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Parteien : Abgrenzen, eingrenzen

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Bild: AFP

Der Verweis auf das verlorene konservative Erbe der CDU ist ein altes Klagelied. Und schon Angela Merkels Vorgänger mussten auf Erfolge von Parteien rechts der Union reagieren. Was kann die CDU von heute aus dem Umgang mit dem BHE, der NPD und den Republikanern lernen?

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          Man hört es allerorten: Die CDU müsse ihr konservatives Profil stärken, um den abtrünnigen rechten Rand zurückzugewinnen. Angela Merkels liberaler Kurs gilt als Grund für die Schwäche der Union. Konservative wie Alexander Gauland hätten sich deshalb eine neue politische Heimat gesucht und mit ihnen ein Achtel der Wähler. Diese Stimmen werden lauter. Alexander Dobrindts Aufruf zu einer „konservativen Revolution“ gegen die Vorherrschaft der Achtundsechziger war nur ein besonders zugespitzter Zwischenruf.

          Strategisch scheint eine konservative Kurskorrektur naheliegend. Allerdings lässt schon ein Blick in unsere Nachbarländer Zweifel aufkommen, ob eine konservativere christlich-demokratische Regierung tatsächlich wie früher knapp die Hälfte der Wähler erreichen könnte. In allen europäischen Staaten sind die großen Volksparteien eingebrochen. Eine starke rechte Konkurrenz finden wir auch dort, wo bürgerliche Parteien einen nationalistischen Ton angeschlagen haben. So blieb etwa die Österreichische Volkspartei (ÖVP) deutlich konservativer als die Union. Doch trotz der markigen Slogans eines Sebastian Kurz erreichte die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) bei der jüngsten Parlamentswahl 26 Prozent.

          Auch der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán setzt auf einen nationalistischen Kurs. Dennoch erhält die rechtsextreme Partei Jobbik bessere Ergebnisse als die AfD in Deutschland. Andere Regierungschefs wie Nicolas Sarkozy folgten im vergangenen Jahrzehnt ebenfalls keinem linksliberalen Kurs, doch der rechtspopulistische Front National blieb stark. Entsprechend ist auch für Deutschland nicht ausgemacht, ob eine „konservative Revolution“ in der CDU die AfD wieder einfängt oder nicht doch vielmehr deren Themen stärkt. In vielen Nachbarländern weckte der nationalistische Kurs bürgerlicher Parteien neue Erwartungen und produzierte Enttäuschungen, die den rechten Rand eher stärkten.

          Der Verweis auf das verlorene konservative Erbe der CDU ist ein altes Klagelied. Es hat immer einen nostalgischen Unterton, so wie der Konservatismus selbst. Er erinnert an die Kanzlerschaft von Konrad Adenauer und Helmut Kohl, als die Union der absoluten Mehrheit noch nahe war und sie in vielen Bundesländern sicher besaß. Tatsächlich musste sich die CDU immer wieder mit den wellenartigen Erfolgen des rechten Randes auseinandersetzen – trotz konservativer Leitfiguren wie Franz Josef Strauß und Alfred Dregger. Wie gelang es der CDU also in der Zeit vor Merkel, die am rechten Rand aufblühenden Parteien klein zu halten?

          Es wird oft vergessen, dass die Adenauer-CDU sich anfangs nicht auf große Mehrheiten stützen konnte. Nur in den katholischen Teilen der Republik konnte die Union dank der ehemaligen Wählerschaft des „Zentrums“ sogleich zur stärksten politischen Kraft werden. In der nördlichen Hälfte Deutschlands reüssierten dagegen rechte Parteien. Die anfangs hohe Arbeitslosigkeit förderte dies. In Niedersachsen etwa kam die Union 1949 hinter der konservativen Deutschen Partei (DP) nur auf Platz drei; zwei Jahre später zog dort bei der Landtagswahl die rechtsextreme „Sozialistische Reichspartei“ (SRP) mit elf Prozent ein. Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 1950 lag die CDU deutlich hinter der rechts ausgerichteten Vertriebenenpartei „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE).

