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Europa : Wir sind ein Volk in Europa

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Bild: dpa

Ein Drei-Generationen-Blick auf das vereinte Europa.

          Der Nationalstaat war gestern

          Von Klaus Harpprecht

          Ein Herr in der roten Robe war’s, ein Bundesverfassungsrichter, der die Nation wolkenschwanger eine „Schicksalsgemeinschaft“ genannt hat - im Unterschied zu Europa, das - ja was? - ein Staatenbund, eine Wirtschaftsunion, ein werdender Bundesstaat, vielleicht eine Kulturfamilie, auch eine Wertegemeinschaft sei. Sein Gericht weiß es besser. Wir werden es sehen.

          Hat das nazistische Deutschland die Nachbarn, ja den ganzen Kontinent nicht mit seinem totalitären Sendungsbewusstsein in ein schreckliches gemeinsames Schicksal geprügelt? „Europa wurde im Konzentrationslager geboren“, sagte ein Franzose, der es wissen musste. Und nun soll plötzlich der Nationalstaat wiederauferstehen, als Zuflucht der armen Länder, die vor dem „deutschen Europa“ und seiner Sparkeule zurück in den bergenden Schoß der Nation drängen? Von der Angst vor dem Riesen in ihrer Mitte getrieben, dem Hegemonen, der wirtschaftlich, finanziell, bald auch politisch immer sichtbarer dominiert? Hatte nicht Jean Monnet, der geniale Visionär und Organisator, sein Europa im Kriege entworfen, um den Koloss auf produktive Weise zu bändigen (der sich eines Tages wieder, das sah er voraus, aus dem Elend der militärischen, materiellen und moralischen Niederlage erheben würde)? Dank der Integration würde die deutsche Vitalität künftig dem ganzen Europa dienen, das freilich dieselben Pflichten auf sich nehmen müsste wie der besiegte Gigant, das heißt: seine „Souveränitäten“ in einer Föderation zu bündeln. Waren die Deutschen nicht geradezu gierig, ihrem Jammer durch das konstruktive Werk der Vereinigung Europas zu entkommen?

          Monnets Konzept scheiterte, nach dem geglückten Anfang mit der Montan-Union, am Widerstand seiner kommunistischen und gaullistischen Landsleute gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Vielleicht war es zu früh, das Allerheiligste des Nationalstaates, die Armee, dahin zu geben: gerade weil Frankreich in Indochina eine bittere Niederlage hinnehmen musste. (Die härtere in Algerien würde folgen.) Immerhin gelang es, dank der Gründung einer Wirtschaftsgemeinschaft, einen Weg aus der Krise zu finden. General de Gaulles Zweier-Allianz mit Konrad Adenauers Deutschland zähmte die Alt-Nationalisten hier wie dort. Es glückten auch danach bedeutende Fortschritte - bis hin zur Währungsunion mit der Europäischen Zentralbank, die Kanzler Willy Brandt laut Haager Resolution von 1971 schon bis 1980 geschaffen sehen wollte. Es dauerte länger. Überdies geriet der Euro kurz nach seiner Geburt in die Erschütterungen der Finanzwelt. Er bestand sie zunächst glänzend.

          Mit der Zurückweisung der EVG war auch die Politische Union in weite Ferne gerückt. Die Bundesrepublik wurde „souverän“ samt „Nationalarmee“ (wenn es denn eine ist). Das Frankreich de Gaulles, aber auch Mitterrands hat es niemals akzeptiert, dass der Nationalstaat mit der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges für immer zerbrochen war - nicht nur der deutsche. Frankreich wollte es nicht wahrhaben, obwohl es selber mit der grandiosen Idee der nationalstaatlichen Republik wenig Glück hatte. Napoleon mit seiner folie des grandeurs fegte den Nationalstaat kurz nach der Geburt wieder hinweg (und opferte allein eine Million französische Menschenleben - weiß der Himmel wie viele europäische). Mehr als zwanzig Mal haben die Nachbarn seit der Revolution ihre Verfassung gewechselt. Und der Rest Europas? Großbritannien ist kein klassischer Nationalstaat, sondern eine Föderation (wie die Schotten beweisen), ebenso Spanien. Italien - vielleicht. In Wahrheit die erlittene Einheit zweier Italien: des nördlichen bis Florenz, des südlichen vom Vatikan abwärts.

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