiben – eine Welt, in der die Staatszerstörung zur Norm werden sollte. Für Hitler gab es nur eine Realität - die Realität des Rassenkampfes. Sämtliche Universalismen, die es den Menschen ermöglichten, sich gegenseitig anzuerkennen, waren aus seiner Sicht jüdischer Natur - Kommunismus, Kapitalismus, Christentum und so weiter. Auch die Ansicht, Wissenschaft und Technologie könnten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ändern, sei eine jüdische Lüge. Sobald der Rassenkampf beginne, so Hitler recht explizit, würden die bestehenden Staaten zusammenbrechen.

          Eine neue Politik aus der Anarchie

          Da Hitlers Ideen globaler Art waren, konnte sein Aufstieg zur Macht in Deutschland nur ein erster Schritt hin zu ihrer Verwirklichung sein. Hitler scheint das verstanden zu haben. Wenn wir seine Schriften ernst nehmen – und der Holocaust verlangt, dass wir das tun –, sollten wir die dreißiger Jahre in Deutschland nicht als abgeschlossenes Projekt der Schaffung eines autoritären Staates betrachten, sondern als eine Art Vorbereitung für einen viel umfassenderen Kampf. Der deutsche Staat war in jenen Jahren vor allem ein Inkubator für Institutionen – allen voran die SS –, deren Hauptaufgabe stets außerhalb Deutschlands lag: die Zerstörung anderer Staaten. Die Rassenlogik der SS, der NSDAP und der Konzentrationslager muss unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. In den dreißiger Jahren stand sie stets in einer spannungsreichen Beziehung zur politischen Logik des bestehenden Staates. Sobald der Krieg begann, konnte die Rassenlogik die Oberhand gewinnen.

          Aus der Anarchie sollte eine neue Art von Politik entstehen. „Lebensraum“ war nicht nur ein Ort (vor allem Ukraine), aber auch eine Zone der Transformation der Deutschen. „Lebensraum“ war nicht nur biologisch gemeint, sondern auch politisch, er bedeutete auch Komfort und Behaglichkeit. Rassen brauchen in Hitlers Vorstellungswelt immer mehr Land, Menschen streben nach einem immer höheren Lebensstandard. Eine Rasse braucht deshalb immer mehr und will immer mehr – das ist der normale Zustand. Deshalb ist es gerechtfertigt, immer Angst zu haben, immer Neid zu erfahren und deshalb zu kämpfen. Jede Logik, die dem widerspricht, wurde als „jüdisch“ angesehen. Auf diese Weise wurden Lebensstil und Leben gleichgesetzt und jedes Gefühl für Verantwortlichkeit externalisiert.

          Hitler kam an die Macht, indem er sich selbst zurücknahm und seine extremsten Ansichten nicht äußerte, sondern sich als rechtsgerichteter autoritärer Herrscher präsentierte. Es gab keinen Plan, bestimmte Staaten in einer bestimmten Reihenfolge zu zerstören – im Gegenteil, das meiste von dem, was später geschah, entwickelte sich immer spontan aus der jeweiligen Situation heraus. Doch als Staaten zerstört wurden, entstanden daraus Muster, die Hitlers Weltanschauung bestätigten und sogar ihre Verwirklichung ermöglichten. Rassenkrieger schufen immer größere Leerräume und lernten immer mehr über sich und andere. Als Österreich von der Landkarte verschwand, konnte man Juden von einem Tag auf den anderen auf eine Weise demütigen, die nicht einmal im nationalsozialistischen Deutschland möglich war. Österreichische Juden waren zwischen 1933 und 1938 nicht der gleichen Diskriminierung ausgesetzt gewesen wie die deutschen Juden. Doch buchstäblich am Tag nachdem Österreich unterworfen worden war, schrubbten sie auf Knien die Straßen Wiens.

          Jede Episode war unerwartet

          Was genau geschah da? Die Juden beseitigten das Wort „Österreich“ von den Straßen, weil ihre österreichischen Mitbürger sie für das frühere Regime verantwortlich machten. Die Staatszerstörung als solche eröffnete die Möglichkeit für eine neue Form lokaler Politik, die in Österreich innerhalb von fünf Monaten genauso viel Enteignung und Emigration mit sich brachte wie die NS-Herrschaft in Deutschland in den fünf Jahren zuvor.

          Als die Tschechoslowakei fiel, erklärten die Führer der neuen Slowakei die Juden zu Bürgern zweiter Klasse und schufen damit eine künstliche „Judenfrage“, die später zur Deportation Zehntausender Juden nach Auschwitz führte. In Ruthenien, wo die Tschechoslowakei Gebiete an Ungarn abtreten musste, weigerte sich Budapest, Juden in den neu erworbenen Gebieten als Bürger anzuerkennen. Später vertrieb man sie Richtung Osten, in die Sowjetrepublik Ukraine – während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Dies führte zur ersten Massenerschießung des Holocausts, wie wir später sehen werden.

