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Das Ende von Rot-Grün : Schröders Neuwahl-Coup

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Noch am Mittag des Tages der Entscheidung hoffte Fischer, es werde nicht zur vorzeitigen Auflösung des Bundestags kommen. Der grüne Außenminister hatte mit Steinmeier gesprochen, der wiederum Schröder gefragt hatte, ob alles entschieden sei. Steinmeiers Mitteilung „Endgültig ist es nicht“ empfand Fischer als Entwarnung. Es kam anders. Am Nachmittag jenes 22. Mai 2005 traf Müntefering bei Schröder im Bundeskanzleramt ein. Die vorab vorliegenden Prognosen ließen das Schlimmste für die SPD befürchten. Müntefering sagte: „Die Regierungsfähigkeit ist nicht mehr gegeben.“ Schröder sagte: „Dann rufe ich Fischer an und teile ihm das mit.“ Müntefering fuhr ins Willy-Brandt-Haus, um seine Erklärung vorzubereiten. Abseits von Kameras, in der Wohnung Katrin Göring-Eckardts, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen, holte Fischer die Spitzen-Grünen zusammen und echauffierte sich über Schröder. Sie schimpften auf die SPD. Das Ende von Rot-Grün sahen sie voraus.

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Die Partei-Linke Andrea-Nahles wurde von Müntefering über die Neuwahl-Pläne in Kenntnis gesetzt und war entsetzt.
Die Partei-Linke Andrea-Nahles wurde von Müntefering über die Neuwahl-Pläne in Kenntnis gesetzt und war entsetzt. : Bild: Picture-Alliance

Franz Müntefering ruft Andrea Nahles zu sich ins Büro. Die ist zwar nicht Mitglied des Bundestags. Aber sie ist Wortführerin der Parteilinken, Mitglied des Parteipräsidiums und regelmäßige Gesprächspartnerin des Vorsitzenden. Sie denkt sich nichts Böses. Gerüchte über Eventualitäten einer Neuwahl hat sie für dummes Gerede gehalten. Müntefering aber bestätigt genau das. Nahles ruft: „Das kannst du nicht ernst meinen!“ Die Zeiten für die SPD würden wieder besser. Und außerdem: Fußball-WM 2006. Dann werde das Volk seinen Kanzler lieben. Doch Nahles weiß, dass die Sache entschieden ist. „Ihr seid bekloppt!“, ruft sie. Krachend schlägt sie die Tür hinter sich zu. Müntefering geht zum Aufzug. Benneter und Stolpe nimmt er mit.

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Nach am Abend der Wahlentscheidung in Nordrhein-Westfalen verkündet Schröder seine Neuwahlpläne.
Nach am Abend der Wahlentscheidung in Nordrhein-Westfalen verkündet Schröder seine Neuwahlpläne. : Bild: Picture-Alliance

Nachdem er Bundespräsident Horst Köhler informiert hatte, verlas Schröder abends im Kanzleramt eine Erklärung. „Mit dem bitteren Wahlergebnis für meine Partei in Nordrhein-Westfalen ist die politische Grundlage für die Fortsetzung unserer Arbeit in Frage gestellt. Für die aus meiner Sicht notwendige Fortführung der Reformen halte ich eine klare Unterstützung durch eine Mehrheit der Deutschen gerade jetzt für erforderlich. Deshalb betrachte ich es als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland als meine Pflicht und Verantwortung, darauf hinzuwirken, dass der Herr Bundespräsident von den Möglichkeiten des Grundgesetzes Gebrauch machen kann, um so rasch wie möglich, also realistischerweise für den Herbst dieses Jahres, Neuwahlen zum Deutschen Bundestag herbeizuführen.“

Wie ehedem 1982 Karl Carstens tat sich Horst Köhler schwer damit, ein getürktes Ergebnis der Vertrauensfrage im Bundestag zu akzeptieren. Er tat es doch. Schröder führte noch einmal einen fulminanten Wahlkampf. Legendär sein Wort vom „Professor aus Heidelberg“. Kein SPD-Kanzlerkandidat seither kam auch nur annähernd an die 34,2 Prozent Gerhard Schröders heran. Oskar Lafontaine, sein alter Freund und Feind, raubte ihm den Sieg.

Bundeskanzlerin Merkel? „Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen!“, rief ihr Schröder im Fernsehstudio zu.
Bundeskanzlerin Merkel? „Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen!“, rief ihr Schröder im Fernsehstudio zu. : Bild: Picture-Alliance

Es begann der Aufstieg der Linkspartei. Fast hätte es für die SPD doch noch gereicht, in einer großen Koalition den Bundeskanzler zu stellen. Aber eben nur fast. Bundeskanzlerin Merkel? „Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen!“, rief ihr Schröder im Fernsehstudio zu. Im kommenden Herbst kann Angela Merkel ihr Zehnjähriges im Kanzleramt feiern.


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