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Parteien : Abgrenzen, eingrenzen

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Das Aufkommen der AfD erinnert an frühere Hochphasen rechter Parteien. Eine viele Jahre amtierende CDU-Regierung, eine große Koalition und der verstärkte Zuzug von Ausländern waren ähnlich wie schon 1966 und nach 1989 entscheidende Bedingungen rechter Wahlerfolge. Und schon die Republikaner hatten davon profitiert, dass ihr Nukleus aus abtrünnigen Christdemokraten und einem Medienmanager bestand – also aus etablierten Eliten, die nun die alten Parteien und Medien von neuer Warte aus kritisieren. Programmatisch ähneln sich die frühen Republikaner und die AfD ebenfalls: Beide berufen sich auf das Volk, warnen vor „dem Terror extremistischer Gewalttäter“ und vor „Überfremdung“. Und beide grenzen sich explizit von Rechtsextremen wie der NPD ab.

Kann ein konservativer Kurs der Union die AfD tatsächlich stoppen? Ein Blick in die Bundesländer verrät, dass es keinen klaren Zusammenhang gibt. Im Gegenteil: Die AfD ist dort besonders stark, wo die Union durchaus konservativ ausgerichtet ist, etwa in Bayern und Sachsen. In der Nordhälfte der Republik, in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, erzielt die AfD schlechtere Ergebnisse, obgleich die CDU dort keine konservative Kante zeigt. Die neue Nord-Süd-Spaltung zeigte sich deutlich bei den jüngsten Landtagswahlen. Gerade im katholisch geprägten, eher reicheren Süden finden die Rechtspopulisten Zulauf, was zugleich das Klischee von den Wählern in den abgehängten Regionen relativiert. Im Osten knüpfen sie dagegen an den Protest gegen westdeutsche Politiker und Medien an.

Ähnlich vereinfachend ist die Zuschreibung, dass die AfD die von der Globalisierung abgehängten Bürger vertritt, die beim schnellen Wandel nicht mehr mitkommen. Ältere Menschen, die durch die digitale globale Welt besonders verunsichert werden und mehr Angst vor Kriminalität haben, wählen am seltensten die AfD. Auch Frauen wählen die Partei deutlich seltener, obgleich sie gerade im Osten weniger verdienen. Selbst die vielbeschworene Angst vor sexuellen Übergriffen durch Ausländer mobilisiert eher Männer für die Rechte.

Kennzeichnend für die AfD-Wähler sind drei Ms: Männer im mittleren Alter mit mittlerem Einkommen und Bildungsgrad – also diejenigen, die eigentlich keine besonders großen ökonomischen Schwierigkeiten haben, aber auf der Karriereleiter nicht weiter aufsteigen und um das fürchten, was sie erreicht haben. Die AfD-Erfolge wirken wie eine Midlife-Crisis der Generation, die während Helmut Kohls Kanzlerschaft aufwuchs, nun aber im Familienstress um ihr kleines Reich fürchtet. Die Angst um Deutschland ist für viele auch eine Angst um die männliche Ehre, die durch eine Kanzlerin und Frauenquoten herausgefordert wird.

Die Unionsparteien wurden dagegen seit ihrer Gründung überdurchschnittlich stark von Frauen gewählt. Ihr christlicher Wertehimmel sprach auch nach dem Aufkommen des Feminismus bis 1998 eher die Wählerinnen an, die grundsätzlich Parteien in der Mitte bevorzugen. Unter Merkel erreichte die Union diese Rolle wieder, während die konservativen Männer abhandenkamen. Bei einem konservativen männlichen Nachfolger von Merkel könnte sich dies verschieben, wie bei der Stoiber-Wahl 2002: Damals stimmten ausnahmsweise deutlich mehr Männer für die Union. Mehrheitsfähig wurde die Union so jedoch nicht.

Kann eine „konservative Revolution“ also die AfD-Wähler wieder zur Union zurückführen? Wohl kaum. Es ist allein schon fraglich, ob ein Großteil der AfD-Wähler mit dem Wort konservativ überhaupt adäquat beschrieben ist. Wie die AfD-nahen Kommentare in den Online-Medien zu erkennen geben, ist deren Gefühlslage mit Verbitterung und grundsätzlichem Hass viel adäquater beschrieben. Manifeste und Umarmungen helfen hier wenig. Die Geschichte der Union zeigt vielmehr, dass Grenzen nach rechts und der Blick auf die Mitte ihren Erfolg abgesichert haben. Stark war die Union, wenn sie sozialen Ausgleich mit regionaler Erdung verband. Parteien reüssieren nicht nur, wenn sie laute Ressentiments aufgreifen, sondern ausgewogen und eigenständig agieren.

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