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Genforschung : Eine neue Ära?

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Die Aussagen darüber, ob und wie lange genchirurgische Maßnahmen vor der Grenze der positiven Eugenik haltmachen werden, sind in der aktuellen Diskussion breit gestreut. Eine Voraussetzung dafür, dass diese Grenze klar bestimmt und eingehalten wird, liegt in einer öffentlichen Diskussion darüber, ob dem Prinzip der Personalität eine begrenzende Bedeutung gegenüber den Versuchungen genetischer Veränderungen zuerkannt wird.

Als viertes und letztes Prinzip ist das Gerechtigkeitsprinzip zu nennen. Die Frage, wie sich zwischen negativer und positiver Eugenik unterscheiden lässt, wird spätestens dann gestellt werden, wenn es um die Finanzierung genomchirurgischer Behandlungen gehen wird. So fließend die Grenze auch sein mag, so wird man sie doch ziehen, wenn es um Geld geht. Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des „enhancement“ würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären demnach nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Ausgaben leisten könnten und wollten.

Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verstärkt. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bestehenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten der Verbesserung beeinträchtigt.

Zusätzlich ist auf einen rechtsethischen Aspekt der aktuellen Diskussion hinzuweisen. Wie Experimente in China zeigen, soll derzeit die Forschung an der menschlichen Keimbahn durch die Nutzung von Embryonen vorangetrieben werden, die nicht zur Implantation bestimmt sind. Damit wird eine weitere Schwelle zur Embryonenforschung überschritten, die für Deutschland mit dem Embryonenschutzgesetz von 1990 als unüberwindbar festgeschrieben werden sollte. Unabhängig davon, ob dieses Gesetz wegen unvollständiger oder überholter Regelungen einer Revision bedarf, ist zu fordern, dass der Grundsatz, menschliche Embryonen nur zu Zwecken der Reproduktion herzustellen, nicht durch die Forschung zur Genomchirurgie noch weiter gehend als bisher ins Wanken gerät und schließlich fällt.

Die Genomchirurgie erweist sich als ein herausgehobenes Beispiel für eine Ethik der Verantwortung, die sich rechtzeitig mit den langfristigen individuellen wie gattungsgeschichtlichen Auswirkungen heute möglicher Handlungen beschäftigt. Die neuen Möglichkeiten nötigen zu einer klaren Grenzziehung zwischen therapeutischen Zielen und Perfektionierungszielen in der Humanmedizin. Moralische und ethische Gesichtspunkte sprechen dafür, mögliche Eingriffe zu therapeutischen Zwecken an Körperzellen weiter zu erforschen und zu fördern, von weiter gehenden Eingriffen in die menschliche Keimbahn dagegen abzusehen, solange es für moralische und ethische Einwände der vorgetragenen Art triftige Gründe gibt.

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