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Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

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Bild: Barbara Klemm

1994 wurde Helmut Kohl zum fünften Mal in Folge als Bundeskanzler vereidigt. Danach gab es in Bonn nur ein Thema: Wann endet die Ära Kohl?

          12 Min.

          Gerade noch einmal gutgegangen war es. Bonn, Bundestag, Mittwoch, 16. November 1994. Tag der Kanzlerwahl. Mit einer Beinahepanne begann die fünfte Amtszeit Helmut Kohls, von der die meisten glaubten, es werde seine letzte sein. Das übliche Ritual wurde vollzogen – Verlesen der Namen der Abgeordneten, die ihre Stimme abgeben sollten. Von Ulrich Adam (CDU) bis Gerhard Zwerenz von der PDS, der Nachfolgepartei der SED, wie damals regelmäßig hinzugefügt wurde. Die Schriftführer waren schon bei dem Buchstaben Z angekommen, als sich voller Aufregung zwei CDU-Abgeordnete ihren Weg zu den Urnen bahnten. Einer führte – der Vorsitzende der baden-württembergischen Landesgruppe, Otto Hauser. Einer wurde geführt – Roland Richter. Das Fehlen des Parlamentsneulings aus Pforzheim war der Führung der Unionsfraktion – bedingt durch widrige Umstände – erst gar nicht und Jürgen Rüttgers, dem Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer, buchstäblich in letzter Sekunde aufgefallen. Um 10.05 Uhr hatte der Wahlakt begonnen. Um 10.45 Uhr tauchte Richter auf. Er habe in seinem Hotel in Königswinter verschlafen, wurde alsbald glaubhaft kolportiert. „Roland Richter ist an einem Tag gelungen, woran andere Abgeordnete ganze Legislaturperioden arbeiten“, schrieb Karl Feldmeyer, Korrespondent dieser Zeitung. „Sein Name ist seit der Kanzlerwahl jedermann in Bonn bekannt.“ Roland Richter hat die Bekanntheit wenig geholfen. Seine erste Legislaturperiode sollte auch seine letzte sein. Jürgen Rüttgers stieg auf. Der „Erste Parlamentarische“ der Fraktion wurde – zuständig für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie – „Zukunftsminister“ in Kohls Kabinett. Über die ganze Wahlperiode aber zog sich ein Thema hin: Wann endet die Ära Kohl?

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          Jede Stimme wurde gebraucht. Die Mehrheit von CDU, CSU und FDP war bei der Wahl zum 13. Deutschen Bundestag auf ein Minimum geschrumpft. Die Union verlor 2,3 Punkte und kam auf 41,5 Prozent. Die FDP sackte um 4,1 Punkte ab und landete bei 6,9 Prozent. 672 Abgeordnete gehörten dem Bundestag an, 341 davon den drei bisherigen und auch neuen Koalitionsparteien. Die im ersten Wahlgang für die Wahl zum Bundeskanzler erforderliche absolute Mehrheit betrug 337 Stimmen. Kohl erhielt 338 Stimmen. Es war kein guter Start. Was in Bonn über Kohl und seinen Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble so geredet wurde, fasste Claus Gennrich, auch er Korrespondent dieser Zeitung, mit Blick auf Rüttgers in zwei hintersinnigen Sätzen zusammen: „Schäuble verliert seine stärkste Stütze im Bundestag. Sollte Schäuble aber zu einem absehbaren Zeitpunkt Kanzler werden, fände er seinen Helfer mit einer inzwischen gesammelten Regierungserfahrung wieder vor.“

          Die Erzählungen in den sogenannten CDU-Kreisen über den „absehbaren Zeitpunkt“ waren deutlicher. Zur Mitte der Legislaturperiode, also im Herbst 1996, werde das Amt des Bundeskanzlers von Kohl auf Schäuble übergehen. Schäuble-Vertraute wollten von einer Zusage Kohls und einer Absprache zwischen den beiden wissen. Kohl-Kenner bestritten das. Das Thema „Amtswechsel“ sei bei den Gesprächen zwischen den beiden ein Tabu gewesen. Ob es im Falle des Falles dazu gekommen wäre, stand ohnehin auf einem anderen Blatt. Schäuble und der CSU-Vorsitzende Theo Waigel, ohne dessen Zustimmung es so nicht hätte kommen können, hatten nicht das beste Verhältnis zueinander. Waigel stand fest an der Seite Kohls. In der CSU-Spitze, aber auch in der FDP gab es den Verdacht, Schäuble strebe ein Bündnis mit der SPD an, was die beiden Koalitionspartner der CDU ablehnten – und Kohl auch. Abwegig freilich war der Gedanke nicht. Gerhard Schröder, damals Ministerpräsident in Niedersachsen, hatte am Wahlabend zum Besten gegeben, die SPD solle aktiv und offensiv zur Bildung einer großen Koalition bereit sein. Schröder wäre nicht abgeneigt gewesen.

