https://www.faz.net/-gpf-83fl1

Das Ende von Rot-Grün : Schröders Neuwahl-Coup

  • -Aktualisiert am

***

Joschka Fischer war der einzige Grüne, den Schröder ernst nahm und dem er von seinen Plänen erzählte.
Joschka Fischer war der einzige Grüne, den Schröder ernst nahm und dem er von seinen Plänen erzählte. : Bild: Picture-Alliance

Rom, Piazza del Popolo, Hotel du Russie, 7. April 2005. Schröder und Fischer, die aus Anlass der Beisetzungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. in der heiligen Stadt sind, beim Abendessen. Schröders Geburtstag ist es auch. „Steak und eine gute Flasche Rotwein“, notiert Fischer. Erstmals unterbreitet Schröder seinem Stellvertreter die Überlegung, nach einem Verlust von Nordrhein-Westfalen die Bundestagswahl vorzuziehen. In der Kurzfassung erinnert sich Fischer so: Schröder: „Nach einer NRW-Niederlage geht es um das Kanzleramt. Ich lasse mich nicht vom Hof jagen.“ Fischer: „Du willst eine große Koalition.“ Schröder: „Nein.“ Fischer: „Ich bin dagegen.“ Schröder: „Nichts ist entschieden.“ Doch Fischer kennt Schröder seit langem. Er geht davon aus, dass Schröder in Wahrheit entschieden habe. Doch sieht er sich nicht in der Lage, Schröders Absichten durch deren Veröffentlichung zu konterkarieren, weil das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Schröder und zwischen SPD und Grünen zerstört werden würde. Gleichwohl: Fischer redet mit Frank-Walter Steinmeier.

***

Frank-Walter Steinmeier war beamteter Staatssekretär. Chef des Bundeskanzleramtes. Ein treuer Uraltvertrauter Schröders aus Niedersachsen. In Hannover hatte er die Staatskanzlei des Ministerpräsidenten Schröder geleitet. Diskret, freundlich, zurückhaltend - und effektiv. Steinmeier kannte seinen Chef und auch dessen Launen, was dazu beigetragen haben mag, dass er sich Schröders Befürchtungen, die Lage werde immer bedrohlicher, mit dessen Tagesform zu erklären versuchte: vorübergehender Ärger eben in der Partei und mit Journalisten vor allem Hamburger Blätter.

Erst Fischer machte ihm in jenen Apriltagen den Ernst der Lage klar. Beide waren einer Meinung. Steinmeier redete mit Schröder und mit Sigrid Krampitz: Die NRW-Wahl sei längst nicht verloren; die Wirtschaftsreformen würden wirken; die Arbeitslosigkeit werde sinken; das Ansehen der Regierung und Schröders werde steigen. Und die Fußball-WM in Deutschland, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl, würde die Stimmung im Lande verbessern - zugunsten des Bundeskanzlers. Dass Schröder in der Neuwahl-Angelegenheit mit Franz Müntefering sprach, wusste der Chef des Bundeskanzleramtes lange Zeit nicht. Dass Müntefering Schröders Auffassung teilte, wurde ihm von Krampitz übermittelt.

***

Ein Freitagabend in Dortmund. Kundgebung zum Abschluss des Landtagswahlkampfs, zwei Tage vor der Entscheidung. 5000 Leute. Schröder, die Stimme vom Wahlkampf rauh, versucht es noch einmal mit Antikriegsrhetorik: „Wir brauchen in Berlin Unterstützung, um eine Politik der friedlichen Konfliktlösung fortzusetzen.“ Steinbrück ruft, die SPD könne gewinnen. „Allein der Gedanke, anschließend in die dummen Gesichter der CDU zu sehen, ist es wert.“ Die Show ist zu Ende. Franz Müntefering nimmt Kajo Wasserhövel, den SPD-Bundesgeschäftsführer, beiseite, seinen seit Jahren wichtigsten und engsten Mitarbeiter. Er solle sich darauf einstellen, einen Bundestagswahlkampf für den Herbst zu organisieren, lautet der Auftrag des SPD-Vorsitzenden. Erstmals hat Wasserhövel von dem Plan erfahren. Er macht sich ans Werk.

Weitere Themen

Topmeldungen

Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und bereitet eine Infusion vor.

Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 60,6

Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 7211 Corona-Neuinfektionen registriert. Tendenziell gehen die Infektionszahlen seit rund zwei Wochen zurück. In den USA müssen Staatsbedienstete nun bis Dezember geimpft sein.
Bryson DeChambeau vom Team USA am 15. Loch des 43. Ryder Cup.

43. Ryder Cup : US-Golfstars gegen Europa klar in Führung

Die Titelverteidiger aus Europa geraten beim Ryder Cup in den USA schon am ersten Tag klar in Rückstand. Bei den US-Golfstars beeindruckt Kraftprotz Bryson DeChambeau mit seinen gewaltigen Abschlägen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.