          Besonders Adenauers Außenpolitik, die in Kooperation mit den West-Alliierten auf eine bundesdeutsche Souveränität angelegt war, verärgerte viele konservative Protestanten. Diese dachten stärker gesamtdeutsch. Ebenso sorgte für Missmut, dass Adenauer viele protestantisch-konservative CDU-Führungsfiguren wie Hans Schlange-Schöningen oder Friedrich Holzapfel rasch auf Botschafterposten abschob. Trotz dieser Stimmung ließ Adenauer sich nicht darauf ein, seinen Kurs der Westbindung zu verlassen oder sich mit nationalistischen Parolen anzubiedern. Der Wirtschaftsaufschwung erleichterte letztlich die Integration des rechten Randes. Entscheidend war zudem, dass Adenauer auf eine großzügige Sozialpolitik setzte, die den marktliberalen Vorstellungen Ludwig Erhards kaum entsprach. Entschädigungen für die Flüchtlinge oder höhere Renten kamen jeweils rechtzeitig vor den Wahlen und erwiesen sich als wichtiger als die nationale Frage.

          Zudem setzte Adenauer rasch auf eine Einbindung der kleinen rechten Parteien. Spitzenpolitiker der DP und des BHE erhielten großzügig Posten im Kabinett und schließlich das Angebot, der CDU beizutreten. Vermittels dieser Steinbruchtaktik kamen konservative Bannerträger wie Hans-Christoph Seebohm und Theodor Oberländer zur Union – und mit ihnen ihre Wähler. Von den Rechtsparteien blieb nur ein zerstrittener Flügel zurück, der sich radikalisierte und marginalisierte.

          Wäre dies also eine historische Blaupause für die Merkel-CDU – eine Zusammenarbeit oder eine Koalition mit der AfD und anschließend das Angebot an ausgewählte Leitfiguren, in den sicheren Hafen der Union einzulaufen? Das erscheint fraglich. Gelingen konnte das Aufsaugen der rechten Rivalen im Klima des Kalten Kriegs, der einen antikommunistischen Schulterschluss notwendig erscheinen ließ. In Zeiten vor der staatlichen Parteifinanzierung verfügte das Kanzleramt zudem über überlegene Ressourcen, um kleine Konkurrenten mit Offerten zu locken. Die kleinen rechten Parteien hatten nur wenige eigenständige Mittel.

          Schon in der Ära Adenauer zeigte sich jedoch, wie hoch der moralische und politische Preis für diese Einbindung war. Minister wie Oberländer mussten Anfang der 1960er Jahre nach Enthüllungen über ihre NS-Vergangenheit gehen, während Seebohm durch seine konservativen Sonntagsreden kaum noch tragbar erschien. Vorgänge wie diese werfen bis heute einen Schatten auf diese Zeit.

          Auch die Integration der konservativen und rechten Parteien unter Adenauer konnte nicht verhindern, dass kurze Zeit später abermals eine rechte Konkurrenz neben der Union reüssierte. Die Zeit der ersten Großen Koalition ab 1966 erscheint heute als Parallele zur Gegenwart. Damals zog die NPD in viele Landtage ein, in Baden-Württemberg sogar mit fast zehn Prozent. Wie unter Merkel erzeugte die Große Koalition Unmut, der in dem Vorwurf gipfelte, die Union verrate ihr konservatives Profil. Die subjektive Angst vor der kleinen Konjunkturflaute und den Studentenprotesten kam hinzu. Die CDU befürchtete schon 1966, dass sich die NPD rechts von ihr mittelfristig mit zweistelligen Ergebnissen würde etablieren können.

          Wie mit den Nationaldemokraten umgegangen werden sollte, war in der Union umstritten. Eine Grundlinie war, den abtrünnigen rechten Rand nicht konfrontativ, sondern verständnisvoll zu behandeln. Vor allem Kanzler Kurt Georg Kiesinger vertrat diesen Kurs. „Wir müssen also diese Leute nicht als Neonazis behandeln, sondern als Menschen, die aus verständlichem Ärger gegen dieses oder jenes handeln“, führte er etwa im Mai 1968 im CDU-Bundesvorstand an, nachdem die NPD gerade in seinem Heimatland Baden-Württemberg reüssiert hatte. Auch vor der Bundestagswahl 1969 betonte er, „es sind Leute, die unglücklich darüber sind, dass große Teile dieses Volkes sein nationales Selbstbewusstsein zu verlieren scheinen. Es sind auch solche, die meinen, man könnte mehr tun gegen diese linksradikalen Studenten usw.“

          Während der Berliner CDU-Politiker Johann Baptist Gradl öffentlich betonte, dass „in der NPD viele ordentliche Leute sind“, ermunterte der CDU-Rednerdienst, nicht „die NPD und ihre Wähler zu verteufeln, sondern zu erkennen, dass hier Protestaktionen gegen Ungenügen und Versäumnisse zu bewältigen sind“. Eingrenzen statt Ausgrenzen war also die Devise, zumal sich die Wähler der NPD durchaus von der Partei selbst unterschieden. Dieses Verständnis für die Ängste der abtrünnigen Wähler ist auch heute eine CDU-Strategie; sie ist bis in die Neujahrsansprache der Kanzlerin erkennbar.