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          Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl 1994 hatten die Umfragen noch signalisiert, nicht Kohl, sondern Rudolf Scharping werde Kanzler werden. Der jugendliche SPD-Ministerpräsident aus Rheinland-Pfalz hatte einen guten Start in den Wahlkampf. Doch eines Versprechers wegen – er verwechselte in einer Debatte „Brutto“ und „Netto“ – geriet Scharping in Misskredit. Häme wurde über den auf seine Korrektheit Achtenden ausgeschüttet. Zudem wurde Scharpings Versprechen in Zweifel gezogen, er werde seine Kanzlerschaft nicht von der Zustimmung der PDS abhängig machen. Ein Ereignis in Sachsen-Anhalt galt als Beleg dafür. Dort bildete der Sozialdemokrat Reinhard Höppner eine Minderheitsregierung aus SPD und Grünen, die von der PDS „toleriert“ wurde. Die Wahlkampfkampagne der CDU, vorangetrieben vom CDU-Generalsekretär Peter Hintze, wurde belächelt, war aber ein voller Erfolg: „Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken“ stand auf den CDU-Plakaten. Gezeigt wurde eine Wäscheleine; an einer grünen Klammer hing eine rote Socke.

          Vier Jahre nach der Vereinigung Deutschlands tat die Kampagne ihre Wirkung. Kohl war stolz auf sich und seine Fähigkeiten als Wahlkämpfer. Dass es in der CDU Leute gab, die meinten, nun reiche es mit Kohl, focht ihn nicht an. Fünf Jahre zuvor, 1989 auf einem CDU-Parteitag in Bremen, hatte er seine innerparteilichen Gegner um Heiner Geißler und Lothar Späth schon einmal besiegt. International genoss er – nach zwölf Jahren Kanzlerschaft – großes Ansehen: In Washington wie in Moskau. Alles Kleinteilige in der Innenpolitik – Rentenreform, Steuerpolitik – überließ er Wolfgang Schäuble, der seit 1991 der CDU/CSU-Fraktion vorsaß. Vor allem aber wollte Kohl die Einheit Europas mit einem weiteren Element festigen: einer gemeinsamen Währung. Kohl war sich sicher, nur er könne den Euro durchsetzen. Gegner, Zweifler und Skeptiker gab es auch in Deutschland: In den Unionsparteien gehörte Edmund Stoiber (CSU) dazu, in der SPD Gerhard Schröder. Im Alter von 64 Jahren wollte sich Kohl nicht abschieben lassen.

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          Bundespräsident war Roman Herzog, von Kohl geschätzt und einst in die Politik geholt. 1987 war er Präsident des Bundesverfassungsgerichts geworden. Kohls erster Kandidat für das 1994 frei werdende Amt des Bundespräsidenten war er aber nicht. Das war Steffen Heitmann (CDU), sächsischer Justizminister. Kohl hatte eine schlechte Wahl getroffen. Nach einigen überaus missverständlichen Äußerungen – über die Rechte der Frauen und über den Holocaust – hatte Heitmann zu verzichten. Statt seiner wurde Herzog Bundespräsident. Am 26. April 1997 hielt er eine Rede. In Asien sei er gewesen, wo eine „unglaubliche Dynamik“ herrsche. „Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft.“ Den Bürokratismus in Deutschland beklagte er. „Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung.“ Und: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

          Erst wenige Wochen zuvor hatte Helmut Kohl angekündigt, bei der Bundestagswahl 1998 wieder als Kanzlerkandidat antreten zu wollen. Zum fünften Mal hintereinander. War Kohl gemeint? „Wir alle müssen umdenken“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Es wäre blanke Heuchelei, wenn nun einer sagen würde: Mich geht das nichts an, nur die anderen sind gemeint.“ Immerhin: Zu ein wenig Selbstkritik war sogar Kohl in der Lage.

