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Ereignisse und Gestalten : Wenn ein altes Schlachtross . . .

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Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl 1994 hatten die Umfragen noch signalisiert, nicht Kohl, sondern Rudolf Scharping werde Kanzler werden. Der jugendliche SPD-Ministerpräsident aus Rheinland-Pfalz hatte einen guten Start in den Wahlkampf. Doch eines Versprechers wegen – er verwechselte in einer Debatte „Brutto“ und „Netto“ – geriet Scharping in Misskredit. Häme wurde über den auf seine Korrektheit Achtenden ausgeschüttet. Zudem wurde Scharpings Versprechen in Zweifel gezogen, er werde seine Kanzlerschaft nicht von der Zustimmung der PDS abhängig machen. Ein Ereignis in Sachsen-Anhalt galt als Beleg dafür. Dort bildete der Sozialdemokrat Reinhard Höppner eine Minderheitsregierung aus SPD und Grünen, die von der PDS „toleriert“ wurde. Die Wahlkampfkampagne der CDU, vorangetrieben vom CDU-Generalsekretär Peter Hintze, wurde belächelt, war aber ein voller Erfolg: „Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken“ stand auf den CDU-Plakaten. Gezeigt wurde eine Wäscheleine; an einer grünen Klammer hing eine rote Socke.

Vier Jahre nach der Vereinigung Deutschlands tat die Kampagne ihre Wirkung. Kohl war stolz auf sich und seine Fähigkeiten als Wahlkämpfer. Dass es in der CDU Leute gab, die meinten, nun reiche es mit Kohl, focht ihn nicht an. Fünf Jahre zuvor, 1989 auf einem CDU-Parteitag in Bremen, hatte er seine innerparteilichen Gegner um Heiner Geißler und Lothar Späth schon einmal besiegt. International genoss er – nach zwölf Jahren Kanzlerschaft – großes Ansehen: In Washington wie in Moskau. Alles Kleinteilige in der Innenpolitik – Rentenreform, Steuerpolitik – überließ er Wolfgang Schäuble, der seit 1991 der CDU/CSU-Fraktion vorsaß. Vor allem aber wollte Kohl die Einheit Europas mit einem weiteren Element festigen: einer gemeinsamen Währung. Kohl war sich sicher, nur er könne den Euro durchsetzen. Gegner, Zweifler und Skeptiker gab es auch in Deutschland: In den Unionsparteien gehörte Edmund Stoiber (CSU) dazu, in der SPD Gerhard Schröder. Im Alter von 64 Jahren wollte sich Kohl nicht abschieben lassen.

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Bundespräsident war Roman Herzog, von Kohl geschätzt und einst in die Politik geholt. 1987 war er Präsident des Bundesverfassungsgerichts geworden. Kohls erster Kandidat für das 1994 frei werdende Amt des Bundespräsidenten war er aber nicht. Das war Steffen Heitmann (CDU), sächsischer Justizminister. Kohl hatte eine schlechte Wahl getroffen. Nach einigen überaus missverständlichen Äußerungen – über die Rechte der Frauen und über den Holocaust – hatte Heitmann zu verzichten. Statt seiner wurde Herzog Bundespräsident. Am 26. April 1997 hielt er eine Rede. In Asien sei er gewesen, wo eine „unglaubliche Dynamik“ herrsche. „Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft.“ Den Bürokratismus in Deutschland beklagte er. „Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung.“ Und: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

Erst wenige Wochen zuvor hatte Helmut Kohl angekündigt, bei der Bundestagswahl 1998 wieder als Kanzlerkandidat antreten zu wollen. Zum fünften Mal hintereinander. War Kohl gemeint? „Wir alle müssen umdenken“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Es wäre blanke Heuchelei, wenn nun einer sagen würde: Mich geht das nichts an, nur die anderen sind gemeint.“ Immerhin: Zu ein wenig Selbstkritik war sogar Kohl in der Lage.

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