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Gesellschaft : Die Kraft der Religion

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Die öffentliche Präsenz von Religion in Deutschland bewegt sich in diesen Tagen zwischen Trost und Terror. Soll sie deshalb Privatsache werden - oder ihr Wahrheitspotential offensiver zur Geltung bringen? Eines ist sicher: Mehr denn je brauchen wir in Deutschland wie in Europa Orte und Zeitpunkte der öffentlichen Auseinandersetzung mit Religion.

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          Religion hat Kraft. Wie kraftvoll sie ist, das ist für Christen selten so greifbar wie in den Tagen vor und nach Ostern. Es tut gut, eine religiöse Sprach- und Bildwelt zu haben, um Trauer und Schmerz zu bewältigen. Gerade dann, wenn eigene Worte fehlen. Die zweitausend Jahre alte Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod kann uns Halt schenken, wo alle Hoffnung verloren scheint. Das spüren auch Menschen, die sich sonst eher als religiös unmusikalisch bezeichnen würden.

          Die Attentate von Paris, Kopenhagen, Tunis und Sanaa wie auch die massive Polizeipräsenz in deutschen Städten sprechen eine andere Sprache. Ließe man sich ganz von den damit verbundenen Eindrücken leiten, könnte es gar so erscheinen, als sei Religion zum Sicherheitsrisiko geworden. Die öffentliche Präsenz von Religion in Deutschland bewegt sich in diesen Tagen zwischen Trost und Terror. Die medial inszenierte Ikonographie der Gewalt im Namen von Religion hat Spuren hinterlassen und lastet als Hypothek auf uns allen.

          Noch im Jahr 2004 konnte Jürgen Habermas in aller Klarheit feststellen: „Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen.“

          Zehn Jahre später scheinen die Hürden für eine verständliche Übersetzung höher geworden zu sein. Religion - so wollen manche aus den Ereignissen der vergangenen Jahre schließen - sollte Privatsache sein. Andere folgern genau das Gegenteil. Der gesellschaftliche Diskurs über den Stellenwert von Religion im öffentlichen Leben steht deshalb von neuem an. Mehr denn je brauchen wir in Deutschland wie in Europa Orte und Zeitpunkte der öffentlichen Auseinandersetzung mit Religion. Der Blick zurück zeigt, warum unser Land heute gute Erfahrungen in den europäischen Diskurs über die damit verbundenen Fragen einzubringen vermag.

          Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein ist für weite Teile des deutschen Protestantismus eine deutliche Distanz gegenüber einer demokratischen Grundordnung zu verzeichnen. Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und das Aushalten von Pluralität galten weithin als Gefährdung des religiösen Erbes. Das hat sich inzwischen glücklicherweise geändert. Aber die bruchlose kulturhistorische Rückführung des modernen liberalen Staates auf das Fundament des sogenannten „christlichen Abendlandes“ erweist sich gleich in mehrfacher Hinsicht als schwierig.

          Diese historische Konstruktion neigt zu einem Überlegenheitsbewusstsein, indem eine spezifische kulturelle Erscheinungsform des Christentums mit dem Begriff des „Abendlandes“ verbunden wird. Dies ist aus theologisch-ethischer Sicht fragwürdig, da das „christliche Abendland“ eben nicht nur ein Quellgrund der modernen Demokratie, sondern auch Ursprungsort unvorstellbarer Gewalt war. Es waren allesamt Nationen des „christlichen Abendlandes“, die sich in Europa in zwei Weltkriegen gegenüberstanden - und Deutschland gleichsam eine Kernnation des „christlichen Abendlandes“, aus deren Mitte der Befehl zur Ermordung von sechs Millionen Juden gegeben wurde.

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