https://www.faz.net/-gpf-9h8ve

Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

  • -Aktualisiert am

Kohl hatte zwar schon Jahre zuvor gesagt, es laufe „alles auf Wolfgang Schäuble zu“. Nun aber hatte er etwas zum Ausdruck gebracht, was sich viele in der CDU wünschten – am besten jetzt und gleich. Schäuble erfuhr von dem Interview des Kanzlers erst, als er schon in Bonn war. Mobiltelefone waren noch eine Seltenheit. Schäuble ließ per Pressemitteilung eine Grußbotschaft veröffentlichen: „Der Wunsch des Kanzlers, dass ich einmal sein Nachfolger werden soll, ehrt mich.“ Und: „Eine Entscheidung über die Nachfolge von Helmut Kohl ist nicht aktuell. Sie wird getroffen, wenn sie ansteht.“ Kohls Leute versuchten, die Aufregungen einzudämmen. Der Bundeskanzler versicherte: „Wenn ich antrete, trete ich für die ganze Legislaturperiode an.“

Tags darauf ein Gespräch im Büro des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden. Mit ziemlicher Distanz spricht Schäuble über den CDU-Vorsitzenden. „Der Kohl“, drückt er sich aus. Und: „Ich kenne den Kohl genau“, sagt er. „In der Demokratie gibt es keine Kronprinzen“, fügt er hinzu. „Ich hätte auch ohne die Meldung des gestrigen Abends überlebt“, meint er sarkastisch. „Ich bin das Objekt seiner Wünsche. Er ist das Subjekt.“

***

Gesprächsrunde im März 1998 im Kanzlerbungalow, Kohls Wohnsitz in Bonn, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Lafontaine hatte soeben zugunsten Gerhard Schröders darauf verzichtet, die SPD als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zu führen, weil Schröder bei der Landtagswahl in Niedersachsen seine absolute Mehrheit noch ausgebaut hatte. Mit ihm als CDU-Kandidaten in Hannover wäre das nicht passiert, sagt Kohl. Als Kampfmaschine präsentiert er sich. Er werde, äußert Kohl, selbst bestimmen, wann er aufhöre. Wer anderes wolle, müsse ihn stürzen, fügt er selbstgewiss hinzu. Nach einem „Viel Vergnügen dabei“ hört sich das an. Sich selbst beschreibt er so: „Wenn ein altes Schlachtross Militärmusik hört, dann schmeißt es den Kopf hoch! Es hört die Trompete – und auf zur Attacke. Genauso geht es mir.“ Kohl liebte den Wahlkampf.

***

In der CDU rumorte es weiter. Mit Kohl sei die Wahl nicht zu gewinnen. Nur mit Schäuble könne es gelingen. Kuriositäten gab es auch. Eine Reise im März 1998. Die junge Gruppe (Altmaier, Gröhe, von Klaeden, Krautscheid, Laschet und Friedbert Pflüger) unter Leitung eines Älteren, des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Rudolf Seiters, war in Moskau. Abends an der Bar Gerede, Schäuble müsse ran, Kohl solle verzichten. Eine Kampagne „Deutschland dankt Helmut Kohl“ sollte das Vehikel sein. Die jungen Leute fanden, weil Seiters beste Kontakte habe, solle er Kohl von ihrem Anliegen überzeugen. Seiters sperrte sich. Er wollte nicht. Mehr als vier Wochen später waren die jungen Wilden verblüfft. „Putsch-Versuch in der Union?“ und „Verschwörung gegen Kohl?“ berichtete die „Bild“-Zeitung über das Treffen in Moskau. Jahre später haben Beteiligte über den sogenannten „Putsch von Moskau“ gelacht. Irgendeiner hatte geplaudert.

***

Kohl dankte Schäuble – auf einem CDU-Parteitag fünf Monate vor der Bundestagswahl. „Ich sage dies sehr persönlich, lieber Wolfgang, da ich weiß, was dir der Alltag bringt – an Arbeit, auch an Verdruss und Ärger, aber auch an Freude“, sagte Kohl. Die Wahl fand am 27. September 1998 statt. Die SPD stieg auf 40,9 Prozent. Die Unionsparteien sackten auf 35,1 Prozent ab. Schröder wurde Kanzler. Kohl trat entspannt auf. Vertraute sagen, er habe es kommen sehen. Kohl wurde Ehrenvorsitzender seiner Partei. Schäuble wurde tatsächlich sein Nachfolger – aber nur im Amt des CDU-Vorsitzenden. Ein gutes Jahr später war alles anders. Die Spendenaffäre 1999/2000 entzweite die beiden. Kohl gab den Ehrenvorsitz ab. Schäuble trat vom Parteivorsitz zurück. Es begann die Ära Angela Merkel.

Weitere Themen

Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

Topmeldungen

Unser Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Newsletter : Die Spielchen des Markus Söder

Viele Karten sind im Spiel, wenn es um den künftigen Vorsitz der Union geht. Eine trägt sicherlich den Namen von CSU-Chef Markus Söder. Der gab sich bei der Jungen Union vielsagend zu dieser Frage. Der Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.