https://www.faz.net/-gpf-7j229

Gedenktage : Erst kommt die Macht, dann die Moral

  • -Aktualisiert am

Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Kontinuität im Wandel des braunroten Deutschlands. 13 Thesen in Anbetracht der vielen 9. November.

          Machen wir uns nichts vor: Das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus verkümmert meistens zum gedankenlosen, sinnentleerten Ritual. Die immergleichen Redner und immergleichen Schreiber verbreiten die immergleichen Worthülsen und Schlagworte „Gegen das Vergessen!“ oder „Nie wieder!“ Die Bürger lassen diese formalen Äußerlichkeiten über sich ergehen. Innere Anteilnahme? Null.

          Ähnliches dürfte uns auch am und zum 9. November dieses Jahres erwarten. Gedacht wird dabei der Reichskristallnacht, die vor genau 75 Jahren den Auftakt zum sechsmillionenfachen Judenmord bedeutete. Politisch korrekt wird die Reichskristallnacht (nur in Deutschland) seit 1988 Reichspogromnacht genannt. Das war dem geschichtspolitischen Schönheitswettbewerb zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR geschuldet. „Kristallnacht“ verharmlose, verkündete, befeuert von willfährigen universitären Dienstmägden, die DDR-Führung. Wer, wie in „der BRD“ üblich, von „Kristallnacht“ spreche, verschweige, dass in jener Terrornacht weit mehr als Glas zerstört worden sei. Bürger kamen in Konzentrationslager oder wurden ermordet, fast alle Synagogen gingen in Flammen auf. Um national und international nicht als das „schlechtere Deutschland“ zu gelten, übernahmen Amts- und Privat-Bundesrepublikaner, die sich für gute Deutsche hielten, den Begriff „Reichspogromnacht“.

          Diese deutsch-deutsche Komödie war und ist historisch völlig irreführend. Nach dem 9. November 1938 wollte die nationalsozialistische Propaganda dem In- und Ausland weismachen, der Volkszorn und nicht die zentralen NS- und Reichsführungen wären für die Verbrechen verantwortlich. Doch kesse Berliner ließen sich nichts vor- oder weismachen. Um die Verantwortlichen eben nicht weißzuwaschen, nahmen sie als Vorsilbe „Reichs-“ und fügten „Kristall“ hinzu. Denn jedermann hatte in jener Nacht gesehen, dass weit mehr als Glas zu Bruch gegangen war. Reichskristallnacht bekundete zwar keinen Widerstand, wohl aber Widerwillen gegen die er- und bekannten Verbrecher und Verbrechen. Keine Spur von Verharmlosung also.

          Der 9. November 1938 hatte eine zweifache Vorgeschichte: zunächst den 9. November 1923, Hitlers Putschversuch in München. Dieser wäre undenkbar ohne die deutsche Revolution vom 9. November 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs und Anfang der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik. Seine Gegenrevolution plante Hitler am fünften Jahrestag jener Revolution, und der 9. November 1938 sollte für die NS-Regisseure die Rache für denselben Tag des Jahres 1918 und Gedenken an den 9. November 1923 sein.

          Braun-deutsche Dunkelheiten symbolisieren diese Daten vom 9. November. Deutsche und europäische Helligkeit strahlt dagegen der 9. November 1989 aus, der Fall der Berliner Mauer, der Anfang vom Ende der rot-kommunistischen Ära weit über Deutschland hinaus. Dieser Helligkeit und Fröhlichkeit wird weniger gedacht als jener braunen Dunkelheit. Aus Ängstlichkeit, Verkrampftheit, Feigheit, Selbstentfremdung? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Altes Testament, Leviticus 19,18; Neues Testament, Markus 12,29). „Wie dich selbst“. Wer sich selbst nicht liebt, nicht annimmt, der kann seine Nächsten nicht lieben, nicht annehmen. Das ist keine gute Grundlage für gute Gemeinschaft und Nachbarschaft, von Selbstachtung ganz zu schweigen. Die Dialektik aus These und Antithese des Seins und der Geschichte beherrscht das denkende Deutschland in der Theorie besser als in der Praxis.

          Weitere Themen

          Das Ding mit dem Osten

          FAZ Plus Artikel: Das Ende der DDR : Das Ding mit dem Osten

          1989 – in das Trauma der Doppeldiktatur krachte das Trauma der Verunsicherung. Verstörung, Abwehr, Gefühlsmüdigkeit, Desillusion machten sich breit. Nach vorn hin wurde saniert und saniert, inwendig blieb das Ganze ohne Boden.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          F.A.Z.-Umfrage zur Lage in Hongkong : Deutsche Unternehmen meiden klare Worte

          Joe Kaeser mahnt gewaltfreien Dialog und Einhaltung des geltenden Rechts in Hongkong an. Viele deutsche Konzerne sind besorgt, drucksen aber herum – sie haben Milliarden in China investiert.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.