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Genforschung : Eine neue Ära?

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Neben die beneficence tritt die nonmaleficence, die Pflicht der Schadensvermeidung. Bei Eingriffen in die Keimbahn sind zwei Aspekte zu unterscheiden. Der eine Aspekt bezieht sich auf unbeabsichtigte Mutationen an anderen Stellen im Genom (Off-target-Wirkungen), auf unbeabsichtigte Nebenwirkungen der gezielten Beseitigung eines genetischen Defekts oder auf epigenetische Effekte, die sich aus der Wechselwirkung zwischen Genen und Umweltfaktoren ergeben. Solche Auswirkungen - das ist der andere Aspekt - betreffen nicht nur das Individuum, an dem im embryonalen Entwicklungsstadium die betreffenden Interventionen vorgenommen wurden; sie betreffen ebenso dessen Nachkommen - und zwar über die Abfolge der Generationen hinweg in einer zeitlich nicht abgrenzbaren Weise.

Welchen Zeithorizont muss man für die zureichende Beantwortung dieser sowohl die gesamte Lebensgeschichte des Einzelnen als auch die Abfolge der Generationen betreffenden Fragen ansetzen? Wann können die entsprechenden Fragen - negativ oder positiv - als beantwortet gelten? Das ist völlig offen. Deshalb ist der Weg eines Moratoriums für solche Interventionen - mit dem sich ja immer die Vorstellung einer zeitlichen Befristung verbindet - durchaus fragwürdig. Die Frage heißt: Reicht ein Moratorium aus?

Ethisch betrachtet, handelt es sich um einen klassischen Fall für das Prinzip der Schadensvermeidung in einer spezifischen Fassung, nämlich als Vorsichtsprinzip, als precautionary principle. In aller Kürze lässt sich der Sinn dieses Prinzips aus der Fassung herleiten, die Hans Jonas dem kategorischen Imperativ als Grundprinzip der Moral gegeben hat: „Handle so, dass die Folgen deines Handelns vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Der Imperativ formuliert den Anspruch auf eine Permanenz der Menschheit. Die Autonomie des Menschen schließt die Selbstaufhebung der Gattung nicht ein. Denn das Recht der Menschen, in kommunikativen Prozessen Entscheidungen zu treffen, schließt nicht das Recht ein, künftigen Generationen die Möglichkeit zu verweigern, eigene kommunikative Verständigungen überhaupt herbeizuführen. Deshalb bildet das Vorsichtsprinzip (wie man besser statt „Vorsorgeprinzip“ sagen sollte) eine Grenze für mögliche Entscheidungen über die Zukunft.

Das religiöse Motiv der Schöpfung wird bei Jonas in den ethischen Grundsatz umgeformt, dass uns die Welt nach uns und mit ihr die Menschheit nach uns ethisch angeht. Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten.

Mit Blick auf die neuen Methoden der Genomchirurgie werden deshalb auch bei Anwendung dieses Prinzips fehlerarme Eingriffe zur Heilung oder Vermeidung von Krankheiten in Körperzellen moralisch zu rechtfertigen sein. Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn dagegen können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden.

Nun mag man argumentieren, dass das Ausmaß des Nutzens genomchirurgischer Eingriffe in die Keimbahn ein erhöhtes Risiko rechtfertigt. Damit können jedoch auf keinen Fall Risiken gemeint sein, deren Ausmaß und deren Eintrittswahrscheinlichkeit sich gegenwärtig gar nicht einschätzen lassen und von denen man nicht weiß, ob sie die Adressaten der therapeutischen Strategie oder andere treffen. So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.

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