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          Die unterschiedlichen Mehrheiten von Bundestag und Bundesrat blockierten einander. Dem knappen Übergewicht von Union und FDP im Bundestag stand eine Dominanz der SPD und der Grünen im Bundesrat gegenüber. Zehn der 16 Ministerpräsidenten der Länder waren Sozialdemokraten. Nachdem im Herbst 1995 – unter tätiger Hilfe Schröders – Rudolf Scharping vom SPD-Vorsitz abgelöst und Oskar Lafontaine Parteivorsitzender geworden war, wurde der Bundesrat zu einer politischen Bastion gegen die Bundestagsmehrheit ausgebaut. Lafontaine, der auch Regierungschef im Saarland war, hielt mit harter Hand die SPD-Ministerpräsidenten beisammen. Wer aus der Phalanx ausbrechen wollte, bekam es – zuweilen in wüsten Telefongesprächen – mit dem Saarländer zu tun.

          Der Vorwurf der Unionsparteien, die SPD betreibe eine „Blockadepolitik“, war zwar durch die Wirklichkeit gedeckt. Politisch aber war er folgenlos. Die Blockade schadete nicht der SPD, sondern der Koalition aus CDU/CSU und FDP, weil die Machtlosigkeit Kohls immer aufs Neue vorgeführt wurde. In der SPD war klar: Entweder werde Oskar Lafontaine der Kanzlerkandidat 1998 sein oder Gerhard Schröder. Helmut Kohl erwartete bis zuletzt, Lafontaine werde sein Herausforderer. Der CDU-Vorsitzende konnte sich nicht vorstellen, dass ein SPD-Vorsitzender zugunsten eines anderen auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten bereit sei. Seit mehr als zwölf Jahren war er ja beides: Kanzler und Parteichef. Die CDU hatte er im Griff. Die Parteizentrale, das Konrad-Adenauer-Haus, wurde aus dem Kanzleramt geführt. Die Generalsekretäre der Partei wurden nicht mehr wie ihr Vorgänger Heiner Geißler als „Geschäftsführende Vorsitzende“ der CDU bezeichnet. Für Mehrheiten und emotionale Bindungen in der Partei sorgte Kohl persönlich. Telefonate mit Parteifreunden an der Basis führte er am frühen Morgen: Wie es der Frau gehe, ob die Kinder gesund seien, wie es um das Abitur der Ältesten stehe.

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          Junge und ehrgeizige CDU-Politiker waren 1994 erstmals in den Bundestag gewählt worden: Peter Altmaier, Hermann Gröhe, Eckart von Klaeden, Andreas Krautscheid, Armin Laschet, Norbert Röttgen. Anfang/Mitte 30 waren sie – um die dreißig Jahre jünger als Kohl. Mit den Altvorderen um Kohl hatten sie wenig zu tun. Wolfgang Schäuble, den Fraktionsvorsitzenden, sahen sie als Mann der Zukunft an. Schäuble war zwölf Jahre jünger als Kohl und hatte, außerdem, zu Beginn der Legislaturperiode dafür gesorgt, dass die Grünen in der Person von Antje Vollmer erstmals seit ihrem Einzug in den Bundestag 1983 auch einen der Bundestagsvizepräsidenten stellen konnten.

          Die junge CDU-Truppe traf sich mit Altersgenossen der Grünen beim „Italiener“. Kohl war nicht amüsiert. Altmaier und Ko. verfassten Papiere zur Ausländerpolitik. Sie waren der Auffassung, Deutschland sei zu einem Einwanderungsland geworden. Die gegenteilige Meinung von Kohls Innenminister Manfred Kanther (CDU) sahen sie als überholt und als nicht mehr zeitgemäß an. Ein paar Jahre später bildeten die Neulinge die Prätorianergarde von Angela Merkel. Die war Umweltministerin und zählte zu den Jüngeren in Kohls Kabinett.

