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Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

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Die unterschiedlichen Mehrheiten von Bundestag und Bundesrat blockierten einander. Dem knappen Übergewicht von Union und FDP im Bundestag stand eine Dominanz der SPD und der Grünen im Bundesrat gegenüber. Zehn der 16 Ministerpräsidenten der Länder waren Sozialdemokraten. Nachdem im Herbst 1995 – unter tätiger Hilfe Schröders – Rudolf Scharping vom SPD-Vorsitz abgelöst und Oskar Lafontaine Parteivorsitzender geworden war, wurde der Bundesrat zu einer politischen Bastion gegen die Bundestagsmehrheit ausgebaut. Lafontaine, der auch Regierungschef im Saarland war, hielt mit harter Hand die SPD-Ministerpräsidenten beisammen. Wer aus der Phalanx ausbrechen wollte, bekam es – zuweilen in wüsten Telefongesprächen – mit dem Saarländer zu tun.

Der Vorwurf der Unionsparteien, die SPD betreibe eine „Blockadepolitik“, war zwar durch die Wirklichkeit gedeckt. Politisch aber war er folgenlos. Die Blockade schadete nicht der SPD, sondern der Koalition aus CDU/CSU und FDP, weil die Machtlosigkeit Kohls immer aufs Neue vorgeführt wurde. In der SPD war klar: Entweder werde Oskar Lafontaine der Kanzlerkandidat 1998 sein oder Gerhard Schröder. Helmut Kohl erwartete bis zuletzt, Lafontaine werde sein Herausforderer. Der CDU-Vorsitzende konnte sich nicht vorstellen, dass ein SPD-Vorsitzender zugunsten eines anderen auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten bereit sei. Seit mehr als zwölf Jahren war er ja beides: Kanzler und Parteichef. Die CDU hatte er im Griff. Die Parteizentrale, das Konrad-Adenauer-Haus, wurde aus dem Kanzleramt geführt. Die Generalsekretäre der Partei wurden nicht mehr wie ihr Vorgänger Heiner Geißler als „Geschäftsführende Vorsitzende“ der CDU bezeichnet. Für Mehrheiten und emotionale Bindungen in der Partei sorgte Kohl persönlich. Telefonate mit Parteifreunden an der Basis führte er am frühen Morgen: Wie es der Frau gehe, ob die Kinder gesund seien, wie es um das Abitur der Ältesten stehe.

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Junge und ehrgeizige CDU-Politiker waren 1994 erstmals in den Bundestag gewählt worden: Peter Altmaier, Hermann Gröhe, Eckart von Klaeden, Andreas Krautscheid, Armin Laschet, Norbert Röttgen. Anfang/Mitte 30 waren sie – um die dreißig Jahre jünger als Kohl. Mit den Altvorderen um Kohl hatten sie wenig zu tun. Wolfgang Schäuble, den Fraktionsvorsitzenden, sahen sie als Mann der Zukunft an. Schäuble war zwölf Jahre jünger als Kohl und hatte, außerdem, zu Beginn der Legislaturperiode dafür gesorgt, dass die Grünen in der Person von Antje Vollmer erstmals seit ihrem Einzug in den Bundestag 1983 auch einen der Bundestagsvizepräsidenten stellen konnten.

Die junge CDU-Truppe traf sich mit Altersgenossen der Grünen beim „Italiener“. Kohl war nicht amüsiert. Altmaier und Ko. verfassten Papiere zur Ausländerpolitik. Sie waren der Auffassung, Deutschland sei zu einem Einwanderungsland geworden. Die gegenteilige Meinung von Kohls Innenminister Manfred Kanther (CDU) sahen sie als überholt und als nicht mehr zeitgemäß an. Ein paar Jahre später bildeten die Neulinge die Prätorianergarde von Angela Merkel. Die war Umweltministerin und zählte zu den Jüngeren in Kohls Kabinett.

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