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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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Mit ihren radikal-dekonstruktivistischen Annahmen ging Butler über die gängige Unterscheidung zwischen biologischgegebenem (sex) und kulturell zugeschriebenem und erlerntem Geschlecht (gender) hinaus und stellte generell die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter in Frage. Dieses Modell der Zweigeschlechtlichkeit, so Butler, schließe andere, nicht einzuordnende Formen aus. An diesem Punkt setzt die Queer-Theorie an, die den Zusammenhang von anatomischen Körpermerkmalen und performativer Geschlechteridentität für kontingent erklärt. Sie thematisiert stattdessen alternative Geschlechteridentitäten - neben Homosexuellen auch Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle - und wirkt auf deren Anerkennung und Gleichstellung hin. Auf einer anderen Ebene, aber mit ähnlicher Argumentation, lehnen Verfechter einer radikalen Gleichheitsidee („Ableisten“, nach englisch able, fähig) die Kategorie Behinderung ab, weil sie Menschen nach ihren physischen oder psychischen Fähigkeiten unterscheide.

Neben der Kategorie Geschlecht hat der postmoderne Dekonstruktivismus vor allem die Kategorie Nation erfasst. Bahnbrechend wirkte das 1983 erschienene Buch des britisch-amerikanischen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson über Nationen als „imagined communities“. Nationen seien keine vorgegebenen, gleichsam natürlichen Einheiten, sondern vorgestellte oder - so die zugespitzte Übersetzung - „erfundene“ Gemeinschaften. Identität bildeten sie durch Abgrenzung nach außen, Integration nach innen durch Exklusion des Anderen.

Eine solche Auffassung stand auch im Zentrum der postkolonialen Perspektive, die zur selben Zeit aufkam. Unter dem Titel „Orientalismus“ stellte der palästinensisch-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said im Jahr 1978 die These auf, der Westen habe ein verzerrtes Bild der nichtwestlichen Welt entworfen, um die politische Unterwerfung dieser Völker durch den europäischen Kolonialismus zu rechtfertigen.

Empirisch standen Saids Thesen auf schwachen Beinen. Ihrer Verbreitung stand das nicht im Weg. Im Gegenteil. Der Erzählung von der westlichen Moderne als der Geschichte von Vernunft, Freiheit und Fortschritt wurde eine Geschichte des Westens entgegengestellt, die von Unterdrückung, Ausgrenzung und Ausbeutung erzählte.

Ein ähnliche Dialektik erzeugten Foucaults Studien über Psychiatrie und Gefängnis in der europäischen Moderne: Das Panopticon des englischen Sozialphilosophen Jeremy Bentham (1748-1832), ein Gefängnis, dessen Insassen ununterbrochen unter Kontrolle stehen, galt Foucault als Sinnbild moderner Disziplinierung und der Unterdrückung abweichenden Verhaltens. Auch diese Behauptung war empirisch kaum belegt - jedenfalls war das Panopticon alles andere als repräsentativ für die moderne Gefängnispraxis. Aber Foucaults Interpretation begründete die Auffassung, dass Vorstellungen von Normalität als Machtinstrumente dienen, um das Andere (Rassen, Frauen, Homosexuelle, Wahnsinnige und sonstige Minderheiten) auszuschließen.

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