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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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Diese zweite „Tendenzwende“ nach 1973 brachte ein neues Paradigma zum Vorschein, das sich im Schatten der neoliberalen Marktideologie entwickelt hatte und auf die zweite Entwicklung seit dem Ende der klassischen Moderne zurückging: die Postmoderne mit ihrem programmatischen Bekenntnis zu radikaler Pluralität und der Dekonstruktion überlieferter moderner Ordnungsvorstellungen. Dieses Denken fand in den Geistes- und Sozialwissenschaften breite akademische Resonanz. In den Geschichtswissenschaften etwa führte es einen Paradigmenwechsel von der Vorherrschaft der materialistischen Sozialgeschichte hin zu einer konstruktivistischen Kulturgeschichte herbei, die sich auf feministische, postkoloniale und transnationale Ansätze stützte.

Auf vielen Wegen sickerte dieses Denken innerhalb weniger Jahre aus den universitären Seminaren in die politische Öffentlichkeit der westlichen Länder ein, nicht zuletzt über Sprache und Begriffe. Heute wird es allgemein als normal akzeptiert und bestimmt den Rahmen des Denkens, Redens und Handelns. Als Pionier wirkte gender mainstreaming, das nach der vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 innerhalb von zwei Jahren Eingang in das Vertragswerk der EU fand. Der Weg für Gleichstellung und Inklusion war vorgezeichnet.

Voraussetzung für diese Kodifizierungen waren neue gesellschaftspolitische Konstellationen, etwa das Aufeinandertreffen feministischer Vorstellungen von Emanzipation durch weibliche Berufstätigkeit und der Interessen der Wirtschaft, weibliche Erwerbskräfte zu rekrutieren. Heute sind die sozialdemokratische Bundesfamilienministerin und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages sich einig über die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit, über Anreize für Rollenverteilungen innerhalb junger Familien sowie über staatliche Kinderbetreuung.

Neue Konstellationen wie diese wurden dadurch begünstigt, dass mit dem Ende des Ost-West-Konflikts alte Polarisierungen zwischen „liberal-individualistisch“ und „staatlich-kollektivistisch“ entfielen. Zugleich lässt sich die allgemeine Tendenz zugunsten von Gleichstellung anstelle von Differenzierung als politisch-kulturelle Gegenbewegung zu den vielfältigen Entgrenzungen der Globalisierung verstehen. Am Ende hatte die postmoderne Dekonstruktion mit der Kultur der Inklusion eine neue normative Vorstellung von Ganzheit hervorgebracht.

In diesem Zusammenhang steht auch die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 als Teil einer internationalen Kanonisierung der Menschenrechte. Kodifiziert worden waren diese im 18. Jahrhundert, was aber nicht verhindert hatte, dass Schwarze, Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen diskriminiert wurden. Universalisiert wurden die Menschenrechte nach 1945, insbesondere seit den siebziger und achtziger Jahren wurden sie über den ursprünglichen Kern von life, liberty and the pursuit of happiness hinaus immer weiter ausgedehnt. Dass dies parallel zur Dekonstruktion tradierter Ordnungsvorstellungen geschah, wirft zugleich die Frage auf: Wie sind Menschenrechte verbindlich zu begründen, wenn die Berufung auf ein Naturrecht nach dekonstruktivistischer Logik als „Essentialismus“ ausscheidet? Und was genau umfassen sie? Wenn Menschen mit Behinderungen das Recht auf Teilhabe und Inklusion haben, wie steht es dann mit der Abtreibung von Embryonen mit und ohne Behinderung?

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