          Jede Episode der Staatszerstörung erfolgte in gewisser Weise unerwartet, doch jede ermöglichte einen weiteren Schritt in Richtung Anarchie, jede schuf weitere Voraussetzungen für den Massenmord. Mit dem Einmarsch in Polen im September 1939 zerstörte Deutschland erstmals einen Staat unter den Bedingungen des Krieges. Einsatzgruppen wurden gebildet, welche die politische Klasse Polens ermorden sollten. Polnische Staatlichkeit und polnisches Recht galten als nicht existent, ja es war, als hätten sie nie existiert. Polen sollte nach einem im Grunde kolonialen Modell regiert werden. Juden verloren alle Grundrechte, was bedeutete, dass sie in Gettos gepfercht werden konnten. Die 1940 und 1941 in Gettos hausenden Juden starben in schrecklicher Zahl an Krankheit und Hunger, doch eine Politik des Massenmords gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

          Klischees werden wirksam

          Der Holocaust begann mit dem Einmarsch in der Sowjetunion. Was war die Sowjetunion, als das nationalsozialistische Deutschland im Juni 1941 einmarschierte? Also: zum Historikerstreit der achtziger Jahre. Ernst Nolte hat behauptet, Hitlers Entscheidungen seien unmittelbare Reaktionen auf eine sowjetische Politik des Massenmords gewesen; das ist eine Position Hitlers und als Geschichtsschreibung inakzeptabel. Doch Jürgen Habermas’ Gegenposition, die Gebiete und Menschen außerhalb Deutschlands mit einem impliziten Tabu belegte, ergibt als Geschichtsschreibung ebenso wenig Sinn. Zwar hatte Habermas das beileibe weder gewünscht noch beabsichtigt, aber seine Position führt paradoxerweise zu einer kolonialistischen Haltung, in der Gebiete und Völker außerhalb Deutschlands nach deutschen – und damit in der Regel nationalsozialistischen – Quellen bewertet werden. Man tabuisiert die sowjetische und sogar die polnische Geschichte, was unter anderem bedeutet, dass man die enorme Mehrheit der Juden aus der Geschichtsschreibung des Holocausts ausschließt. Sobald man über Polen oder die Sowjetunion spricht, werden die Klischees der Erinnerungskultur wirksam: Man muss die Singularität des Holocausts schützen. Aber das ist nicht möglich, wenn man die Geschichte des Holocausts nicht kennt und nicht daraus lernt.

          Der Historikerstreit wirft uns nämlich genau im entscheidenden Moment aus der Geschichte, nämlich beim Molotow-Ribbentrop-Pakt, also dem Bündnis zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939, das den Partnern einen gemeinsamen Angriff auf Polen und der Sowjetunion die Besetzung Litauens, Lettlands, und Estlands erlaubte. Als die Sowjetunion 1941 vom nationalsozialistischen Deutschland überfallen wurde, war sie ein Staat, der sich gerade selbst nach Westen ausgedehnt hatte, indem er die drei baltischen Staaten und den Osten Polens besetzt und annektiert hatte. Das bedeutete: Als Deutschland in der Sowjetunion einmarschierte, erreichten seine Truppen zunächst Gebiete, die nur wenige Monate zuvor einer Politik der Staatszerstörung unterworfen worden waren. Insofern kann man die deutsche Invasion auch als zweiten Einmarsch und die Besetzung dieser Gebiete als eine doppelte Besatzung betrachten.

          Wichtig war die doppelte Besatzung wegen der Politik, die sie ermöglichte. So wie der „Anschluss“ Österreichs, die Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Einmarsch in Polen allesamt Eskalationen erlaubten, ermöglichte die doppelte Staatszerstörung den verhängnisvollen Übergang von der Unterdrückung zum direkten Massenmord. Das lag an mehreren Faktoren: Die Deutschen konnten die Emotionen von Menschen, die gerade ihre Staaten verloren hatten, für ihre Zwecke nutzen; sie konnten unter den politischen Emigranten diejenigen auswählen, die ihnen am besten ins Konzept passten, und in die baltischen Staaten mitbringen; als die Deutschen eintrafen, hatten die Sowjets die Juden im Grunde bereits enteignet. An dieser Stelle soll ein Phänomen hervorgehoben werden, das besonders wichtig erscheint: die doppelte Kollaboration.

