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Flüchtlingskrise : Die Fragen des Flüchtlings

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Indessen muss das Argument nicht schon deshalb unrichtig sein, nur weil es sich bei Kant noch nicht findet. In der Sache ist es vor allem die Idee universaler Menschenrechte selbst, die für ein entsprechendes Recht des Flüchtlings streitet, und zwar in ihren ganz elementaren Prämissen, die zum eisernen Grundbestand neuzeitlichen Staatsdenkens gehören: dass alle Menschen frei und gleich an Rechten geboren werden, dass jeder Einzelne ein Recht auf gleiche Beachtung und Respekt hat, so wie es bei uns im Grundversprechen unserer Verfassung, der Menschenwürde, zum Ausdruck kommt.

Das Glück ist uns zugefallen

Aus dieser Gleichheit heraus lassen sich dann eben auch exklusive Besitzrechte ganzer Gemeinschaften an einem bestimmten Teil des Erdbodens bestreiten. Ein Schweizer Rechtsphilosoph namens Martino Mona hat deshalb vor einigen Jahren versucht, aus solchen und anderen Versatzstücken neuzeitlicher Philosophie ein allgemeines Menschenrecht auf Einwanderung abzuleiten und gegen eine Politik der Abschottung in Stellung zu bringen. In der Schweiz selbst scheint es nicht sonderlich rezipiert worden zu sein, jedenfalls merkt man nicht viel davon. Aber was immer sich dagegen sagen ließe: von den ideellen Wurzeln gerade unserer Rechtsordnungen her wäre ein solches Recht durchaus konsequent. Und was wäre unser Versprechen der Menschenwürde wert, wenn man sie ausgerechnet denjenigen vorenthielte, die am dringendsten darauf angewiesen wären?

Oft verbindet sich das Argument noch mit einem zweiten, das man ein Argument der Gerechtigkeit oder einfach ein Argument des historischen Zufalls nennen könnte. Es verweist darauf, dass das, was wir auf dem momentan von uns bewohnten Teil des Erdbodens haben, im letzten Grund unverdient ist. Wir verdanken es einem lotteriehaften Schicksal, dass wir hier geboren sind, auf einer Insel des Glücks und - noch - der Sicherheit, in vielleicht auch nicht wirklich gerecht verteiltem, aber eben doch relativem Wohlstand, mit einer funktionierenden Verwaltung - und dazu bei allem, was man gegen die Politik bei uns vorbringen kann, im Großen und Ganzen auch ordentlich regiert.

Man müsste ja nur diejenigen, die unsere Politiker derzeit wieder mit Hohn und ihrer ganzen Verachtung übergießen, einmal fragen, wo auf der Welt es eigentlich besser aussieht als bei uns und wo sie selbst hinwandern würden, wenn sie die freie Auswahl hätten. Man wird da im Zweifel wenig finden. Aber wenn dieses unser Glück nicht verdient ist, weil es uns selber auch nur zugefallen ist: wären wir dann nicht verpflichtet, es zu teilen?

Solidarität verpflichtet zur Hilfe

Das führt hinüber in das dritte Argument, das auf die Verpflichtungen der Solidarität verweist. Dies ist, so lässt sich unschwer sagen, ein anerkanntes und als solches auch gar nicht weiter begründungsbedürftiges moralisches Prinzip, das zu den ältesten seiner Art zählt. Es findet sich in fast allen Weltreligionen, es fehlt in kaum einer Ethik von der Antike bis heute, und gerade für das Christentum, in dem viele doch immer noch die geheime Grundlage unseres Staatswesens sehen, ist es in vielen wunderschönen Gleichnissen und Geschichten ausbuchstabiert. Inwiefern und vor allem, bis wohin trägt es hier?

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