          Der kritische Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit galt schon damals als ein Grund für den Aufstieg der rechtsextremen Partei. Im Deutschlandrat der Jungen Union führte etwa der spätere Bundesminister Walter Wallmann die Erfolge der NPD auf das Verhalten von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zurück „sowie das Fehlen nationaler Elemente in dem Programm der demokratischen Parteien“, weswegen „man der Jugend helfen müsse, ein neues nationales Selbstverständnis zu finden“. Dies erinnert an die aktuelle Debatte, in der die intensivere Auseinandersetzung mit dem Holocaust und zu wenig Patriotismus als Gründe für das Erstarken des rechten Randes angeführt werden.

          Allerdings ging die CDU-Führung nicht auf die Forderung ein, sich stärker als konservative Partei zu vermarkten. Im Vorstand äußerte Kiesinger Anfang 1969: „Die CDU könnte sich nicht als eine konservative Partei bezeichnen. Eine Partei, die das Land Nordrhein-Westfalen umschließt, kann sich nicht einfach das Etikett ,konservativ‘ umhängen. In unserer Partei sind konservative Elemente, aber auch liberale, natürlich auch soziale. Da passt kein Etikett. Das ist gefährlich.“ Damit hielt die CDU trotz der Erfolge der NPD an ihrem Erfolgsrezept fest, sich als Volkspartei der Mitte zu titulieren. Zudem setzten die Christdemokraten der NPD-Propaganda einige Grenzen. So verteidigten die Argumentationshilfen der Bundesgeschäftsstelle unzweideutig die Aufnahme der „Gastarbeiter“, anstatt sich an die Rechte weiter anzubiedern.

          Andererseits traten in verschiedenen Ländern jüngere Politiker mit betont national-konservativem Profil hervor. In dem bislang eher katholisch-sozial geprägten Landesverband Hessen übernahm 1967 Alfred Dregger den Parteivorsitz, in Niedersachsen ein Jahr später Wilfried Hasselmann, schon 1966 war Hans Filbinger in Baden-Württemberg Ministerpräsident geworden. Im Vergleich zu ihren Vorgängern setzten sie stark patriotische Akzente und sorgten aus der Provinz heraus für einen harten Polarisierungskurs. Während in den 1970er Jahren Helmut Kohl eher das moderne liberale Gesicht der Bundes-CDU wurde, setzten sie konservative Gegenakzente. Ein derartiges Doppelspiel zwischen liberaler Spitze und konservativer Provinz ist ein wesentlicher Unterschied zu heute.

          Umstritten war die Frage, inwieweit man mit der NPD kooperieren dürfe. Koalitionen auf Landesebene blieben ausgeschlossen, in einzelnen Kommunen kam es dagegen zur Zusammenarbeit. Einzelne Unionspolitiker bemühten sich überdies, NPD-Landtagsabgeordneten zur eigenen Partei herüberzuziehen. Am 12. Dezember 1969 trug der Landesvorsitzende Hasselmann im Bundesvorstand den Plan vor, den Regierungswechsel in Niedersachsen durch die Aufnahme von NPD-Parlamentariern zu erreichen, was unter anderen Helmut Kohl sofort kritisierte. Dennoch stimmte die Führungsspitze der CDU zu: „Die Aufnahme ehemaliger NPD-Mitglieder, die keine bedenkliche politische Vergangenheit haben, ist von der CDU in Niedersachsen beabsichtigt. Obwohl von anderen Landesverbänden dagegen Bedenken geltend gemacht wurden, weist der Generalsekretär auf die Möglichkeit des politischen Irrtums hin und teilt das Verständnis des Präsidiums für die Aufnahme von unbedenklichen früheren NPD-Abgeordneten mit.“ Schon einen Monat zuvor hatte der Vorstand der CDU in Niedersachsen beschlossen, drei NPD-Abgeordnete zu übernehmen. Laut handschriftlichem Protokoll erhielten sie dafür einen finanziellen Ausgleich. Wenngleich der ersehnte Regierungswechsel trotz der drei Überläufer nicht klappte, war deren Wechsel doch ein Signal für Kommunalpolitiker und Wähler, den Schritt zur Union nachzuahmen.

