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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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Bild: picture alliance / ZB

Inklusion richtet sich auf mehr als gemeinsamen Schulunterricht von Kindern mit und ohne Behinderung oder schlichte Integration von bislang Benachteiligten in die bürgerlich-liberale Ordnung. Es ist die Ordnung selbst, die verändert werden soll.

          Ein Comicspot der Aktion Mensch bringt es auf den Punkt: „Wenn Ausnahmen zur Regel werden - das ist Inklusion.“ Der Punkt ist: Inklusion ist mehr als die Frage, ob Kinder mit Down-Syndrom ein Gymnasium besuchen können, über die in der deutschen Öffentlichkeit kontrovers und emotional diskutiert wird. Inklusion ist, so die These, „wenn anders sein normal ist“. Und das geht weit über körperliche oder geistige Behinderungen hinaus.

          Dass „anders sein normal ist“, gilt zum Beispiel für Homosexualität, die in jüngster Zeit in weiten Teilen der westlichen Welt ihre gesellschaftliche Emanzipation erfährt. Schon 2006 hatte das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland das Ziel vorgegeben, Benachteiligungen aufgrund von Rasse, Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität zu verhindern und zu beseitigen. Dass Antidiskriminierung in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zeigt exemplarisch der Profifußball, der zu einem Vorreiter von Kampagnen gegen Homophobie und Ausländerfeindlichkeit geworden ist.

          Antidiskriminierung ist ein Aspekt von diversity management, der Anerkennung und Förderung von Verschiedenheit. Ergänzt wird sie durch aktive Gleichstellung, die vor allem für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern Anwendung findet. „Das Leitprinzip der Geschlechtergerechtigkeit“, so erklärt das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend den Ansatz des gender mainstreaming, „verpflichtet die politischen Akteure, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern zu analysieren und ihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur Förderung einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen“.

          Diese Leitlinie gilt auch auf europäischer Ebene, seitdem sie im Jahr 1997 in Amsterdam in die europäischen Verträge geschrieben wurde. Eine Politik der „positiven Maßnahmen“ zielt auf die Beseitigung von Ungleichheiten, indem sie „Struktur- und Verhaltensänderungen der Menschen bewirkt und die Rollen von Frauen und Männern neu definiert“ (Frank Schorkopf). Verwirklicht wird diese Politik durch Frauenquoten für Aufsichtsräte von Unternehmen oder durch das „Kaskadenmodell“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das auf jeder Ebene einen Anteil von Frauen vorschreibt, wie er auf der nächstunteren bereits existiert. In den Vereinigten Staaten ist die ausgleichende Bevorzugung benachteiligter Gruppen und Individuen durch staatlich-bürokratische Regulierung als affirmative action bekannt. Sie richtet sich vor allem gegen Benachteiligungen aufgrund ethnischer Herkunft. Dahinter steht das Konzept des „Multikulturalismus“, das in Deutschland zwar sprachlich verpönt, in der Sache freilich Programm ist, spätestens seitdem Bundespräsident Christian Wulff den Islam zu einem „Teil von Deutschland“ erklärt hat.

          Inklusion und Diversität, Multikulturalismus und Geschlechtergerechtigkeit, Transnationalismus und Kosmopolitismus - als Leitlinien internationaler Universitäten wie auch vieler Unternehmen sind diese normativen Standards fest etabliert. Vor dreißig Jahren waren es fundamentaloppositionelle Grüne, die solche Positionen in Deutschland vertraten. Heute sind sie zur Regierungspolitik nicht nur schwarz-roter, sondern auch bürgerlicher Koalitionen geworden.

