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Gedenktage : Erst kommt die Macht, dann die Moral

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Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Kontinuität im Wandel des braunroten Deutschlands. 13 Thesen in Anbetracht der vielen 9. November.

          Machen wir uns nichts vor: Das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus verkümmert meistens zum gedankenlosen, sinnentleerten Ritual. Die immergleichen Redner und immergleichen Schreiber verbreiten die immergleichen Worthülsen und Schlagworte „Gegen das Vergessen!“ oder „Nie wieder!“ Die Bürger lassen diese formalen Äußerlichkeiten über sich ergehen. Innere Anteilnahme? Null.

          Ähnliches dürfte uns auch am und zum 9. November dieses Jahres erwarten. Gedacht wird dabei der Reichskristallnacht, die vor genau 75 Jahren den Auftakt zum sechsmillionenfachen Judenmord bedeutete. Politisch korrekt wird die Reichskristallnacht (nur in Deutschland) seit 1988 Reichspogromnacht genannt. Das war dem geschichtspolitischen Schönheitswettbewerb zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR geschuldet. „Kristallnacht“ verharmlose, verkündete, befeuert von willfährigen universitären Dienstmägden, die DDR-Führung. Wer, wie in „der BRD“ üblich, von „Kristallnacht“ spreche, verschweige, dass in jener Terrornacht weit mehr als Glas zerstört worden sei. Bürger kamen in Konzentrationslager oder wurden ermordet, fast alle Synagogen gingen in Flammen auf. Um national und international nicht als das „schlechtere Deutschland“ zu gelten, übernahmen Amts- und Privat-Bundesrepublikaner, die sich für gute Deutsche hielten, den Begriff „Reichspogromnacht“.

          Diese deutsch-deutsche Komödie war und ist historisch völlig irreführend. Nach dem 9. November 1938 wollte die nationalsozialistische Propaganda dem In- und Ausland weismachen, der Volkszorn und nicht die zentralen NS- und Reichsführungen wären für die Verbrechen verantwortlich. Doch kesse Berliner ließen sich nichts vor- oder weismachen. Um die Verantwortlichen eben nicht weißzuwaschen, nahmen sie als Vorsilbe „Reichs-“ und fügten „Kristall“ hinzu. Denn jedermann hatte in jener Nacht gesehen, dass weit mehr als Glas zu Bruch gegangen war. Reichskristallnacht bekundete zwar keinen Widerstand, wohl aber Widerwillen gegen die er- und bekannten Verbrecher und Verbrechen. Keine Spur von Verharmlosung also.

          Der 9. November 1938 hatte eine zweifache Vorgeschichte: zunächst den 9. November 1923, Hitlers Putschversuch in München. Dieser wäre undenkbar ohne die deutsche Revolution vom 9. November 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs und Anfang der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik. Seine Gegenrevolution plante Hitler am fünften Jahrestag jener Revolution, und der 9. November 1938 sollte für die NS-Regisseure die Rache für denselben Tag des Jahres 1918 und Gedenken an den 9. November 1923 sein.

          Braun-deutsche Dunkelheiten symbolisieren diese Daten vom 9. November. Deutsche und europäische Helligkeit strahlt dagegen der 9. November 1989 aus, der Fall der Berliner Mauer, der Anfang vom Ende der rot-kommunistischen Ära weit über Deutschland hinaus. Dieser Helligkeit und Fröhlichkeit wird weniger gedacht als jener braunen Dunkelheit. Aus Ängstlichkeit, Verkrampftheit, Feigheit, Selbstentfremdung? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Altes Testament, Leviticus 19,18; Neues Testament, Markus 12,29). „Wie dich selbst“. Wer sich selbst nicht liebt, nicht annimmt, der kann seine Nächsten nicht lieben, nicht annehmen. Das ist keine gute Grundlage für gute Gemeinschaft und Nachbarschaft, von Selbstachtung ganz zu schweigen. Die Dialektik aus These und Antithese des Seins und der Geschichte beherrscht das denkende Deutschland in der Theorie besser als in der Praxis.

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