https://www.faz.net/-gpf-9cc9n

30-jähriger Krieg : Tränen des Vaterlandes

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges begründete der Westfälische Frieden eine politische Ordnung, in der entweder Krieg oder Frieden herrschte; ein Drittes war völkerrechtlich ausgeschlossen. Heute stehen Cyberwar, Terrorismus und Drohnenstrategie für dieses Dritte. Die klare Ordnung ist verlorengegangen, und es ist nicht absehbar, wie sie wieder- hergestellt werden soll.

          12 Min.

          Eigentlich sollten Ereignisse, die vier Jahrhunderte zurückliegen, historisiert sein. Das heißt, dass wir nur noch ein antiquarisches Interesse an ihnen haben und erfahren wollen, „wie es eigentlich gewesen“, um Rankes berühmte Formel aufzugreifen, aber nicht, um im Lichte des Vergangenen die Gegenwart besser zu begreifen. Wenn es sich obendrein noch um ein schreckliches und gewaltsames Geschehen handelt, an das erinnert wird, so beruhigt uns die Versicherung, derlei gehöre endgültig der Vergangenheit an und könne sich heutigentags keineswegs wiederholen. Wir sind beruhigt und können uns in der Gewissheit sicheren Abstands auf die Vergangenheit einlassen. Sich mit ihr zu beschäftigen ist keine politische Herausforderung.

          So war das bis vor kurzem auch mit dem Dreißigjährigen Krieg: Bis zur Mitte des Zweiten Weltkriegs war er das große politische Trauma der Deutschen. Dann aber wurde durch den strategischen Bombenkrieg der Westmächte und das Vordringen der Roten Armee, durch die Zerstörung der Städte und die Flüchtlingsströme aus dem Osten die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg vom gegenwärtigen Schrecken überlagert und bald verdrängt. Was der Dreißigjährige Krieg im kollektiven Gedächtnis der Deutschen dargestellt hatte, war seitdem erinnerungspolitisch der Zweite Weltkrieg: eine große geschichtliche Zäsur, die mit der imperativischen Aufschrift „Nie wieder!“ versehen ist.

          So ist der Dreißigjährige Krieg zu einem wohlgehegten Erinnerungsort geworden, mit dem wir uns beschäftigen können, ohne sogleich davor zurückzuschrecken. Der Abstand von vierhundert Jahren lässt uns sogar die auf einigen Schlachtfeldern ausgegrabenen Skelette der Gefallenen betrachten, und unser Interesse gilt weniger ihrem Schicksal als dem, was wir aus den Gebeinen der Toten bei deren wissenschaftlicher Untersuchung erfahren können: Mangelernährung, Krankheiten sowie frühere Verwundungen. Historisches Interesse wird naturwissenschaftlich untersetzt. Das macht den Unterschied zu dem Beinhaus von Fort Douaumont aus, wo die Überreste von Gefallenen der Verdun-Schlacht des Ersten Weltkriegs unmittelbar an uns appellieren, dafür Sorge zu tragen, dass sich dies nie mehr wiederholt.

          Das ist, wie gesagt, nicht immer so gewesen. Auf die Überlebenden des Dreißigjährigen Krieges und deren unmittelbare Nachfahren hatte die Verheerung der Dörfer und Städte eine traumatische Wirkung. In der Erinnerung derer, die den Krieg noch unmittelbar erlebt hatten, handelte es sich freilich um kein Trauma der Deutschen, sondern um das eines Dorfes oder einer Kleinstadt, die von durchziehenden Soldaten geplündert und niedergebrannt worden war, allenfalls eines Landstrichs oder einer Landesherrschaft, die während des Krieges mehrfach von der Kriegsfurie heimgesucht worden war. Noch in Andreas Gryphius’ berühmtem Gedicht „Tränen des Vaterlands“, das den Krieg als Einbruch der apokalyptischen Reiter darstellt, ist mit Vaterland eher Schlesien als Deutschland gemeint. Das kommunikative Gedächtnis einer Gemeinschaft, das aus den Erzählungen von Augenzeugen zusammengesetzt ist, war auf begrenzte Räume bezogen und blieb insofern geschichtspolitisch bedeutungslos.

          Weitere Themen

          Die Not in Assads ausgezehrtem Reich

          Hungerkrise in Syrien : Die Not in Assads ausgezehrtem Reich

          In Syrien leiden immer mehr Menschen Hunger. Die Kosten für Ernährung übersteigen das Durchschnittseinkommen. Eine Geberkonferenz soll helfen, die Not zu lindern. Die setzt auch Machthaber Assad zunehmend unter Druck.

          Topmeldungen

          Der Mann ohne Maske: Donald Trump im Mai mit dem obersten Immunologen Anthony Fauci (r.) und Deborah Birx, Koordinatorin der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses

          Corona-Pandemie in Amerika : Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Bislang weigerte sich Trump, wegen Corona einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Jetzt findet er Masken doch gut – weil er mit ihnen wie „Lone Rider“ aussehe. Womöglich hängt sein Sinneswandel aber auch damit zusammen, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Amerika einen neuen Rekordwert erreicht hat.
          Er hat die besten Aussichten, CDU-Vorsitzender zu werden, aber ist er auch der prädestinierte Kanzlerkandidat? Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

          CDU-Vorsitz und K-Frage : Muss Laschet weichen?

          Während Merkel auf der Europawolke schwebt, kommt der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz wieder in Fahrt. Die bisherigen Kandidaten sehen dabei alle drei nicht sonderlich gut aus.
          Sigmar Gabriel, Bundesminister a. D.

          Fleischkonzern : Sigmar Gabriel als Berater von Tönnies bezahlt

          Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat nach Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ für den Fleischproduzenten Tönnies als Berater gearbeitet. Gabriel soll für seine Beratertätigkeit rund 10.000 Euro erhalten haben.
          In der Münchner Fußgängerzone wollen zahlreiche Menschen einkaufen gehen.

          Konjunktur : Die Wirtschaft kommt wieder in Fahrt

          Über die Autobahnen rollen wieder mehr Lkw und in den Fußgängerzonen tummeln sich die Passanten. Echtzeitindikatoren zeigen deutlich mehr wirtschaftliche Aktivität in Deutschland. Doch von Normalität ist die Wirtschaft noch weit entfernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.