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Energiewende : Deutschland, gutes Klimaland?

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Bild: dpa

Wenn schon „Dekarbonisierung“ der Weltwirtschaft, dann richtig: Solang erneuerbare Energien nicht dazu genutzt werden, die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen zu verringern, ist die Atomkraft die „Brückentechnologie“ der Wahl.

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          Auf ihrem jüngsten Gipfel auf Schloß Elmau haben sich die G-7-Staaten dazu verpflichtet, das Ende der Energieerzeugung aus Kohle und Gas zu beschleunigen. Langfristiges Ziel sei die völlige „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts“.

          Die Industriestaaten möchten mit gutem Beispiel vorangehen. Bundeskanzlerin Merkel, die Gastgeberin, konnte sich damit wieder als „Klimakanzlerin“ profilieren. Auf die nationale Energiewende im Jahr 2011 scheint jetzt ein internationaler Aufbruch zu folgen, bei dem Deutschland wieder als vorbildliches Land dasteht, das sich konsequent für die Interessen der Menschen einsetzt, die unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben.

          Doch ist das wirklich so? Sollen die anderen Industrienationen endlich eine Energiewende nach deutschem Vorbild vollziehen? Der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien spricht zunächst für diese Einschätzung. Immerhin ist deren Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland von 16,6 Prozent im Jahr 2010 auf 26,2 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Im selben Zeitraum wuchs jedoch auch der Anteil der Kohleverstromung von 41,5 auf 43,2 Prozent. Nach den neuesten Daten erhöhten sich die energiebedingten Kohlendioxidemissionen zwischen 2010 und 2013 um gut ein Prozent.

          Rückläufig war hingegen der Anteil von Erdgas (von 14,1 auf 9,5 Prozent) an der Stromerzeugung und vor allem derjenige der Kernenergie (von 22,2 Prozent auf aktuell immer noch 15,8). Für die Gesamtbilanz heißt dies: Anstatt den Abschied von der klimaschädlichen Kohle zu beschleunigen, diente der Ausbau der erneuerbaren Energien hauptsächlich dazu, die Stilllegung von Atomkraftwerken zu kompensieren. Das wird noch einige Jahre so bleiben, weil der Stromverbrauch hierzulande nur sehr langsam zurückgeht.

          Während viele Deutsche den Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Strahlenschutz weiter leugnen, spricht Wirtschaftsminister Gabriel inzwischen offen aus, es sei „eine Illusion, zu glauben, Deutschland könne gleichzeitig aus der Kernkraft und der Kohle aussteigen“. Ob man es wahrhaben möchte oder nicht: Die Bundesrepublik hat sich nach Fukushima dafür entschieden, dem Ausstieg aus der Kernenergie den Vorrang zu geben. Bis im Jahr 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden, muss der Klimaschutz zurückstehen. Frühestens ab 2022 kann der Zuwachs an erneuerbaren Energien konsequent für die Dekarbonisierung verwendet werden.

          Was soll daran verwerflich sein? Schließlich hält Deutschland unverändert an dem Ziel fest, den globalen Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert auf zwei Grad zu begrenzen. Seit 1990 sind die Emissionen so stark zurückgegangen wie in kaum einem anderen Industrieland. Die Bundesrepublik steht bisher zu ihrer Selbstverpflichtung, die nationalen Emissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu verringern. Ist Deutschland also doch ein internationales Vorbild, weil es seinen Anteil an dem globalen Klimaschutz leistet und gleichzeitig die eigene Bevölkerung vor den unabsehbaren Risiken der Atomkraft schützt?

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