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          Anfang 1997 eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur: „CDU-Reformer für Schäuble als Kohl-Nachfolger“, lautete die Überschrift. „Ein Krüppel als Kanzler?“, war Schäuble von Reportern der Zeitschrift „Stern“ gefragt worden. „Ja, die Frage muss man stellen“, war Schäubles Antwort. Und ja, die Kanzlerschaft wäre „eine Versuchung, der ich wahrscheinlich nicht widerstehen könnte“. Kohl, der mit den Mitarbeitern des „Stern“ nie etwas zu tun haben wollte, ließ ein Bild für die Zeitschrift organisieren: Er selbst massig und von oben herab wohlwollend, Schäuble im Rollstuhl. Die Debatte lief. Zitat Peter Altmaier: „Die Union steht hinter Kohl, und sie würde sicher auch hinter Schäuble stehen.“ Junge CDU-Fraktionsvorsitzende in den Ländern meldeten sich zu Wort. Ole von Beust, Hamburg: „Schäuble hat unzweifelbar das Zeug zum Kanzler.“ Günther Oettinger, Baden-Württemberg, sagte, dass Schäuble „in wichtigen Fragen der Innenpolitik der starke Mann der Regierungsparteien ist“. Kohl aber: „Ich habe mich nicht entschieden.“

          Zwar gab es nicht wirklich einen Grund zur Eile. Bis zur Bundestagswahl waren noch eineinhalb Jahre Zeit, und die SPD hatte sich noch nicht einmal auf einen Kanzlerkandidaten festgelegt. Doch in der CDU wurde gedrängelt. Peter Müller, Saarland, sagte, die Leute sagten sich: „Was ist eigentlich los in der CDU. Ist die überhaupt noch wählbar?“ Im Kanzleramt sagten Mitarbeiter Kohls, nach der Wahl 1994 sei Kohl noch „sakrosankt“ gewesen – damals. Nun aber nicht mehr, hieß das. Es werde eine schwierige Entscheidung für Kohl. Die Belastungen des Amtes einerseits stünden seinem Naturell, niemals aufgeben zu wollen, andererseits gegenüber. Schäuble aber wurde, auch von Kohl, als ungeduldig und drängelnd empfunden.

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          Zusammenfassung einer betrachtenden Analyse Angela Merkels: Für Politiker sei es immer schwer, den Zeitpunkt ihres Aufhörens zu bestimmen. Doch irgendwann stehe es doch an. Wenige Beispiele nur gebe es, in denen ein geordnetes Verfahren für einen Übergang gefunden worden sei. Häufig führe Kohl seine Unlust vor. Ob er bloß drohe, um seine Partei hinter sich zu bringen? Irrational aber wäre es, wenn Kohl die Brocken hinwürfe. Andererseits sei vorstellbar, dass er fürchte, es nicht mehr packen zu können. Kohl sei ein emotionaler Mensch. Er nehme alles persönlich. Schäuble habe ihm – Schritt für Schritt – in der Innenpolitik die Macht entzogen. Kohl hänge am Tropf von Schäuble. Aber Kohls Instinkte zur Macht seien besser als die des Fraktionsvorsitzenden, obwohl der rational und vorausschauend wie ein Schachspieler agiere. Unvorstellbar sei es, dass die Partei den Willen Kohls zur Kandidatur ablehne. Das sei Kohls Faustpfand, mit dem er Schäuble in der Hand habe. Auch habe sich Kohl an Schäubles Stil gewöhnt. Wie ein altes Ehepaar wirkten die beiden. Kohl müsse seine Entscheidung möglichst spät treffen; daran sei seine Nervenstärke zu bemessen. Für die CDU sei es besser, er träte 1998 wieder an. Alle Wichtige in der Partei seien von Kohl geholt und gefördert worden – mithin partiell von ihm abhängig. Nur die ganz Jungen bekomme er nicht mehr an die Kandare.

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          In den Osterferien 1997 weilte Kohl – wie jedes Jahr – zur Fastenkur in Bad Gastein in Österreich. Am 3. April, seinem 67. Geburtstag, gab er den ARD-Reportern Marion von Haaren und Sigmund Gottlieb ein Interview. Er mochte beide nicht, der eine sei zu sehr CSU, die andere zu links. Gottlieb gratulierte. An Geburtstagen blicke man zurück und nach vorne. „Das ist ein Stück Lebensplanung. Noch dazu haben Sie hier den Kopf frei durch die Fastenkur. Jetzt möchte ich es von Ihnen wissen.“ Kohl, pampig dem Reporter ins Wort fallend: „Deswegen sind Sie ja hier.“ Gottlieb: „Das Publikum möchte es wissen. Treten Sie 98 wieder an? Ja oder nein?“ Kohl: „Ganz klares Ja, unter der Voraussetzung, dass meine Partei und meine politischen Freunde dies so wollen.“ Und, natürlich, habe er das mit seiner Familie abgesprochen. Als politische Gründe seiner Entscheidung nannte Kohl die Ost-Erweiterung der Nato und die Einführung des Euros.

