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Genforschung : Eine neue Ära?

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Noch nach fünfzehn Jahren beschreibt dieses Szenario die Lage mit einer geradezu erschreckenden Genauigkeit. Die begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik hat den Rahmen bestimmt, innerhalb dessen nun über weiter gehende genomchirurgische Interventionen in Körperzellen und Keimzellen diskutiert wird. Dabei zeichnet sich schon jetzt als eine Schlüsselfrage ab, ob dabei mit ausreichender Trennschärfe zwischen solchen Interventionen unterschieden werden kann, die auf die Vermeidung oder Heilung von Krankheiten gerichtet sind, und anderen, die auf die Verbesserung der genetischen Ausstattung zielen.

In der ethischen Diskussion über neue medizinische Verfahren haben vier Prinzipien eine herausragende Bedeutung gewonnen: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. An diesen vier medizinethischen Prinzipien sollen im Folgenden die moralisch-ethischen Grundprobleme der Genomchirurgie erörtert werden.

Das Prinzip der Fürsorge wird treffender mit dem Wort „Wohltun“ („beneficence“) bezeichnet. Die Aufgabe, anderen Gutes zu tun, also ihrer Verletzlichkeit mit Empathie zu begegnen, der Gefährdung ihres Lebens Einhalt zu gebieten, Leid zu vermeiden, zu überwinden oder doch wenigstens zu lindern - kurzum: Die Solidarität mit den Leidenden gebietet es, Möglichkeiten des Heilens zu entwickeln und zu nutzen. Gentechnische Verfahren sind dabei nicht ausgeschlossen; von ihnen wird im Bereich der Humanmedizin längst vielfältig Gebrauch gemacht. Wie wahrscheinlich es ist, dass genomchirurgische Verfahren vom Typ CRISPR-Cas9 an Körperzellen zu verlässlichen, treffgenauen, von unbeabsichtigten Nebenwirkungen freien Therapien bisher nicht ausreichend behandelbarer Krankheiten führen, ist noch nicht geklärt. Sollten diese Verfahren an somatischen Zellen solche Ergebnisse zeitigen, ohne mit negativen Folgewirkungen verbunden zu sein, wird das Prinzip der Solidarität mit den Leidenden dafür sprechen, solche therapeutischen Möglichkeiten zu entwickeln und einzusetzen.

Isoliert unter dem Gesichtspunkt der beneficence betrachtet, ist auch die Genomkorrektur an Keimzellen eine mögliche Wohltat. Wenn sie eine genetische Abweichung korrigiert, die vielleicht eine Erkrankung im Lebensverlauf zur Folge hat, dient sie der Vermeidung möglichen Leidens, verhindert gegebenenfalls den Ausbruch der Krankheit und macht darüber hinaus aufwendige und lästige Kontrolluntersuchungen sowie gegebenenfalls Therapien unnötig; die Genomkorrektur fördert also die Lebensqualität. Der Einwand, dass es sich um eine „künstliche“, „unnatürliche“ Beseitigung einer genetischen Fehlentwicklung handelt, wird zu Recht zurückgewiesen. Denn allen heilenden Eingriffen - sogar solchen der „Naturheilkunde“ - ist gemeinsam, dass sie planmäßige Interventionen sind, die nicht einfach der Natur ihren Lauf lassen. Deswegen gibt es - im Unterschied zu naturwüchsigen Vorgängen - für all diese Prozesse auch personal identifizierbare Urheber, die zu verantworten haben, was sie durch ihre Intervention in Gang setzen. Auch Keimbahninterventionen gehören deshalb in den Horizont einer Ethik der Verantwortung.

Der mögliche Patientennutzen ist nur einer der Gesichtspunkte, unter denen die Keimbahnintervention zu betrachten ist. Über ihn hinaus ist zu fragen, ob eine Prüfung an anderen Prinzipien als dem der beneficence zu einem vergleichbar positiven Ergebnis führt.

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