          Diese harte Abgrenzung bei punktueller Integration war für die CDU während der Opposition im Bund und mit guten Ergebnissen in den Ländern leichter durchzusetzen, als es heute der Fall wäre. Denn als Oppositionspartei konnte die Union an ihren alten Polarisierungskurs gegenüber der SPD anknüpfen. Das trug zusätzlich dazu bei, dass die rechten Parteien bis zu Kohls Kanzlerschaft keine Wahlerfolge mehr errangen. Gerade der zugespitzte Protest gegen Brandts Ostpolitik sollte für die CDU ein ideales Thema bilden, um mit nationalen und antisozialistischen Vorzeichen rechts von der SPD integrierend zu wirken. Brandts Regierung mobilisierte einigende Feindbilder ähnlich wie später Rot-Grün.

          Ein „rotes“ Jahrzehnt, das flächendeckend vom Geist des Jahres 1968 beherrscht wurde, waren hingegen selbst die 1970er Jahre nicht. Rechnet man die Landtags- und Bundestagsergebnisse zusammen, so war die CDU/CSU nie so erfolgreich wie in den 1970er Jahren. In vielen Bundesländern konnte sie mit absoluter Mehrheit regieren. Zudem brachte die Union in den 1970er Jahren erfolgreich einige Diskursmuster auf, an die heute die AfD anschließt. So kämpfte sie hartnäckig gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den sie als linken „Rotfunk“ bezeichnete. In indirekter Anlehnung an die von dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon aufgebrachte „silent majority“ ging sie von einer schweigenden Mehrheit der Bevölkerung aus, die durch die linken Medien mundtot gemacht würde. Zum Kernbereich der Sozialpolitik entwickelte sich die Förderung deutscher Familien. Die innere Sicherheit und der Terrorismus wurden nun zu zentralen Themen, die die Union in ihren Wahlkampagnen in den Mittelpunkt stellte und mit hoher Kompetenzzuschreibung vertrat.

          Der Umgang mit Ausländern und Flüchtlingen entwickelte sich erst seit Anfang der 1980er Jahre zu einem gewichtigen Thema. Noch Ende der 1970er Jahre waren es gerade die Christdemokraten, die die erste große außereuropäische Flüchtlingsgruppe in Deutschland unterstützten – die Boat People, die vor allem aus dem kommunistischen Vietnam flohen. CDU-Landespolitiker holten sie mit großem Aplomb aus ostasiatischen Lagern. Alexander Gauland, damals Referent beim Frankfurter CDU-Oberbürgermeister Wallmann, begleitete persönlich 250 von ihnen aus einem Lager in Hongkong nach Deutschland. Die Sozialdemokraten waren eher zurückhaltend. Bundeskanzler Helmut Schmidt ließ sich letztlich nur durch das UN-Flüchtlingshilfswerk und die Hilfsorganisation Cap Anamur dazu bewegen, größere Aufnahmekontingente zu bewilligen.

          Um das Jahr 1980 entstand jene Konstellation, die den Nährboden für die heutigen rechtspopulistischen Parteien bereitete. Nach der iranischen Revolution 1979 erschien der Islam plötzlich als eine potentiell radikale und zugleich rückständige Religion. Nun änderte sich auch der Blick auf die Türken in Deutschland. Zudem nahm die Zahl der Asylbewerber deutlich zu. Im Wahlkampf 1980 kam erstmals der Begriff „Wirtschaftsasylanten“ auf. Gemeint waren Personen, die zur Bereicherung nach Deutschland fliehen würden. Zudem wurde um 1980 deutlich, dass die Zahl der Ausländer durch Familiennachzug wuchs. Erste tödliche Brandanschläge gegen Ausländer folgten. In Hamburg starben 1980 zwei Vietnamesen.

          In diesem Klima und aus Enttäuschung über die Regierung Kohl, die nach Ansicht mancher zu wenig konservatives Profil zeigte, entstanden 1983 „Die Republikaner“. Der Erfolg der rechtspopulistischen Partei korrelierte mit den Asylbewerberzahlen. Als diese Ende der 1980er Jahre steil anstiegen, gelangte die Partei mit Slogans wie „Das Boot ist voll. Schluss mit dem Asylbetrug“ zunächst ins Europaparlament und dann in einige Landesparlamente. Plakattexte wie „Gegen schwarzen Filz und rot-grünen Extremismus“ zeichneten Feindbilder, die auch für die AfD markant sind. Die Republikaner erreichten in der Landtagswahl 1992 in Baden-Württemberg annähernd elf Prozent. Eine ostdeutsche Besonderheit ist der rechte Erfolg somit nicht.

