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Genforschung : Eine neue Ära?

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Verschiedene Beispiele für die Notwendigkeit ethischen Abwägens werden bereits diskutiert. Im Bereich der grünen Gentechnik können mit der neuen Methode Pflanzen entwickelt werden, die gegen Trockenheit, Schädlinge oder hohen Salzgehalt des Bodens immun sind oder sich besonders gut zur Energiegewinnung eignen. In Pflanzen oder Tieren kann das Erbmaterial auf dem Weg der direkten Einwirkung auf das Erbmaterial („gene drive“) so verändert werden, dass auf Dauer Resistenzen gegen bestimmte Infektionserreger erzielt werden; damit beeinflusst man zugleich den Genpool im Ganzen. Schon das ist auch für den Menschen von großer Bedeutung, wie das Beispiel der Gelbfiebermücke zeigt, die Zika-Viren auf Menschen überträgt. In solchen Fällen des „gene drive“ kann man derartige Genomveränderungen nicht ohne ihre Auswirkungen für die jeweilige Gattung und ohne ihre Umweltfolgen betrachten.

Auch andere Formen der Anwendung auf Tiere wirken sich unmittelbar auf den humanmedizinischen Bereich aus: Wenn es beispielsweise gelänge, Gene aus dem Genom von Schweinen auszuschalten, die für den Menschen gefährlich sein können, rückte die Möglichkeit der Xenotransplantation von Tierorganen auf den Menschen in erreichbare Nähe. Die Komplexität der ethischen Fragen zeigt sich an solchen Beispielen eindrücklich.

Erst recht gilt das für die unmittelbare Anwendung der neuen Möglichkeiten auf den Menschen. Grundsätzlich ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen zu unterscheiden. Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen also unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.

Eine Momentaufnahme der Problemlage reicht für das ethische Urteil nicht zu. Vielmehr muss man nach Entwicklungstendenzen fragen, die sich aus dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik ergeben können. Jürgen Habermas hat bereits im Jahr 2001 ein Szenario der mittelfristigen Entwicklung vorgetragen, das er schon damals für wahrscheinlich hielt. Er rechnete zunächst mit einer moralischen und rechtlichen Anerkennung der Präimplantationsdiagnostik (PID) für diejenigen Fälle, in denen auf Grund einer genetischen Vorbelastung eine schwere, für die Eltern und das betroffene Kind nicht zumutbare Erbkrankheit befürchtet werden muss. Die rechtliche Anerkennung der PID erfolgte tatsächlich im Jahr 2011.

Habermas hatte 2001 daran die weitere Prognose angeschlossen, dass im Zuge der weiteren Entwicklung der Biotechnik entsprechende gentechnische Eingriffe in Körperzellen oder gar Keimbahnen folgen würden, um vergleichbare Erbkrankheiten zu verhüten. Damit verbinde sich die Aufgabe, die somit gerechtfertigte „negative“ Eugenik von einer - zunächst als ungerechtfertigt betrachteten - „positiven“ Eugenik abzugrenzen. Doch diese Grenzen seien im Zuge der wissenschaftlichen Entwicklung fließend. Folglich sollten wir „genau in den Dimensionen, wo die Grenzen fließend sind, besonders präzise Grenzen ziehen und durchsetzen. Dieses Argument dient heute schon (sc. 2001) zur Verteidigung einer liberalen Eugenik, die eine Grenze zwischen therapeutischen und verbessernden Eingriffen nicht anerkennt, aber die Auswahl der Ziele merkmalsverändernder Eingriffe den individuellen Präferenzen von Marktteilnehmern überlässt.“

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