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Gesellschaftsmodelle : Last der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Bild: Gyarmaty, Jens

Hundert Jahre nach dem „Untergang des Abendlandes“ ist die Rede vom Niedergang des Westens wieder wohlfeil. Dabei gibt es kein aussichtsreiches Gesellschaftsmodell jenseits des westlichen. Doch gerade das gibt Anlass zur Sorge.

          13 Min.

          Der britische Historiker Niall Ferguson diagnostiziert den „Niedergang des Westens“, knapp hundert Jahre nach Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Manche halten das für die üblichen kulturpessimistischen Einwürfe, das Bellen der Hunde, während die Karawane weiterzieht. Sie bleiben dabei: Der Westen sei weiter auf der historischen Gewinnerstraße mit seinen Idealen von persönlicher Freiheit und Gleichheit, Demokratie und Marktwirtschaft, seiner technisch-wissenschaftlichen Rationalität. Das westliche Gesellschaftssystem sei alternativlos. Erholt sich Europa nicht gerade vom Schuldendesaster? War nicht der Sturz von Diktaturen in Nordafrika ein weiterer Beleg für die ungebrochene Anziehungskraft westlicher Werte?

          Belege für eine ganz andere Sicht der Dinge haben aber auch die Verfechter der These vom Abstieg des Westens. Zeigt nicht das Beispiel Ägyptens, dass die Macht des Westens künftig vielleicht nur noch aus Gewehrläufen stammt, die nicht einmal die eigenen sein müssen? Während die westlichen Kernländer immer pazifistischer im Innern werden, militarisiert sich ihre Peripherie. Bürgerkriege wie in Syrien können nicht beherrscht werden, der Westen als einst dominante Ordnungsmacht wird zu einer vertretbaren Größe im Spiel mit Autokraten, die zuerst Waffen liefern und sich dann als Friedensgaranten verkleiden. Rote Linien werden zu selbstgestellten diplomatischen Fallen. Die schimmernde Wehr amerikanischer Rüstungstechnologie verdrängt allenfalls für den Augenblick die Frage, wie es nach einem Einsatz weitergeht.

          Im Blick auf Kairo wird erklärt, dass der Staatsstreich gegen den einzigen je in Ägypten demokratisch gewählten Präsidenten irgendwie doch legitim war, weil schon die Wahlbeteiligung schlecht gewesen sei, Mursi eine lausige Wirtschaftspolitik betrieben habe und seine Sympathien für Islamisten allzu offen zeigte. Und herrscht nicht in der Türkei latent eine ähnliche Spannungslage? Zwischen der an den Urnen abzählbaren Mehrheit für Erdogan und der in den Kolumnen der Zeitungen gefühlten Mehrheit seiner Opponenten klafft ein Widerspruch. Die Kritiker an seinem mehr oder minder sanften Kurs der autokratischen Islamisierung führen Atatürk-Porträts mit sich und weisen die Polizei, die gegen sie eingreift, vorsorglich auf das westlich ausgerichtete Militär hin.

          In dieses Bild passt, dass in Afghanistan und im Irak das westliche System auch nur mit Militär gesichert werden kann. Zur Irritation der weltbürgerlichen Harmonielehre gehört auch, dass Russland entweder noch länger auf dem Weg zu einer lupenreinen Demokratie ist oder eine autokratische Halbdemokratie bleibt und in China die marktgeöffnete Kommunistische Partei herrscht. Beide Länder suchen einen Weg sowohl mit dem Westen als auch gegen ihn und halten Verfügungsgewalt über Rohstoffe und militärische Macht für zentral.

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