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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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Freilich werden auch dieser Vielfalt Grenzen gezogen und neue Grenzen des Sagbaren errichtet. Dort schlägt die Forderung nach Toleranz in Intoleranz um und überschreitet die Grenze zur Ideologie in dem Sinne, dass ein Prinzip ohne Rücksicht auf Erfahrung verabsolutiert wird. Als Ideologie versucht die Kultur der Inklusion, eine neue Welt nach einem Bild zu modellieren, das seinerseits nichts anderes als ein Produkt von Macht ist.

In der Logik der Kultur der Inklusion liegt es zum Beispiel auch, Tiere einzubeziehen. Die Entscheidung des Kopenhagener Zoodirektors, einen Giraffenbullen zu töten und an Löwen zu verfüttern, hat im Frühjahr 2014 nie dagewesene Debatten entzündet. Im Bundestagswahlkampf 2013 war der veggie day zwar noch ein Verliererthema, allgemein aber befindet sich der Veganismus auf dem Vormarsch. Es ist durchaus denkbar, dass Fleischkonsum und Massentierhaltung in zwanzig Jahren in der Breite der Gesellschaft ähnlich verständnislos und ablehnend gesehen werden wie heute der europäische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Schon seit Jahrzehnten argumentiert der australische Philosoph Peter Singer für eine Befreiung der Tiere und gegen einen Vorrang des Menschen als Spezies.

Am Ende dieser Logik steht eine neue Schöpfungsordnung, in der sich der Mensch die Erde nicht untertan macht, sondern auf einer Stufe mit der übrigen Schöpfung steht. Dann stellt sich die Frage der Menschenrechte neu, „Zoophilie“ (der neutrale Begriff für das, was pejorativ als „Sodomie“ bezeichnet wird) dürfte zur anerkannten Normalität werden. Sie ergänzt die Gleichstellung von Polygamie, Quoten für queere Migranten in Aufsichtsräten von Unternehmen (wegen ihrer mangelnden Berücksichtigung hat Judith Butler vor Jahren eine Auszeichnung des Christopher Street Day zurückgewiesen), eine einheitliche Schulform ohne Noten oder eine transnationale Transfergemeinschaft über die EU hinaus. Wenn das überzogen erscheint: Ein Adoptionsrecht für Homosexuelle wäre vor dreißig Jahren wohl ähnlich unrealistisch erschienen.

Ob es so kommt oder nicht - jedenfalls deutet dieses Szenario an, welches Potential zur Veränderung moderner gesellschaftlicher Ordnungen der Kultur der Inklusion innewohnt. Das ist der Gegenstand, über den es zu debattieren lohnt.

Andreas Rödder, Rheinländer des Jahrgangs 1967, wurde nach dem Studium der Geschichte und der Germanistik 1994 in Bonn mit einer Arbeit über die Außenpolitik der Weimarer Republik promoviert. Im Jahr 2001 wurde er mit einer Arbeit über die politische Kultur des Viktorianischen Zeitalters an der Universität Stuttgart habilitiert. Vier Jahre später nahm Rödder den Ruf auf den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an. Nach mehreren Büchern über die Geschichte der Bundesrepublik und die Wiedervereinigung arbeitet Rödder an einer „Geschichte der Gegenwart“.

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