          Wie ist es dazu gekommen? Sicher haben bei einzelnen Entscheidungen politisch-taktische Gründe den Ausschlag gegeben. Erklärungsmächtiger aber ist die Beobachtung, dass sich der allgemeine Rahmen des Redens, des Denkens und des Handelns verschoben hat. Der Begriff des „Rahmens“, den der amerikanische Soziologe Erving Goffman aufgebracht hat, um das Alltagsverhalten von Menschen zu erklären, bezeichnet die Grenzen dessen, was öffentlich gesagt und getan werden kann, ohne damit in Widerspruch mit der eigenen Umgebung zu geraten. „Rahmen“ umschreiben eine als solche wahrgenommene Normalität, die den Beteiligten in der Regel gar nicht bewusst ist und nur in einzelnen Konfliktfällen spürbar wird. Wurde 1983 der Bundeswehrgeneral Günter Kießling vorzeitig entlassen, weil außer Frage stand, dass ein Homosexueller nicht General der Bundeswehr sein könne, so musste 2014 der Vorstandsvorsitzende von Mozilla zurücktreten, weil er bei einem Volksentscheid in Kalifornien die Gegner der Homo-Ehe unterstützt hatte.

          Wie das Beispiel zeigt, sind Rahmen nicht statisch. Sie verschieben sich durch Kommunikationsakte und deren Wiederholung, durch Konflikte und nicht zuletzt durch Krisen und Ereignisse. Im Fall der Kultur der Inklusion haben sich vor allem akademische Debatten als wirkmächtig erwiesen, die in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Frankreich und in den Vereinigten Staaten geführt wurden. Mittlerweile sind sie in die Breite der Gesellschaft und der politischen Entscheidungsprozesse eingesickert und haben neue Denkweisen, Sprachmuster und Handlungsrahmen hervorgebracht.

          Mit dem Anspruch, grundsätzlich „anders zu denken“, wurde der Franzose Michel Foucault zum vielleicht bedeutendsten europäischen Intellektuellen des späteren 20. Jahrhunderts. Macht, so eine seiner zentralen Thesen, „produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: Das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“ Im Zentrum dieser Macht steht Sprache. Diskurse beschreiben nicht nur, sondern sie definieren: Sie legen fest, so der bekennende Homosexuelle, wer als krank oder wahnsinnig, als kriminell oder abnorm gilt oder was als Wahrheit und Irrtum. Die „Ordnung der Dinge“ ist mithin sprachlich erzeugt (im kulturwissenschaftlichen Jargon: konstruiert). Sie herrscht durch Exklusion, durch Ausgrenzung und Unterdrückung des Dissenten, des Anderen.

          Die Vorstellung, dass normative Ordnungen nicht vorgegeben, sondern gemacht sind, war nicht neu. Bereits Friedrich Nietzsche hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Frage gestellt: „Unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse?“ Radikal beantwortet wurde sie freilich erst im ausgehenden 20. Jahrhundert durch den postmodernen Dekonstruktivismus.

          In besonderem Maß gilt das für die Ordnung der Geschlechter. Schon Simone de Beauvoir (1908-1986) hatte gesagt, als Frau werde man nicht geboren, zur Frau werde man gemacht. Deutlich weiter ging die amerikanische Philosophin Judith Butler. In ihrem Buch „Gender trouble“ (1990), das von Feminismus und der „Subversion von Identität“ handelt, vertritt sie die These, körperliche Gestalt werde nicht durch eine vorgängige körperliche Materialität erzeugt, sondern durch performative Akte. Die Kategorien männlich und weiblich seien keine natürlichen Größen, sondern Produkte wiederholter Sprechakte, indem zum Beispiel einem Kind gesagt werde, es sei ein Junge.

          Mit ihren radikal-dekonstruktivistischen Annahmen ging Butler über die gängige Unterscheidung zwischen biologischgegebenem (sex) und kulturell zugeschriebenem und erlerntem Geschlecht (gender) hinaus und stellte generell die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter in Frage. Dieses Modell der Zweigeschlechtlichkeit, so Butler, schließe andere, nicht einzuordnende Formen aus. An diesem Punkt setzt die Queer-Theorie an, die den Zusammenhang von anatomischen Körpermerkmalen und performativer Geschlechteridentität für kontingent erklärt. Sie thematisiert stattdessen alternative Geschlechteridentitäten - neben Homosexuellen auch Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle - und wirkt auf deren Anerkennung und Gleichstellung hin. Auf einer anderen Ebene, aber mit ähnlicher Argumentation, lehnen Verfechter einer radikalen Gleichheitsidee („Ableisten“, nach englisch able, fähig) die Kategorie Behinderung ab, weil sie Menschen nach ihren physischen oder psychischen Fähigkeiten unterscheide.

