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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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In dieser Perspektive erschien die westliche Moderne nicht als Hort der Freiheit, der Menschenrechte, der Demokratie, des Individualismus und des Pluralismus, wie der Westen sich selbst so gerne sieht, sondern als Ordnung der Unterdrückung von Dissens und Diversität. Damit betrieb der postmoderne Dekonstruktivismus nichts weniger als eine Delegitimierung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft der westlichen Moderne, ihrer Vorstellungen von Normalität, ihrer Rationalitätsmuster und ihrer Denkkategorien, von der Kategorie der Nation über Vorstellungen von Familie und Zweigeschlechtlichkeit bis zum Begriff der „Behinderung“.

Damit war zugleich die Frage aufgeworfen: Welche Ordnung soll stattdessen gelten? Diese Frage führt mitten in die logische Aporie des Dekonstruktivismus: Wenn alle „großen Erzählungen“ (François Lyotard) und Ordnungsvorstellungen als machtbedingte diskursive Konstrukte aufgefasst werden und die Existenz universeller Wahrheiten bestritten wird, dann gilt dies logischerweise auch für die eigenen Vorstellungen. Auch die eigenen Auffassungen können konsequenterweise keinen Anspruch auf Wahrheit erheben und keine normative Geltung beanspruchen.

Ein Blick auf die Realität zeigt freilich ein anderes Bild: Gender mainstreaming, Antidiskriminierung und Inklusion werden sehr wohl mit dem Anspruch betrieben, verbindliche Normen zu sein. So offenbart das Wortspiel „wenn Ausnahmen zur Regel werden“ einen tieferen Sinn, der ganz in der Logik Foucaults liegt: Auch die Kultur der Inklusion ist eine Machtfrage.

Mittlerweile ist nicht mehr zu bestreiten, dass die postmoderne Dekonstruktion tradierter Ordnungsvorstellungen neue Ordnungsvorstellungen hervorgebracht hat. In deren Zentrum stehen Diversität und Inklusion, proaktive Anerkennung, Gleichstellung und der individuelle Ausgleich von Nachteilen für die, die von tradierten Normalitätsvorstellungen abweichen, also alle Minderheiten und Randgruppen der bürgerlich-modernen Gesellschaft.

Dieser Paradigmenwechsel speist sich aus einer Entwicklung, die in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Mit der ersten Ölkrise endete im Jahr 1973 nicht nur das goldene Zeitalter des Nachkriegsbooms. Vielmehr wurde schon damals eine „Tendenzwende“ diagnostiziert, mit der die klassische Moderne zu Ende ging, die sich seit der Hochindustrialisierung im späten 19. Jahrhundert herausgebildet und in einer wahren „Modernisierungsideologie“ (Michael E. Latham) in den sechziger Jahren eine Aufgipfelung erlebt hatte: Keynesianische Globalsteuerung und Zukunftsplanung, der Auf- und Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Vorstellung vom gesicherten Fortschritt durch den steuernden Staat - all das stieß mit einem Mal an harte Grenzen.

Die westlichen Gesellschaften mussten sich neu orientieren, und sie taten das in zwei Richtungen. Die eine zielte auf marktliberale Reformen und die Freisetzung von Marktkräften. Deregulierte Finanzmärkte wurden durch die Digitalisierung und - insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges - durch die Globalisierung befeuert. Zugleich erfasste eine neoliberale Marktideologie immer weitere Bereiche der Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende herrschte ein Denken in Kategorien von shareholder value, ratings und rankings, Bildungsökonomie und unternehmerischer Universität vor. Dieses erlebte im Jahr 2008 mit der Weltfinanzkrise einen schweren Rückschlag, allerdings nur in der politischen Öffentlichkeit, nicht in der ökonomischen Praxis.

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