https://www.faz.net/-gpf-979on

Parteien : Abgrenzen, eingrenzen

  • -Aktualisiert am

Besonders Adenauers Außenpolitik, die in Kooperation mit den West-Alliierten auf eine bundesdeutsche Souveränität angelegt war, verärgerte viele konservative Protestanten. Diese dachten stärker gesamtdeutsch. Ebenso sorgte für Missmut, dass Adenauer viele protestantisch-konservative CDU-Führungsfiguren wie Hans Schlange-Schöningen oder Friedrich Holzapfel rasch auf Botschafterposten abschob. Trotz dieser Stimmung ließ Adenauer sich nicht darauf ein, seinen Kurs der Westbindung zu verlassen oder sich mit nationalistischen Parolen anzubiedern. Der Wirtschaftsaufschwung erleichterte letztlich die Integration des rechten Randes. Entscheidend war zudem, dass Adenauer auf eine großzügige Sozialpolitik setzte, die den marktliberalen Vorstellungen Ludwig Erhards kaum entsprach. Entschädigungen für die Flüchtlinge oder höhere Renten kamen jeweils rechtzeitig vor den Wahlen und erwiesen sich als wichtiger als die nationale Frage.

Zudem setzte Adenauer rasch auf eine Einbindung der kleinen rechten Parteien. Spitzenpolitiker der DP und des BHE erhielten großzügig Posten im Kabinett und schließlich das Angebot, der CDU beizutreten. Vermittels dieser Steinbruchtaktik kamen konservative Bannerträger wie Hans-Christoph Seebohm und Theodor Oberländer zur Union – und mit ihnen ihre Wähler. Von den Rechtsparteien blieb nur ein zerstrittener Flügel zurück, der sich radikalisierte und marginalisierte.

Wäre dies also eine historische Blaupause für die Merkel-CDU – eine Zusammenarbeit oder eine Koalition mit der AfD und anschließend das Angebot an ausgewählte Leitfiguren, in den sicheren Hafen der Union einzulaufen? Das erscheint fraglich. Gelingen konnte das Aufsaugen der rechten Rivalen im Klima des Kalten Kriegs, der einen antikommunistischen Schulterschluss notwendig erscheinen ließ. In Zeiten vor der staatlichen Parteifinanzierung verfügte das Kanzleramt zudem über überlegene Ressourcen, um kleine Konkurrenten mit Offerten zu locken. Die kleinen rechten Parteien hatten nur wenige eigenständige Mittel.

Schon in der Ära Adenauer zeigte sich jedoch, wie hoch der moralische und politische Preis für diese Einbindung war. Minister wie Oberländer mussten Anfang der 1960er Jahre nach Enthüllungen über ihre NS-Vergangenheit gehen, während Seebohm durch seine konservativen Sonntagsreden kaum noch tragbar erschien. Vorgänge wie diese werfen bis heute einen Schatten auf diese Zeit.

Auch die Integration der konservativen und rechten Parteien unter Adenauer konnte nicht verhindern, dass kurze Zeit später abermals eine rechte Konkurrenz neben der Union reüssierte. Die Zeit der ersten Großen Koalition ab 1966 erscheint heute als Parallele zur Gegenwart. Damals zog die NPD in viele Landtage ein, in Baden-Württemberg sogar mit fast zehn Prozent. Wie unter Merkel erzeugte die Große Koalition Unmut, der in dem Vorwurf gipfelte, die Union verrate ihr konservatives Profil. Die subjektive Angst vor der kleinen Konjunkturflaute und den Studentenprotesten kam hinzu. Die CDU befürchtete schon 1966, dass sich die NPD rechts von ihr mittelfristig mit zweistelligen Ergebnissen würde etablieren können.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mittlerweile hat Nils Jonathan Lenssen aus Berlin die Situation akzeptiert: „Das Hauptding ist der Abschluss und was erreicht zu haben“, sagt er.

Abitur zu Zeiten des Virus : Der Corona-Jahrgang

Sie haben von einer besonderen Zeit geträumt, Partys und Reisen vorbereitet. Jetzt aber müssen auch sie zu Hause bleiben. Unsere Autorin hat sich bei Abiturienten umgehört, wie Träume platzten und neue Pläne entstehen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.