          Neben der Kategorie Geschlecht hat der postmoderne Dekonstruktivismus vor allem die Kategorie Nation erfasst. Bahnbrechend wirkte das 1983 erschienene Buch des britisch-amerikanischen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson über Nationen als „imagined communities“. Nationen seien keine vorgegebenen, gleichsam natürlichen Einheiten, sondern vorgestellte oder - so die zugespitzte Übersetzung - „erfundene“ Gemeinschaften. Identität bildeten sie durch Abgrenzung nach außen, Integration nach innen durch Exklusion des Anderen.

          Eine solche Auffassung stand auch im Zentrum der postkolonialen Perspektive, die zur selben Zeit aufkam. Unter dem Titel „Orientalismus“ stellte der palästinensisch-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said im Jahr 1978 die These auf, der Westen habe ein verzerrtes Bild der nichtwestlichen Welt entworfen, um die politische Unterwerfung dieser Völker durch den europäischen Kolonialismus zu rechtfertigen.

          Empirisch standen Saids Thesen auf schwachen Beinen. Ihrer Verbreitung stand das nicht im Weg. Im Gegenteil. Der Erzählung von der westlichen Moderne als der Geschichte von Vernunft, Freiheit und Fortschritt wurde eine Geschichte des Westens entgegengestellt, die von Unterdrückung, Ausgrenzung und Ausbeutung erzählte.

          Ein ähnliche Dialektik erzeugten Foucaults Studien über Psychiatrie und Gefängnis in der europäischen Moderne: Das Panopticon des englischen Sozialphilosophen Jeremy Bentham (1748-1832), ein Gefängnis, dessen Insassen ununterbrochen unter Kontrolle stehen, galt Foucault als Sinnbild moderner Disziplinierung und der Unterdrückung abweichenden Verhaltens. Auch diese Behauptung war empirisch kaum belegt - jedenfalls war das Panopticon alles andere als repräsentativ für die moderne Gefängnispraxis. Aber Foucaults Interpretation begründete die Auffassung, dass Vorstellungen von Normalität als Machtinstrumente dienen, um das Andere (Rassen, Frauen, Homosexuelle, Wahnsinnige und sonstige Minderheiten) auszuschließen.

          In dieser Perspektive erschien die westliche Moderne nicht als Hort der Freiheit, der Menschenrechte, der Demokratie, des Individualismus und des Pluralismus, wie der Westen sich selbst so gerne sieht, sondern als Ordnung der Unterdrückung von Dissens und Diversität. Damit betrieb der postmoderne Dekonstruktivismus nichts weniger als eine Delegitimierung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft der westlichen Moderne, ihrer Vorstellungen von Normalität, ihrer Rationalitätsmuster und ihrer Denkkategorien, von der Kategorie der Nation über Vorstellungen von Familie und Zweigeschlechtlichkeit bis zum Begriff der „Behinderung“.

          Damit war zugleich die Frage aufgeworfen: Welche Ordnung soll stattdessen gelten? Diese Frage führt mitten in die logische Aporie des Dekonstruktivismus: Wenn alle „großen Erzählungen“ (François Lyotard) und Ordnungsvorstellungen als machtbedingte diskursive Konstrukte aufgefasst werden und die Existenz universeller Wahrheiten bestritten wird, dann gilt dies logischerweise auch für die eigenen Vorstellungen. Auch die eigenen Auffassungen können konsequenterweise keinen Anspruch auf Wahrheit erheben und keine normative Geltung beanspruchen.

          Ein Blick auf die Realität zeigt freilich ein anderes Bild: Gender mainstreaming, Antidiskriminierung und Inklusion werden sehr wohl mit dem Anspruch betrieben, verbindliche Normen zu sein. So offenbart das Wortspiel „wenn Ausnahmen zur Regel werden“ einen tieferen Sinn, der ganz in der Logik Foucaults liegt: Auch die Kultur der Inklusion ist eine Machtfrage.

