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Genforschung : Eine neue Ära?

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Als drittes Prinzip ist die Selbstbestimmung zu betrachten, allgemeiner gesagt, der Respekt vor der menschlichen Person oder auch das Personalitätsprinzip. Ein egalitärer Universalismus der gleichen Würde kann sich mit unterschiedlich akzentuierten Vorstellungen von der menschlichen Person verbinden. Für den durch Christentum und Aufklärung geprägten Kulturkreis ist die Vorstellung von einer unverwechselbaren, zur Freiheit bestimmten und zur Verantwortung befähigten Person leitend geworden. Im Vergleich zu Sachen sind Personen durch Unverwechselbarkeit bestimmt. Zur Würde des Menschen gehört es, dass er als Person nicht austauschbar ist. Das bleibt er nur, solange er nicht einem von anderen entworfenen Bauplan gemäß konstruiert und produziert wird. Seine Freiheit hat mit der Unverfügbarkeit der Bedingungen wie den Gelegenheiten seines Lebens zu tun; Freiheit zeigt sich als Gestaltung von Kontingenz. Aus diesen Gründen spielt die Grenze zwischen Heilung und Verbesserung („enhancement“), zwischen Leidvermeidung und Glückskonstruktion, zwischen Bewahrung und Verfertigung, zwischen Therapie und Perfektion eine entscheidende Rolle.

Autonomie und Unverfügbarkeit der Person gehören unlöslich zusammen. Von Anfang an hat dieser Gesichtspunkt in der Diskussion über die Gentechnik eine große Rolle gespielt. Die Grenze, auf die es hier ankommt, wurde aus unterschiedlichen Perspektiven markiert. Jürgen Habermas fragte beispielsweise, „ob die Technisierung der Menschennatur das gattungsethische Selbstverständnis in der Weise verändert, dass wir uns nicht länger als ethisch freie und moralisch gleiche, an Normen und Gründen orientierte Lebewesen verstehen können“. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel verdeutlichte diese Grenze an der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, also an ebender Lebensbeziehung, die am stärksten von der Vorstellung geprägt ist, der eine habe das Recht, ja sogar die Pflicht, das Beste zum Wohl des andern zu planen und zu tun.

Mögen die Ziele einer genetischen Verbesserung des Kindes noch so begrüßenswert sein - beispielsweise der musikalischen Begabung oder des sportlichen Könnens -, so ist der Versuch, die eigenen Kinder genetisch zu verbessern, dennoch unvereinbar mit dem ethischen Paradigma der „bedingungslosen“ elterlichen Liebe. Während das Vorsichtsprinzip eine universale moralische Norm darstellt, ist der Personbegriff, mit dem hier argumentiert wird, ein ethischer Wert, für den religiöse und kulturelle Prägungen geltend gemacht werden. Aber er verträgt sich ohne Zweifel besser als andere Menschenbilder mit dem Gedanken einer Menschenwürde, die für jeden, unbeschadet aller Unterschiede, in gleicher Weise gelten soll. Der Personbegriff führt mit einer inneren Notwendigkeit zu einer Haltung gegenüber neuen gentechnischen Möglichkeiten, in der diese auf therapeutische Ziele beschränkt und nicht für Maßnahmen der Verbesserung eingesetzt, in den Dienst des Heilens und nicht der Perfektion gestellt, also allein der negativen und nicht der positiven Eugenik dienstbar gemacht werden.

Die praktische Anwendung dieser Unterscheidung verlangt Weisheit. Auch die Rasanz ihrer eigenen Entdeckungen sollte Wissenschaftler nicht davon abhalten, nach dem Bild vom Menschen zu fragen, an dem sie sich orientieren, und die Ziele zu bedenken, für die ihre Entdeckungen eingesetzt werden sollen - oder eben nicht. Auch die Möglichkeiten der Genchirurgie sollten die Einsicht nicht verstellen, dass der Mensch sich nicht „machen“ lässt. Es wäre genetischer Determinismus, wenn man aus den neuen Möglichkeiten eine Gewissheit darüber ableiten wollte, dass ein Menschenleben leidfrei verläuft. Jeder weitere Fortschritt birgt auch neue Ungewissheiten und offene Fragen in sich. Auch in Zukunft werden Menschen lernen müssen, mit ihrer Verletzlichkeit umzugehen und ihre Schwäche einzugestehen. Demut bleibt nötig, allen „Zauberscheren“ zum Trotz.

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