          Die CDU betrachtete die Republikaner sofort als eine ernste Gefahr. Wie auf sie zu reagieren sei, war Anfang 1989 umstritten. Einzelne wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Carl-Ludwig Wagner, der Bundestagsabgeordnete Claus Fischer oder der ehemalige Berliner Innensenator Heinrich Lummer sahen sie prinzipiell als koalitionsfähig an. Auch der Berliner Oberbürgermeister Eberhard Diepgen erklärte der Presse: „Es wäre geradezu hirnrissig, die Republikaner als für alle Zeiten koalitionsunfähig hinzustellen“.

          Die CDU-Führung reagierte einerseits mit einer klaren Abgrenzungsstrategie. Bereits am 4. Juli 1989 beschloss ihr Präsidium, die Zusammenarbeit mit radikalen Parteien auf allen Ebenen zu verbieten. Neben den Republikanern zählte sie dazu auch ausdrücklich die Grünen. Der folgende CDU-Parteitag bekräftigte das Kooperationsverbot. Für die Auseinandersetzung forderte ein Strategiepapier der Bundesgeschäftsstelle, öffentlich nicht von Republikanern, sondern von Rechtsradikalen zu sprechen. „Wichtig ist, dass Links- und Rechtsradikale möglichst häufig in einem Atemzug genannt werden, dass deren Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden, damit die Ablehnung gegenüber Linksradikalen auch gegen die REP gewendet werden kann ... Je klarer die Abgrenzung zwischen der CDU und rot-grün ist, umso leichter sind potentielle REP-Wähler an die CDU zu binden“.

          Gleichzeitig reagierte die Union inhaltlich, indem sie die durch die Republikaner geschürten Ängste aufgriff. Während sie für einzelne Migrantengruppen, insbesondere „Spätaussiedler“ und Juden aus Osteuropa, großzügige Aufnahmeregeln schuf, trat sie hartnäckig für eine Verschärfung des Asylparagraphen im Grundgesetz ein. Der mit der SPD ausgehandelte Kompromiss aus dem Jahr 1993 schränkte das individuelle Grundrecht auf Asyl stark ein, zudem wurden soziale Leistungen reduziert. Das politische Kalkül ging auf: Mit der Zahl der Asylbewerber sank auch der Stern der rechten Parteien. Nicht konservative Köpfe und Manifeste sorgten für die Marginalisierung von Republikanern und auch der „Deutschen Volks-Union“ (DVU), sondern die eingeschränkte humanitäre Hilfe für Flüchtlinge. Damals zeigte sich vieles, was aus jüngeren Jahren vertraut ist. Auf eine anfängliche internationale Offenheit folgte eine Einschränkung, die mit der SPD ausgehandelt wurde.

          Wie viel Krisenpotential eine Koalition mit Rechtspopulisten bergen kann, erfuhr die CDU in ihrem Bündnis mit der „Schill-Partei“ (Partei Rechtsstaatlicher Offensive), die bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 knapp 20 Prozent erreicht hatte. Die Kooperation war von Spannungen und Skandalen durchzogen, die den rechten Rivalen zerlegten und der CDU unter Ole von Beust fast die absolute Mehrheit bescherten. Allerdings profilierte Beust die Hamburger Union zugleich als offene liberale Großstadtpartei und gewann so neue Wähler.

          Nicht nur der Blick ins Ausland unterstreicht, dass Umarmungen des politischen Randes nicht automatisch zum Erfolg führen. Wenig ersprießlich blieben auch die Versuche der SPD in den neuen Bundesländern, die PDS/Linkspartei durch Koalitionen zu integrieren und zu „entzaubern“. Stattdessen sind die Sozialdemokraten nun selbst Juniorpartner in Thüringen. Eine „Bahamas-Koalition“ von Union, AfD und FDP bärge ein entsprechend großes Risiko.