          Die Symbolik war klar

          Es geht in erster Linie darum, zu zeigen, wie aus der unwirklichen globalen Weltanschauung Hitlers reale lokale Politik werden konnte. Hitler stellte die Sowjetunion als einen jüdischen Staat und die Juden als Kommunisten dar. Das war ein wichtiges Element seiner allgemeineren Vorstellung, wonach alle Konzepte menschlicher Gegenseitigkeit jüdischer Natur seien. Diese Überzeugung erlaubte es Hitler, 1941 einen Krieg zu beginnen, denn er war der Ansicht, die Sowjetunion werde zusammenbrechen, sobald man ihre Juden umgebracht hatte. Deshalb wurden die Einsatzgruppen, die 1939 die polnische Elite ermorden sollten, 1941 damit beauftragt, die Juden als kommunistische Elite umzubringen. Diese Gleichsetzung von Juden und Kommunisten war natürlich ein Irrglaube; die Ermordung der Juden schwächte die Sowjetunion keineswegs. Doch die Gleichsetzung von Juden und Kommunisten hatte politische Konsequenzen, insbesondere in den doppelt besetzten Gebieten.

          Bialystok war eine polnische Stadt mit einer sehr großen jüdischen Bevölkerung, die 1939 unter sowjetische Herrschaft geraten war. Am 27. Juni 1941 befahlen die Deutschen den Juden von Bialystok, die Stadt von Lenin-Statuen zu säubern, trieben die Juden anschließend in eine Synagoge und setzten diese in Brand. Die Symbolik war klar: Juden waren für den Kommunismus verantwortlich, und diese Verantwortung ließ sich tilgen, indem man sie ermordete. Nun wussten die Menschen in Ostpolen und in den baltischen Ländern natürlich nur zu gut, dass die Sache so einfach nicht war. Doch indem sie sich an solchen Mordaktionen beteiligten, wie das mitunter der Fall war, befreiten und reinigten sie sich selbst von ihrer Verantwortung. Wenn Polen zum Beispiel in der Kleinstadt Jedwabne Juden zwangen, eine Lenin-Statue zu stürzen, bevor sie sie ermordeten, handelten sie im Grunde nach dem gleichen Muster wie die Österreicher in Wien, die die Juden dazu zwangen, die Straßen zu schrubben. Die politische Logik war bei österreichischen Städtern und polnischen Bauern die Gleiche.

          Diese Zone liegt in der deutschen Geschichtsschreibung oft im Dunkeln, aus Gründen des Tabus, aber auch aus quellentechnischen Gründen. Besonders häufig aber findet man sie in jüdischen Quellen. Juden beschreiben, oftmals mit bitterer Ironie, wie ihre (beispielsweise) ukrainischen Nachbarn mit der sowjetischen Polizei kollaborierten und dann, als die Deutschen kamen, diese Kollaboration den Juden in die Schuhe schoben. Doch in der deutschen Geschichtswissenschaft kommt das grundlegende soziale Phänomen der doppelten Kollaboration sehr selten vor, weil die Quellen dazu nicht in deutscher Sprache verfasst sind, sondern auf Jiddisch, Polnisch oder Russisch.

          Auch Einheimische waren an Vertreibungen beteiligt

          In der Zone doppelter Staatszerstörung konnten die Deutschen genügend Einheimische rekrutieren, um eine Kampagne organisierten Massenmords in Gang zu setzen. Zudem zeigte sich, dass die SS auch die deutsche Ordnungspolizei und die Wehrmacht dafür rekrutieren konnte. Die Bereitschaft von Deutschen, Juden zu erschießen, war in der Zone der Staatslosigkeit im allgemeinen größer als erwartet. Nicht nur die Pogrome geschahen auf dieser Grundlage, sondern die ganze Technik des Massenmords wurde auf dieser Basis entwickelt. Man muss alles in Bild haben: die Ideologie, Vorkriegsdeutschland, die Situation der Deutschen außerhalb ihrer Heimat, die verlorenen Staaten Vorkriegseuropas, den Prozess der Staatsvernichtung und die konkrete Konfrontation mit den neuen sowjetischen Gebieten im Juli 1941. Dann kann man den Beginn des Holocausts sehen und verstehen.

          Erinnern wir uns an die Zerstörung der Tschechoslowakei und an die Juden Rutheniens, des östlichen Teils des zerstörten Landes. Ungarn nahm einen Teil Rutheniens, erkannte die ruthenischen Juden aber nicht als Bürger an. Im Sommer 1941 vertrieb Ungarn diese Menschen während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion nach Osten, in die Ukraine. In dieser Situation konnte Friedrich Jeckeln eine Massenerschießung organisieren, bei der im August 1941 in Kamjanez Poldilskyj 23.600 Menschen ermordet wurden. Beteiligt waren nicht nur deutsche Ordnungspolizei und Wehrmacht, sondern auch Einheimische, die mit den Deutschen kollaborierten. Jeckeln begann damit, dass er Juden und Kommunisten gleichsetzte.

