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Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

  • -Aktualisiert am

Anfang 1997 eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur: „CDU-Reformer für Schäuble als Kohl-Nachfolger“, lautete die Überschrift. „Ein Krüppel als Kanzler?“, war Schäuble von Reportern der Zeitschrift „Stern“ gefragt worden. „Ja, die Frage muss man stellen“, war Schäubles Antwort. Und ja, die Kanzlerschaft wäre „eine Versuchung, der ich wahrscheinlich nicht widerstehen könnte“. Kohl, der mit den Mitarbeitern des „Stern“ nie etwas zu tun haben wollte, ließ ein Bild für die Zeitschrift organisieren: Er selbst massig und von oben herab wohlwollend, Schäuble im Rollstuhl. Die Debatte lief. Zitat Peter Altmaier: „Die Union steht hinter Kohl, und sie würde sicher auch hinter Schäuble stehen.“ Junge CDU-Fraktionsvorsitzende in den Ländern meldeten sich zu Wort. Ole von Beust, Hamburg: „Schäuble hat unzweifelbar das Zeug zum Kanzler.“ Günther Oettinger, Baden-Württemberg, sagte, dass Schäuble „in wichtigen Fragen der Innenpolitik der starke Mann der Regierungsparteien ist“. Kohl aber: „Ich habe mich nicht entschieden.“

Zwar gab es nicht wirklich einen Grund zur Eile. Bis zur Bundestagswahl waren noch eineinhalb Jahre Zeit, und die SPD hatte sich noch nicht einmal auf einen Kanzlerkandidaten festgelegt. Doch in der CDU wurde gedrängelt. Peter Müller, Saarland, sagte, die Leute sagten sich: „Was ist eigentlich los in der CDU. Ist die überhaupt noch wählbar?“ Im Kanzleramt sagten Mitarbeiter Kohls, nach der Wahl 1994 sei Kohl noch „sakrosankt“ gewesen – damals. Nun aber nicht mehr, hieß das. Es werde eine schwierige Entscheidung für Kohl. Die Belastungen des Amtes einerseits stünden seinem Naturell, niemals aufgeben zu wollen, andererseits gegenüber. Schäuble aber wurde, auch von Kohl, als ungeduldig und drängelnd empfunden.

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Zusammenfassung einer betrachtenden Analyse Angela Merkels: Für Politiker sei es immer schwer, den Zeitpunkt ihres Aufhörens zu bestimmen. Doch irgendwann stehe es doch an. Wenige Beispiele nur gebe es, in denen ein geordnetes Verfahren für einen Übergang gefunden worden sei. Häufig führe Kohl seine Unlust vor. Ob er bloß drohe, um seine Partei hinter sich zu bringen? Irrational aber wäre es, wenn Kohl die Brocken hinwürfe. Andererseits sei vorstellbar, dass er fürchte, es nicht mehr packen zu können. Kohl sei ein emotionaler Mensch. Er nehme alles persönlich. Schäuble habe ihm – Schritt für Schritt – in der Innenpolitik die Macht entzogen. Kohl hänge am Tropf von Schäuble. Aber Kohls Instinkte zur Macht seien besser als die des Fraktionsvorsitzenden, obwohl der rational und vorausschauend wie ein Schachspieler agiere. Unvorstellbar sei es, dass die Partei den Willen Kohls zur Kandidatur ablehne. Das sei Kohls Faustpfand, mit dem er Schäuble in der Hand habe. Auch habe sich Kohl an Schäubles Stil gewöhnt. Wie ein altes Ehepaar wirkten die beiden. Kohl müsse seine Entscheidung möglichst spät treffen; daran sei seine Nervenstärke zu bemessen. Für die CDU sei es besser, er träte 1998 wieder an. Alle Wichtige in der Partei seien von Kohl geholt und gefördert worden – mithin partiell von ihm abhängig. Nur die ganz Jungen bekomme er nicht mehr an die Kandare.

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