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Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

  • -Aktualisiert am

In den Osterferien 1997 weilte Kohl – wie jedes Jahr – zur Fastenkur in Bad Gastein in Österreich. Am 3. April, seinem 67. Geburtstag, gab er den ARD-Reportern Marion von Haaren und Sigmund Gottlieb ein Interview. Er mochte beide nicht, der eine sei zu sehr CSU, die andere zu links. Gottlieb gratulierte. An Geburtstagen blicke man zurück und nach vorne. „Das ist ein Stück Lebensplanung. Noch dazu haben Sie hier den Kopf frei durch die Fastenkur. Jetzt möchte ich es von Ihnen wissen.“ Kohl, pampig dem Reporter ins Wort fallend: „Deswegen sind Sie ja hier.“ Gottlieb: „Das Publikum möchte es wissen. Treten Sie 98 wieder an? Ja oder nein?“ Kohl: „Ganz klares Ja, unter der Voraussetzung, dass meine Partei und meine politischen Freunde dies so wollen.“ Und, natürlich, habe er das mit seiner Familie abgesprochen. Als politische Gründe seiner Entscheidung nannte Kohl die Ost-Erweiterung der Nato und die Einführung des Euros.

Niemand in Bonn war vorab eingeweiht. Nicht der Chef des Kanzleramtes, Friedrich Bohl, nicht CDU-Generalsekretär Peter Hintze, auch nicht Kohls Familie und auch nicht Wolfgang Schäuble. Der gab eine Vertrauenserklärung ab: „Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßt die Entscheidung des Bundeskanzlers.“ Und: „Der Bundeskanzler kann sich auf die volle Unterstützung und den Rückhalt der Gesamtfraktion verlassen.“ Über das Wochenende konnten sich die führenden Leute der CDU auf die Lage einstellen. Am Montag darauf tagte das Präsidium. Mit einem „Ich habe mir die Entscheidung nicht leichtgemacht“ eröffnete Kohl die Sitzung.

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Johann Georg Reißmüller, Herausgeber dieser Zeitung, kommentierte es so: „In der Union bedeutet Kohls Ja das Verlöschen von Schäubles Chance; kein anderer kam in Betracht. Der Kanzlerehrgeiz einiger Unionspolitiker der mittleren und jüngeren Generation ist längst auf spätere Jahre als 1998 gerichtet. Vielleicht warten sie alle ganz gern, denn in anderthalb Jahren wird es für die Union und für die Koalition verzweifelt schwer.“

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Auch nach der Ankündigung Kohls kehrte in den Unionsparteien keine Ruhe ein. Die Stimmung an der Basis sei schlecht, berichteten Abgeordnete aus den Wahlkreisen. Theo Waigel eröffnete in der parlamentarischen Sommerpause eine Debatte über eine Kabinettsumbildung. Kohl, aus dem Urlaub zurück, blaffte in der „Bild“-Zeitung zurück: „Mich hat diese Diskussion mächtig geärgert. Diese Debatte, die jetzt losgetreten wurde, ist völlig unnötig.“ Und: „Es ist eine ziemliche Torheit, vor der Wahl über Personalien nach einer Bundestagswahl zu reden.“ Und: „Jede Kabinettsumbildung ist nach der Verfassung Sache des Bundeskanzlers. Wer das nicht weiß, muss nur in das Grundgesetz sehen.“

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Tage im Oktober 1997 in Leipzig und in Bonn, ein Jahr vor der Bundestagswahl. Auf dem CDU-Parteitag in der sächsischen Metropole wurde Helmut Kohl, der Kanzler, gefeiert, wie es sich für einen Kanzlerkandidaten gehört und in der CDU Brauch ist. Wolfgang Schäuble aber wurde umjubelt. Ovationen waren es, die es nach seiner Rede gab. Tosend war der Beifall. Die Inszenierungen waren gelungen. Der Parteitag war – dem Anschein nach – beendet. Die Delegierten fuhren nach Hause. Schäuble machte sich nach Bonn auf und die meisten Journalisten auch. Kohl gab noch ein Fernsehinterview – auf Pro 7, dem Privatsender. „Hat die CDU jetzt auch eine Doppelspitze?“, fragte der Reporter Peter Limbourg. „Wenn hier die Delegierten aufstanden und eine große Ovation brachten nach seiner Rede, hat es mich sicherlich mit am meisten gefreut, weil damit etwas deutlich wurde, was ich mir wünsche“, sagte Kohl. „Also eine Doppelspitze?“, wurde gefragt. „Das hat nichts mit Doppelspitze zu tun. Aber jeder weiß, ich wünsche mir, dass Wolfgang Schäuble einmal Bundeskanzler wird“, wurde geantwortet. Die Verlängerung des Parteitages hatte begonnen.

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