          Mittlerweile ist nicht mehr zu bestreiten, dass die postmoderne Dekonstruktion tradierter Ordnungsvorstellungen neue Ordnungsvorstellungen hervorgebracht hat. In deren Zentrum stehen Diversität und Inklusion, proaktive Anerkennung, Gleichstellung und der individuelle Ausgleich von Nachteilen für die, die von tradierten Normalitätsvorstellungen abweichen, also alle Minderheiten und Randgruppen der bürgerlich-modernen Gesellschaft.

          Dieser Paradigmenwechsel speist sich aus einer Entwicklung, die in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Mit der ersten Ölkrise endete im Jahr 1973 nicht nur das goldene Zeitalter des Nachkriegsbooms. Vielmehr wurde schon damals eine „Tendenzwende“ diagnostiziert, mit der die klassische Moderne zu Ende ging, die sich seit der Hochindustrialisierung im späten 19. Jahrhundert herausgebildet und in einer wahren „Modernisierungsideologie“ (Michael E. Latham) in den sechziger Jahren eine Aufgipfelung erlebt hatte: Keynesianische Globalsteuerung und Zukunftsplanung, der Auf- und Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Vorstellung vom gesicherten Fortschritt durch den steuernden Staat - all das stieß mit einem Mal an harte Grenzen.

          Die westlichen Gesellschaften mussten sich neu orientieren, und sie taten das in zwei Richtungen. Die eine zielte auf marktliberale Reformen und die Freisetzung von Marktkräften. Deregulierte Finanzmärkte wurden durch die Digitalisierung und - insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges - durch die Globalisierung befeuert. Zugleich erfasste eine neoliberale Marktideologie immer weitere Bereiche der Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende herrschte ein Denken in Kategorien von shareholder value, ratings und rankings, Bildungsökonomie und unternehmerischer Universität vor. Dieses erlebte im Jahr 2008 mit der Weltfinanzkrise einen schweren Rückschlag, allerdings nur in der politischen Öffentlichkeit, nicht in der ökonomischen Praxis.

          Diese zweite „Tendenzwende“ nach 1973 brachte ein neues Paradigma zum Vorschein, das sich im Schatten der neoliberalen Marktideologie entwickelt hatte und auf die zweite Entwicklung seit dem Ende der klassischen Moderne zurückging: die Postmoderne mit ihrem programmatischen Bekenntnis zu radikaler Pluralität und der Dekonstruktion überlieferter moderner Ordnungsvorstellungen. Dieses Denken fand in den Geistes- und Sozialwissenschaften breite akademische Resonanz. In den Geschichtswissenschaften etwa führte es einen Paradigmenwechsel von der Vorherrschaft der materialistischen Sozialgeschichte hin zu einer konstruktivistischen Kulturgeschichte herbei, die sich auf feministische, postkoloniale und transnationale Ansätze stützte.

          Auf vielen Wegen sickerte dieses Denken innerhalb weniger Jahre aus den universitären Seminaren in die politische Öffentlichkeit der westlichen Länder ein, nicht zuletzt über Sprache und Begriffe. Heute wird es allgemein als normal akzeptiert und bestimmt den Rahmen des Denkens, Redens und Handelns. Als Pionier wirkte gender mainstreaming, das nach der vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 innerhalb von zwei Jahren Eingang in das Vertragswerk der EU fand. Der Weg für Gleichstellung und Inklusion war vorgezeichnet.

          Voraussetzung für diese Kodifizierungen waren neue gesellschaftspolitische Konstellationen, etwa das Aufeinandertreffen feministischer Vorstellungen von Emanzipation durch weibliche Berufstätigkeit und der Interessen der Wirtschaft, weibliche Erwerbskräfte zu rekrutieren. Heute sind die sozialdemokratische Bundesfamilienministerin und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages sich einig über die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit, über Anreize für Rollenverteilungen innerhalb junger Familien sowie über staatliche Kinderbetreuung.