          Das Aufkommen der AfD erinnert an frühere Hochphasen rechter Parteien. Eine viele Jahre amtierende CDU-Regierung, eine große Koalition und der verstärkte Zuzug von Ausländern waren ähnlich wie schon 1966 und nach 1989 entscheidende Bedingungen rechter Wahlerfolge. Und schon die Republikaner hatten davon profitiert, dass ihr Nukleus aus abtrünnigen Christdemokraten und einem Medienmanager bestand – also aus etablierten Eliten, die nun die alten Parteien und Medien von neuer Warte aus kritisieren. Programmatisch ähneln sich die frühen Republikaner und die AfD ebenfalls: Beide berufen sich auf das Volk, warnen vor „dem Terror extremistischer Gewalttäter“ und vor „Überfremdung“. Und beide grenzen sich explizit von Rechtsextremen wie der NPD ab.

          Kann ein konservativer Kurs der Union die AfD tatsächlich stoppen? Ein Blick in die Bundesländer verrät, dass es keinen klaren Zusammenhang gibt. Im Gegenteil: Die AfD ist dort besonders stark, wo die Union durchaus konservativ ausgerichtet ist, etwa in Bayern und Sachsen. In der Nordhälfte der Republik, in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, erzielt die AfD schlechtere Ergebnisse, obgleich die CDU dort keine konservative Kante zeigt. Die neue Nord-Süd-Spaltung zeigte sich deutlich bei den jüngsten Landtagswahlen. Gerade im katholisch geprägten, eher reicheren Süden finden die Rechtspopulisten Zulauf, was zugleich das Klischee von den Wählern in den abgehängten Regionen relativiert. Im Osten knüpfen sie dagegen an den Protest gegen westdeutsche Politiker und Medien an.

          Ähnlich vereinfachend ist die Zuschreibung, dass die AfD die von der Globalisierung abgehängten Bürger vertritt, die beim schnellen Wandel nicht mehr mitkommen. Ältere Menschen, die durch die digitale globale Welt besonders verunsichert werden und mehr Angst vor Kriminalität haben, wählen am seltensten die AfD. Auch Frauen wählen die Partei deutlich seltener, obgleich sie gerade im Osten weniger verdienen. Selbst die vielbeschworene Angst vor sexuellen Übergriffen durch Ausländer mobilisiert eher Männer für die Rechte.

          Kennzeichnend für die AfD-Wähler sind drei Ms: Männer im mittleren Alter mit mittlerem Einkommen und Bildungsgrad – also diejenigen, die eigentlich keine besonders großen ökonomischen Schwierigkeiten haben, aber auf der Karriereleiter nicht weiter aufsteigen und um das fürchten, was sie erreicht haben. Die AfD-Erfolge wirken wie eine Midlife-Crisis der Generation, die während Helmut Kohls Kanzlerschaft aufwuchs, nun aber im Familienstress um ihr kleines Reich fürchtet. Die Angst um Deutschland ist für viele auch eine Angst um die männliche Ehre, die durch eine Kanzlerin und Frauenquoten herausgefordert wird.

          Die Unionsparteien wurden dagegen seit ihrer Gründung überdurchschnittlich stark von Frauen gewählt. Ihr christlicher Wertehimmel sprach auch nach dem Aufkommen des Feminismus bis 1998 eher die Wählerinnen an, die grundsätzlich Parteien in der Mitte bevorzugen. Unter Merkel erreichte die Union diese Rolle wieder, während die konservativen Männer abhandenkamen. Bei einem konservativen männlichen Nachfolger von Merkel könnte sich dies verschieben, wie bei der Stoiber-Wahl 2002: Damals stimmten ausnahmsweise deutlich mehr Männer für die Union. Mehrheitsfähig wurde die Union so jedoch nicht.

          Kann eine „konservative Revolution“ also die AfD-Wähler wieder zur Union zurückführen? Wohl kaum. Es ist allein schon fraglich, ob ein Großteil der AfD-Wähler mit dem Wort konservativ überhaupt adäquat beschrieben ist. Wie die AfD-nahen Kommentare in den Online-Medien zu erkennen geben, ist deren Gefühlslage mit Verbitterung und grundsätzlichem Hass viel adäquater beschrieben. Manifeste und Umarmungen helfen hier wenig. Die Geschichte der Union zeigt vielmehr, dass Grenzen nach rechts und der Blick auf die Mitte ihren Erfolg abgesichert haben. Stark war die Union, wenn sie sozialen Ausgleich mit regionaler Erdung verband. Parteien reüssieren nicht nur, wenn sie laute Ressentiments aufgreifen, sondern ausgewogen und eigenständig agieren.

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