https://www.faz.net/-gpf-7ranq

Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

  • -Aktualisiert am

Allein diese Frage zeigt: Menschenrechte im Besonderen und kulturelle Normen im Allgemeinen sind nicht eindeutig, sondern Fragen der Aushandlung, mithin Machtfragen. Niemand hat das deutlicher gesehen als Foucault, es gilt für die Kultur der Inklusion nicht weniger als für traditionelle Ordnungsvorstellungen. Jeder Inklusion folgt Exklusion als „logischer Schatten“, wie der Soziologe Talcott Parsons festgestellt hat: Inklusion ohne Exklusion gibt es nicht.

So verlangte eine rot-grüne Bundesratsinitiative am 21. März 2013 die Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Ehe zwischen Mann und Frau und die Abschaffung des Betreuungsgeldes, die symbolpolitische Fördermaßnahme zugunsten traditioneller Familienformen. Und während gender mainstreaming die Gleichstellung von Frauen fördert, bringt es zugleich neue Ungleichheiten hervor, etwa wenn eine kinderlose Unternehmertochter aus München-Bogenhausen den Vorzug vor einem vierfachen Familienvater aus einer Einwandererfamilie in Berlin-Neukölln erhält. Ein weiteres Beispiel: In der geschlechtergerechten Schreibweise mit großem Binnen-I ist sehr viel häufiger von ProfessorInnen und KünstlerInnen die Rede als von AusbeuterInnen und TäterInnen.

Alles in allem umfasst Inklusion sehr viel mehr als nur die Frage des gemeinsamen Schulunterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung. Sie geht auch substantiell über eine Integration (diese Begriffe werden oft verwechselt) von bislang Benachteiligten in die bürgerlich-liberale Ordnung hinaus. Sie knüpft an liberale Vorstellungen von Emanzipation an und stellt zugleich einen Gegenentwurf dar, der nicht zuletzt ein anders akzentuiertes Verständnis von Freiheit verfolgt: Anstelle des Primats selbstverantworteter Leistung, auf der das liberale Gesellschaftsmodell beruht, setzt die Kultur der Inklusion in erster Linie auf Nachteilsausgleich, Gleichstellung und moderierte Vielfalt. Das alles kann Begabungspotentiale heben und die Entfaltung des Leistungsprinzips befördern. Das ist aber nicht das Entscheidende. Denn der Schwerpunkt liegt nicht darin, Voraussetzungen für die Entfaltung individueller Leistung zu schaffen, die zwangsläufig zu unvorhersehbaren Ungleichheiten führen. Es gilt, die Gesellschaft im Sinne der Gleichstellung bestimmter Gruppen zu gestalten.

Die Kultur der Inklusion bedeutet einen politisch-kulturellen Paradigmenwechsel in Deutschland und, in unterschiedlichem Maß, in der gesamten westlichen Welt. Sie verkörpert einen hohen moralischen Anspruch, und doch sind die Fragen nach falsch und richtig oft weniger eindeutig zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Vielmehr ist auch die Kultur der Inklusion von grundlegenden Paradoxien und Ambivalenzen geprägt.

Deutschland ist in den vergangenen Jahren weltoffener geworden, und die Kultur der Inklusion bringt einen großen Zugewinn an Toleranz und Zugewandtheit, Anerkennung und Solidarität, Emanzipation und Teilhabe mit sich. Zugleich etablieren sich von Mieträdern und Autoteilen bis zu bürgerschaftlichen Projekten für den Bau von Windrädern neue Formen der Zivilgesellschaft und eine historisch neue Form staatlich moderierter Vielfalt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.