          In diesem Bild haben wir alles: die Zerstörung des Staates, die Hilflosigkeit von Juden ohne Staatsangehörigkeit, die besondere Politik der doppelten Besatzung, das Benehmen von Deutschen und Einheimischen in dieser Zone, die damit verbundene Transformation der Ideologie Hitlers in Mikropolitik, die Verschiebung der Verantwortlichkeit zu den Juden und das Morden, das alle Verantwortlichkeit auslöscht.

          Diplomaten waren wichtig

          Die Lektion der Möglichkeit kam dann mit der einer generellen Absicht zusammen. Deshalb versuchte die deutsche Führung ab 1942, Juden überall zu ermorden, allerdings mit gemischten Ergebnissen. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion wurden 95 Prozent der Juden ermordet. In Polen, wo der Staat völlig zerstört worden war und wo die Juden bereits in Gettos zusammengepfercht waren, war der Transport in die neuen Gaskammern möglich. Die Überlebenschancen von Juden nach 1942 hingen vor allem davon ab, welche Form die deutsche Besatzung zwischen 1939 und 1941 angenommen hatte. In einem Land wie Dänemark, wo die Besatzung milde war und lokale Institutionen weiter funktionierten, konnten 99 Prozent der Juden überleben. In Frankreich überlebten 75 Prozent der Juden, in den Niederlanden kamen 75 Prozent um, weil dort die SS die Kontrolle über die Besatzung hatte.

          Diplomaten waren überall deshalb die wichtigsten Retter, weil ihr eigener Status sicher war und sie über die Möglichkeit verfügten, anderen staatliche Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Am leichtesten, weil es dort am wenigsten riskant war, konnte man Juden in souveränen Staaten helfen; dort war das in einigen Fällen nicht einmal ein Verbrechen. Schwieriger war es an Orten, an denen es keinen Staat mehr gab; dort waren die Retter keine Bürger und konnten gleichfalls ermordet werden.

          Die Zahl der Menschen, die an den finstersten Orten Juden gerettet haben, wo eigentlich alle Anreize dagegen gerichtet waren, war nur sehr klein. Es sei noch einmal wiederholt: Das hat nichts mit ethnischer Zugehörigkeit zu tun, sondern vor allem mit Politik. Die Menschen, die in den staatslosen Zonen Juden retteten, taten das fast nie im Namen ihrer eigenen Nationen. Im Allgemeinen halfen sie Juden nicht, weil diese Juden, sondern weil sie Mitmenschen waren. Anders gesagt: Diese kleine Gruppe von Menschen waren diejenigen, die Vorstellungen menschlicher Solidarität an Orten aufrechterhielten, an denen die deutsche Macht für Anarchie und Gesetzlosigkeit gesorgt hatte. Sie waren diejenigen, die vor Augen führten, dass Hitlers Vorstellung von der menschlichen Natur falsch war. Sie exportierten nicht Verantwortung, sondern importierten sie. Moral lässt sich verinnerlichen und kann sogar dort funktionieren, wo Rassenkrieger und Staatszerstörer wieder für einen anarchischen Urzustand sorgen, indem sie Institutionen zerstören.

          Wir sind anfällig für Hitlers Vorstellungen

          Das Problem für uns besteht darin, dass es nur so wenige dieser Menschen gab. Es ist richtig und gut, sie als beispielhaft zu betrachten, aber es ist unrealistisch zu glauben, wir würden ihnen unter ähnlichen Umständen nacheifern. Die Retter können Vorbild für uns sein, aber kein Trost. Es gibt keinen Trost. Wir sind durchaus anfällig für Vorstellungen wie die Hitlers, die unsere Angst und Habgier befördern und die uns auffordern, für sämtliche Beschränkungen und Grenzen irgendeinen globalen Feind verantwortlich zu machen.

          Sich Hitlers Weltanschauung zu widersetzen ist richtig und gut, aber es reicht nicht aus. Für die meisten von uns brechen moralische Verpflichtungen und Identitätsbehauptungen recht schnell zusammen, wenn sich die Umstände verändern. Die Lehren, die wir aus dem Holocaust ziehen, dürfen nicht auf die Prüfung als solche beschränkt bleiben, die die meisten von uns nicht bestehen würden. Sie müssen auch die Prävention betreffen: Wie können wir sicherstellen, dass wir uns nicht selbst vor eine ähnliche Prüfung gestellt sehen?

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