          Neue Konstellationen wie diese wurden dadurch begünstigt, dass mit dem Ende des Ost-West-Konflikts alte Polarisierungen zwischen „liberal-individualistisch“ und „staatlich-kollektivistisch“ entfielen. Zugleich lässt sich die allgemeine Tendenz zugunsten von Gleichstellung anstelle von Differenzierung als politisch-kulturelle Gegenbewegung zu den vielfältigen Entgrenzungen der Globalisierung verstehen. Am Ende hatte die postmoderne Dekonstruktion mit der Kultur der Inklusion eine neue normative Vorstellung von Ganzheit hervorgebracht.

          In diesem Zusammenhang steht auch die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 als Teil einer internationalen Kanonisierung der Menschenrechte. Kodifiziert worden waren diese im 18. Jahrhundert, was aber nicht verhindert hatte, dass Schwarze, Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen diskriminiert wurden. Universalisiert wurden die Menschenrechte nach 1945, insbesondere seit den siebziger und achtziger Jahren wurden sie über den ursprünglichen Kern von life, liberty and the pursuit of happiness hinaus immer weiter ausgedehnt. Dass dies parallel zur Dekonstruktion tradierter Ordnungsvorstellungen geschah, wirft zugleich die Frage auf: Wie sind Menschenrechte verbindlich zu begründen, wenn die Berufung auf ein Naturrecht nach dekonstruktivistischer Logik als „Essentialismus“ ausscheidet? Und was genau umfassen sie? Wenn Menschen mit Behinderungen das Recht auf Teilhabe und Inklusion haben, wie steht es dann mit der Abtreibung von Embryonen mit und ohne Behinderung?

          Allein diese Frage zeigt: Menschenrechte im Besonderen und kulturelle Normen im Allgemeinen sind nicht eindeutig, sondern Fragen der Aushandlung, mithin Machtfragen. Niemand hat das deutlicher gesehen als Foucault, es gilt für die Kultur der Inklusion nicht weniger als für traditionelle Ordnungsvorstellungen. Jeder Inklusion folgt Exklusion als „logischer Schatten“, wie der Soziologe Talcott Parsons festgestellt hat: Inklusion ohne Exklusion gibt es nicht.

          So verlangte eine rot-grüne Bundesratsinitiative am 21. März 2013 die Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Ehe zwischen Mann und Frau und die Abschaffung des Betreuungsgeldes, die symbolpolitische Fördermaßnahme zugunsten traditioneller Familienformen. Und während gender mainstreaming die Gleichstellung von Frauen fördert, bringt es zugleich neue Ungleichheiten hervor, etwa wenn eine kinderlose Unternehmertochter aus München-Bogenhausen den Vorzug vor einem vierfachen Familienvater aus einer Einwandererfamilie in Berlin-Neukölln erhält. Ein weiteres Beispiel: In der geschlechtergerechten Schreibweise mit großem Binnen-I ist sehr viel häufiger von ProfessorInnen und KünstlerInnen die Rede als von AusbeuterInnen und TäterInnen.

          Alles in allem umfasst Inklusion sehr viel mehr als nur die Frage des gemeinsamen Schulunterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung. Sie geht auch substantiell über eine Integration (diese Begriffe werden oft verwechselt) von bislang Benachteiligten in die bürgerlich-liberale Ordnung hinaus. Sie knüpft an liberale Vorstellungen von Emanzipation an und stellt zugleich einen Gegenentwurf dar, der nicht zuletzt ein anders akzentuiertes Verständnis von Freiheit verfolgt: Anstelle des Primats selbstverantworteter Leistung, auf der das liberale Gesellschaftsmodell beruht, setzt die Kultur der Inklusion in erster Linie auf Nachteilsausgleich, Gleichstellung und moderierte Vielfalt. Das alles kann Begabungspotentiale heben und die Entfaltung des Leistungsprinzips befördern. Das ist aber nicht das Entscheidende. Denn der Schwerpunkt liegt nicht darin, Voraussetzungen für die Entfaltung individueller Leistung zu schaffen, die zwangsläufig zu unvorhersehbaren Ungleichheiten führen. Es gilt, die Gesellschaft im Sinne der Gleichstellung bestimmter Gruppen zu gestalten.