          Niemand in Bonn war vorab eingeweiht. Nicht der Chef des Kanzleramtes, Friedrich Bohl, nicht CDU-Generalsekretär Peter Hintze, auch nicht Kohls Familie und auch nicht Wolfgang Schäuble. Der gab eine Vertrauenserklärung ab: „Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßt die Entscheidung des Bundeskanzlers.“ Und: „Der Bundeskanzler kann sich auf die volle Unterstützung und den Rückhalt der Gesamtfraktion verlassen.“ Über das Wochenende konnten sich die führenden Leute der CDU auf die Lage einstellen. Am Montag darauf tagte das Präsidium. Mit einem „Ich habe mir die Entscheidung nicht leichtgemacht“ eröffnete Kohl die Sitzung.

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          Johann Georg Reißmüller, Herausgeber dieser Zeitung, kommentierte es so: „In der Union bedeutet Kohls Ja das Verlöschen von Schäubles Chance; kein anderer kam in Betracht. Der Kanzlerehrgeiz einiger Unionspolitiker der mittleren und jüngeren Generation ist längst auf spätere Jahre als 1998 gerichtet. Vielleicht warten sie alle ganz gern, denn in anderthalb Jahren wird es für die Union und für die Koalition verzweifelt schwer.“

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          Auch nach der Ankündigung Kohls kehrte in den Unionsparteien keine Ruhe ein. Die Stimmung an der Basis sei schlecht, berichteten Abgeordnete aus den Wahlkreisen. Theo Waigel eröffnete in der parlamentarischen Sommerpause eine Debatte über eine Kabinettsumbildung. Kohl, aus dem Urlaub zurück, blaffte in der „Bild“-Zeitung zurück: „Mich hat diese Diskussion mächtig geärgert. Diese Debatte, die jetzt losgetreten wurde, ist völlig unnötig.“ Und: „Es ist eine ziemliche Torheit, vor der Wahl über Personalien nach einer Bundestagswahl zu reden.“ Und: „Jede Kabinettsumbildung ist nach der Verfassung Sache des Bundeskanzlers. Wer das nicht weiß, muss nur in das Grundgesetz sehen.“

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          Tage im Oktober 1997 in Leipzig und in Bonn, ein Jahr vor der Bundestagswahl. Auf dem CDU-Parteitag in der sächsischen Metropole wurde Helmut Kohl, der Kanzler, gefeiert, wie es sich für einen Kanzlerkandidaten gehört und in der CDU Brauch ist. Wolfgang Schäuble aber wurde umjubelt. Ovationen waren es, die es nach seiner Rede gab. Tosend war der Beifall. Die Inszenierungen waren gelungen. Der Parteitag war – dem Anschein nach – beendet. Die Delegierten fuhren nach Hause. Schäuble machte sich nach Bonn auf und die meisten Journalisten auch. Kohl gab noch ein Fernsehinterview – auf Pro 7, dem Privatsender. „Hat die CDU jetzt auch eine Doppelspitze?“, fragte der Reporter Peter Limbourg. „Wenn hier die Delegierten aufstanden und eine große Ovation brachten nach seiner Rede, hat es mich sicherlich mit am meisten gefreut, weil damit etwas deutlich wurde, was ich mir wünsche“, sagte Kohl. „Also eine Doppelspitze?“, wurde gefragt. „Das hat nichts mit Doppelspitze zu tun. Aber jeder weiß, ich wünsche mir, dass Wolfgang Schäuble einmal Bundeskanzler wird“, wurde geantwortet. Die Verlängerung des Parteitages hatte begonnen.

