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Gesellschaft : Wohin führt die Kultur der Inklusion?

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Wie ist es dazu gekommen? Sicher haben bei einzelnen Entscheidungen politisch-taktische Gründe den Ausschlag gegeben. Erklärungsmächtiger aber ist die Beobachtung, dass sich der allgemeine Rahmen des Redens, des Denkens und des Handelns verschoben hat. Der Begriff des „Rahmens“, den der amerikanische Soziologe Erving Goffman aufgebracht hat, um das Alltagsverhalten von Menschen zu erklären, bezeichnet die Grenzen dessen, was öffentlich gesagt und getan werden kann, ohne damit in Widerspruch mit der eigenen Umgebung zu geraten. „Rahmen“ umschreiben eine als solche wahrgenommene Normalität, die den Beteiligten in der Regel gar nicht bewusst ist und nur in einzelnen Konfliktfällen spürbar wird. Wurde 1983 der Bundeswehrgeneral Günter Kießling vorzeitig entlassen, weil außer Frage stand, dass ein Homosexueller nicht General der Bundeswehr sein könne, so musste 2014 der Vorstandsvorsitzende von Mozilla zurücktreten, weil er bei einem Volksentscheid in Kalifornien die Gegner der Homo-Ehe unterstützt hatte.

Wie das Beispiel zeigt, sind Rahmen nicht statisch. Sie verschieben sich durch Kommunikationsakte und deren Wiederholung, durch Konflikte und nicht zuletzt durch Krisen und Ereignisse. Im Fall der Kultur der Inklusion haben sich vor allem akademische Debatten als wirkmächtig erwiesen, die in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Frankreich und in den Vereinigten Staaten geführt wurden. Mittlerweile sind sie in die Breite der Gesellschaft und der politischen Entscheidungsprozesse eingesickert und haben neue Denkweisen, Sprachmuster und Handlungsrahmen hervorgebracht.

Mit dem Anspruch, grundsätzlich „anders zu denken“, wurde der Franzose Michel Foucault zum vielleicht bedeutendsten europäischen Intellektuellen des späteren 20. Jahrhunderts. Macht, so eine seiner zentralen Thesen, „produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: Das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“ Im Zentrum dieser Macht steht Sprache. Diskurse beschreiben nicht nur, sondern sie definieren: Sie legen fest, so der bekennende Homosexuelle, wer als krank oder wahnsinnig, als kriminell oder abnorm gilt oder was als Wahrheit und Irrtum. Die „Ordnung der Dinge“ ist mithin sprachlich erzeugt (im kulturwissenschaftlichen Jargon: konstruiert). Sie herrscht durch Exklusion, durch Ausgrenzung und Unterdrückung des Dissenten, des Anderen.

Die Vorstellung, dass normative Ordnungen nicht vorgegeben, sondern gemacht sind, war nicht neu. Bereits Friedrich Nietzsche hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Frage gestellt: „Unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse?“ Radikal beantwortet wurde sie freilich erst im ausgehenden 20. Jahrhundert durch den postmodernen Dekonstruktivismus.

In besonderem Maß gilt das für die Ordnung der Geschlechter. Schon Simone de Beauvoir (1908-1986) hatte gesagt, als Frau werde man nicht geboren, zur Frau werde man gemacht. Deutlich weiter ging die amerikanische Philosophin Judith Butler. In ihrem Buch „Gender trouble“ (1990), das von Feminismus und der „Subversion von Identität“ handelt, vertritt sie die These, körperliche Gestalt werde nicht durch eine vorgängige körperliche Materialität erzeugt, sondern durch performative Akte. Die Kategorien männlich und weiblich seien keine natürlichen Größen, sondern Produkte wiederholter Sprechakte, indem zum Beispiel einem Kind gesagt werde, es sei ein Junge.

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