          Die Kultur der Inklusion bedeutet einen politisch-kulturellen Paradigmenwechsel in Deutschland und, in unterschiedlichem Maß, in der gesamten westlichen Welt. Sie verkörpert einen hohen moralischen Anspruch, und doch sind die Fragen nach falsch und richtig oft weniger eindeutig zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Vielmehr ist auch die Kultur der Inklusion von grundlegenden Paradoxien und Ambivalenzen geprägt.

          Deutschland ist in den vergangenen Jahren weltoffener geworden, und die Kultur der Inklusion bringt einen großen Zugewinn an Toleranz und Zugewandtheit, Anerkennung und Solidarität, Emanzipation und Teilhabe mit sich. Zugleich etablieren sich von Mieträdern und Autoteilen bis zu bürgerschaftlichen Projekten für den Bau von Windrädern neue Formen der Zivilgesellschaft und eine historisch neue Form staatlich moderierter Vielfalt.

          Freilich werden auch dieser Vielfalt Grenzen gezogen und neue Grenzen des Sagbaren errichtet. Dort schlägt die Forderung nach Toleranz in Intoleranz um und überschreitet die Grenze zur Ideologie in dem Sinne, dass ein Prinzip ohne Rücksicht auf Erfahrung verabsolutiert wird. Als Ideologie versucht die Kultur der Inklusion, eine neue Welt nach einem Bild zu modellieren, das seinerseits nichts anderes als ein Produkt von Macht ist.

          In der Logik der Kultur der Inklusion liegt es zum Beispiel auch, Tiere einzubeziehen. Die Entscheidung des Kopenhagener Zoodirektors, einen Giraffenbullen zu töten und an Löwen zu verfüttern, hat im Frühjahr 2014 nie dagewesene Debatten entzündet. Im Bundestagswahlkampf 2013 war der veggie day zwar noch ein Verliererthema, allgemein aber befindet sich der Veganismus auf dem Vormarsch. Es ist durchaus denkbar, dass Fleischkonsum und Massentierhaltung in zwanzig Jahren in der Breite der Gesellschaft ähnlich verständnislos und ablehnend gesehen werden wie heute der europäische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Schon seit Jahrzehnten argumentiert der australische Philosoph Peter Singer für eine Befreiung der Tiere und gegen einen Vorrang des Menschen als Spezies.

          Am Ende dieser Logik steht eine neue Schöpfungsordnung, in der sich der Mensch die Erde nicht untertan macht, sondern auf einer Stufe mit der übrigen Schöpfung steht. Dann stellt sich die Frage der Menschenrechte neu, „Zoophilie“ (der neutrale Begriff für das, was pejorativ als „Sodomie“ bezeichnet wird) dürfte zur anerkannten Normalität werden. Sie ergänzt die Gleichstellung von Polygamie, Quoten für queere Migranten in Aufsichtsräten von Unternehmen (wegen ihrer mangelnden Berücksichtigung hat Judith Butler vor Jahren eine Auszeichnung des Christopher Street Day zurückgewiesen), eine einheitliche Schulform ohne Noten oder eine transnationale Transfergemeinschaft über die EU hinaus. Wenn das überzogen erscheint: Ein Adoptionsrecht für Homosexuelle wäre vor dreißig Jahren wohl ähnlich unrealistisch erschienen.

          Ob es so kommt oder nicht - jedenfalls deutet dieses Szenario an, welches Potential zur Veränderung moderner gesellschaftlicher Ordnungen der Kultur der Inklusion innewohnt. Das ist der Gegenstand, über den es zu debattieren lohnt.

          Andreas Rödder, Rheinländer des Jahrgangs 1967, wurde nach dem Studium der Geschichte und der Germanistik 1994 in Bonn mit einer Arbeit über die Außenpolitik der Weimarer Republik promoviert. Im Jahr 2001 wurde er mit einer Arbeit über die politische Kultur des Viktorianischen Zeitalters an der Universität Stuttgart habilitiert. Vier Jahre später nahm Rödder den Ruf auf den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an. Nach mehreren Büchern über die Geschichte der Bundesrepublik und die Wiedervereinigung arbeitet Rödder an einer „Geschichte der Gegenwart“.

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