          Kohl hatte zwar schon Jahre zuvor gesagt, es laufe „alles auf Wolfgang Schäuble zu“. Nun aber hatte er etwas zum Ausdruck gebracht, was sich viele in der CDU wünschten – am besten jetzt und gleich. Schäuble erfuhr von dem Interview des Kanzlers erst, als er schon in Bonn war. Mobiltelefone waren noch eine Seltenheit. Schäuble ließ per Pressemitteilung eine Grußbotschaft veröffentlichen: „Der Wunsch des Kanzlers, dass ich einmal sein Nachfolger werden soll, ehrt mich.“ Und: „Eine Entscheidung über die Nachfolge von Helmut Kohl ist nicht aktuell. Sie wird getroffen, wenn sie ansteht.“ Kohls Leute versuchten, die Aufregungen einzudämmen. Der Bundeskanzler versicherte: „Wenn ich antrete, trete ich für die ganze Legislaturperiode an.“

          Tags darauf ein Gespräch im Büro des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden. Mit ziemlicher Distanz spricht Schäuble über den CDU-Vorsitzenden. „Der Kohl“, drückt er sich aus. Und: „Ich kenne den Kohl genau“, sagt er. „In der Demokratie gibt es keine Kronprinzen“, fügt er hinzu. „Ich hätte auch ohne die Meldung des gestrigen Abends überlebt“, meint er sarkastisch. „Ich bin das Objekt seiner Wünsche. Er ist das Subjekt.“

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          Gesprächsrunde im März 1998 im Kanzlerbungalow, Kohls Wohnsitz in Bonn, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Lafontaine hatte soeben zugunsten Gerhard Schröders darauf verzichtet, die SPD als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zu führen, weil Schröder bei der Landtagswahl in Niedersachsen seine absolute Mehrheit noch ausgebaut hatte. Mit ihm als CDU-Kandidaten in Hannover wäre das nicht passiert, sagt Kohl. Als Kampfmaschine präsentiert er sich. Er werde, äußert Kohl, selbst bestimmen, wann er aufhöre. Wer anderes wolle, müsse ihn stürzen, fügt er selbstgewiss hinzu. Nach einem „Viel Vergnügen dabei“ hört sich das an. Sich selbst beschreibt er so: „Wenn ein altes Schlachtross Militärmusik hört, dann schmeißt es den Kopf hoch! Es hört die Trompete – und auf zur Attacke. Genauso geht es mir.“ Kohl liebte den Wahlkampf.

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          In der CDU rumorte es weiter. Mit Kohl sei die Wahl nicht zu gewinnen. Nur mit Schäuble könne es gelingen. Kuriositäten gab es auch. Eine Reise im März 1998. Die junge Gruppe (Altmaier, Gröhe, von Klaeden, Krautscheid, Laschet und Friedbert Pflüger) unter Leitung eines Älteren, des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Rudolf Seiters, war in Moskau. Abends an der Bar Gerede, Schäuble müsse ran, Kohl solle verzichten. Eine Kampagne „Deutschland dankt Helmut Kohl“ sollte das Vehikel sein. Die jungen Leute fanden, weil Seiters beste Kontakte habe, solle er Kohl von ihrem Anliegen überzeugen. Seiters sperrte sich. Er wollte nicht. Mehr als vier Wochen später waren die jungen Wilden verblüfft. „Putsch-Versuch in der Union?“ und „Verschwörung gegen Kohl?“ berichtete die „Bild“-Zeitung über das Treffen in Moskau. Jahre später haben Beteiligte über den sogenannten „Putsch von Moskau“ gelacht. Irgendeiner hatte geplaudert.

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          Kohl dankte Schäuble – auf einem CDU-Parteitag fünf Monate vor der Bundestagswahl. „Ich sage dies sehr persönlich, lieber Wolfgang, da ich weiß, was dir der Alltag bringt – an Arbeit, auch an Verdruss und Ärger, aber auch an Freude“, sagte Kohl. Die Wahl fand am 27. September 1998 statt. Die SPD stieg auf 40,9 Prozent. Die Unionsparteien sackten auf 35,1 Prozent ab. Schröder wurde Kanzler. Kohl trat entspannt auf. Vertraute sagen, er habe es kommen sehen. Kohl wurde Ehrenvorsitzender seiner Partei. Schäuble wurde tatsächlich sein Nachfolger – aber nur im Amt des CDU-Vorsitzenden. Ein gutes Jahr später war alles anders. Die Spendenaffäre 1999/2000 entzweite die beiden. Kohl gab den Ehrenvorsitz ab. Schäuble trat vom Parteivorsitz zurück. Es begann die Ära Angela Merkel.

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