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Kirche und Krieg : Selig sind die Friedfertigen

  • -Aktualisiert am

Ein Kreuz aus Nägeln sowie eine Bibel vor der Gedächniskirche in Berlin im April 2018. Bild: dpa

Kirchliche Friedensethik kann sich nicht darin erschöpfen, einzelne Stellen aus der Bibel oder Klassiker der Kirchengeschichte zu zitieren. Sie hat gegenwärtige Kontexte zu berücksichtigen. Ein Gastbeitrag.

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          Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Die meisten Stellungnahmen aus den Reihen der evangelischen Kirche zum Ukrainekrieg zitierten diesen Satz aus einer Kundgebung der Ökumenischen Versammlung in Amsterdam 1948. Die Sentenz ist griffig, plakativ, beinahe apodiktisch. Heute wird sie aber oft aus dem Kontext gerissen. Man könnte fast denken, die Delegierten aus aller Welt, etwa aus den Kirchen Nordamerikas, der anglikanischen Kirche, der lutherischen Kirche Schwedens oder der reformierten Kirche der Niederlande, hätten dem Kriegseintritt Frankreichs, Großbritanniens und der USA nachträglich die ethische Legitimation absprechen wollen. Eine solche Lesart würde der Intention der Amsterdamer Zusammenkunft, der Geburtsstunde einer breiten ökumenischen Bewegung, in keiner Weise gerecht.

          Um die Aussage zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie prominente Teilnehmer der Versammlung sich vor dem Zweiten Weltkrieg über das Thema Krieg und Kirche geäußert hatten. Der in den USA lehrende deutsche Theologe Reinhold Niebuhr schrieb etwa zur Begründung, warum die christliche Kirche keine radikal pazifistische sein könne: „Gleich wie sie es drehen oder wenden, die Protagonisten eines politischen Pazifismus enden mit der Akzeptanz und Rechtfertigung der Tyrannei.“ Der Schweizer Karl Barth, Galionsfigur der Bekennenden Kirche, war 1938 in einem Brief an eine Pfarrerin in den Niederlanden sehr grundsätzlich geworden: Die Kirche habe „um des Evangeliums willen . . . den demokratischen Staat aufzurufen, um jeden Preis, auch um den von Not und Untergang, starker Staat zu sein, das heißt: den Diktaturen an seinen Grenzen mit allen Mitteln Halt zu gebieten“. Sie habe zu bezeugen, dass „es etwas gibt, das schlimmer ist als Sterben und als Töten: das freiwillige Jasagen zu der Schande der Herrschaft des Antichrist“.

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