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Ukraine-Konflikt : Russlands neokoloniales Projekt

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Bild: dpa

Das russische Projekt, die Ukraine und die Europäische Union im Namen einer anderen Weltordnung zu zerstören, sollte weder schockieren noch verwirren. Immerhin beruht es auf einem zutreffenden Geschichtsverständnis. Ein Gastbeitrag.

          Es kommt nicht so oft vor, dass in Europa eine echte Revolution stattfindet, die mehr als eine Million Menschen mobilisiert, eine Konterrevolution mit zahllosen Todesopfern provoziert und zu einem Regierungswechsel führt. Wären die freien ukrainischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen des Jahres 2014 das Ende der Geschichte gewesen, debattierten wir heute wahrscheinlich über die Frage, ob es sich um eine bürgerliche Revolution zur Verwirklichung einer rechtsstaatlichen Ordnung oder um eine linke Bewegung zur Absetzung eines oligarchischen Regimes gehandelt habe. Vielleicht dächten wir auch über den Zusammenhang nach, den ukrainische Revolutionäre zwischen nationaler Souveränität und europäischer Integration herstellten - die Vorstellung nämlich, das eine basiere auf dem anderen.

          Die Besetzung und Annexion der Krim durch Russland und die bewaffnete Unterstützung der Separatisten in den Oblasten Donezk und Luhansk markieren das Ende einer langen Phase europäischer Geschichte, in der bestimmte Regeln als dauerhaft gültig und staatliche Souveränität als unantastbar angesehen wurden. Aufgrund des Moskauer Vorgehens, das gleichermaßen gegen die Charta der Vereinten Nationen, die KSZE-Schlussakte von Helsinki und das Budapester Memorandum verstößt, steht inzwischen mehr auf dem Spiel als eine Revolution in einem Land. Es geht um nichts weniger als die internationale Ordnung.

          Die Versuche der russischen Propaganda, den Krieg in der Ukraine als globalen Konflikt darzustellen, verweisen auf einen wichtigen Ausgangspunkt: dass nämlich die Revolution und der Krieg in der Ukraine nur einen Sinn ergeben, wenn man die Geschichte des Landes in einen globalen Rahmen stellt und die Entscheidungen der ukrainischen Revolutionäre wie auch die russische Konterrevolution als Reaktion auf eine geschichtliche Zwangslage versteht.

          Der Erste Weltkrieg war eine direkte Folge des auf dem Balkan praktizierten Modells, auf dem Territorium vormaliger Imperien Nationalstaaten zu gründen. Im Zuge dieser Entwicklung wurden alle europäischen Landmächte entweder besiegt oder von einer Revolution hinweggefegt. Das hatte zur Folge, dass der Prozess der Dekolonisierung um das Jahr 1922 in Europa abgeschlossen war. Die aus dem Krieg siegreich hervorgegangenen Seemächte Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten beschränkten die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts auf die neuen Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa. Aber sie unterließen es, diese in eine dauerhafte Form wirtschaftlicher und politischer Kooperation einzubinden. Weder Großbritannien noch die Vereinigten Staaten zeigten sonderliches Interesse an den neuen Ländern. Frankreich bemühte sich anfangs um Militärbündnisse in Osteuropa, doch die lösten sich auf, als die französischen Investitionen während der Weltwirtschaftskrise ausblieben und andere, näher gelegene Mächte stärker erschienen als Paris.

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