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30-jähriger Krieg : Tränen des Vaterlandes

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Graf Schlieffen, Moltkes Nachnachfolger im Amt des Generalstabschefs, wollte sich auf eine solche Politik nicht verlassen, sondern arbeitete einen Kriegsplan aus, der auf gänzlich andere Weise dafür sorgen sollte, dass sich ein Dreißigjähriger Krieg nicht noch einmal auf deutschem Boden abspielte: Schlieffen entwarf eine Offensivstrategie, die sicherstellen sollte, dass der sich abzeichnende europäische Hegemonialkrieg „in Feindesland“ geführt und dort schnell entschieden würde. Dazu hielt er es für erforderlich, durch die neutralen Staaten Luxemburg und Belgien hindurchzumarschieren, um die französischen Armeen im Rücken zu packen, gegen ihre Festungssysteme zu werfen und sie dort zu zerschlagen.

Die Verwirklichung dieser Pläne im August 1914 führte indes dazu, dass Großbritannien auf der Gegenseite in den Krieg eintrat, was das Kräfteverhältnis veränderte und dazu führte, dass Deutschland den Krieg am Ende verlor. Lernen aus traumatischen Konstellationen ist offenbar hochriskant: Auf das Trauma fixiert, leiden die Lernenden an einer Blickfeldverengung und bringen sich dadurch exakt in die Lage, die sie vermeiden wollten.

Die Kritiker des „deutschen Sonderwegs“ haben in den 1970er und 1980er Jahren auch an der Auflösung des Traumas Dreißigjähriger Krieg gearbeitet, um den Deutschen eine zukünftig klügere Politik zu ermöglichen – ein im Prinzip löbliches Unterfangen. Der Kern des Traumas, so die Annahme, war die Opfererzählung. In deren Zentrum wiederum stand die Vorstellung von den ungeheuerlichen Bevölkerungsverlusten, die Deutschland während dieses Krieges erlitten habe. Diese, so Hans-Ulrich Wehler in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“, seien jedoch keineswegs so hoch gewesen wie behauptet. Als Beleg für seine revisionistische Herangehensweise verwies er auf die Gefallenenzahlen der großen Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Diese waren nur in wenigen Fällen höher als Zehntausend und lagen damit sehr deutlich unter denen späterer Kriege, zumal denen der beiden Weltkriege. Die Deutschen, so Wehler, hätten sich in ein Trauma hineinerzählt, aus dem sie durch eine sozialstatistisch präzise Geschichtsschreibung nun wieder herausgeholt werden mussten.

Wehler verstand jedoch wenig von Kriegsgeschichte und noch weniger von der Berechnung der Opferzahlen eines Krieges. Tatsächlich lagen die Verluste aus unmittelbarem Kampfgeschehen in einem längeren Krieg erstmals im 20. Jahrhundert unterhalb der Zahl der Toten, die seitens der Begleiter eines Krieges verursacht wurden, etwa durch Hungersnöte, Seuchen oder Soldatengewalt gegen die Zivilbevölkerung. Das war eine Folge der Fortschritte von Militärhygiene und Kriegsmedizin. Wehler hat den Dreißigjährigen Krieg anachronistisch entdramatisiert, aber damit hat er dessen Wesensmerkmal verfehlt.

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